Interview der Woche

Sekundarstufe 1 trifft es besonders hart

Die Digitalisierung im Unterricht wird auch nach Corona rasant voranschreiten: EMA-Schulleiter Rainer Schulz. Foto: Roland Keusch
+
Die Digitalisierung im Unterricht wird auch nach Corona rasant voranschreiten: EMA-Schulleiter Rainer Schulz.
  • Andreas Weber
    VonAndreas Weber
    schließen

EMA-Gymnasialleiter Rainer Schulz spricht im Interview der Woche über ein extrem anstrengendes Schuljahr, Corona-Folgen und Digitalisierung.

Nicht nur Schüler, auch Lehrer sehnen sich nach einem langen Schuljahr nach Ferien. Haben 15 Monate Corona-Wirren das Bedürfnis nach Durchatmen verstärkt?
Rainer Schulz: Auf jeden Fall, und ich glaube, da spreche ich im Namen aller Lehrkräfte am EMA. Das Schuljahr war extrem anstrengend. Wir mussten uns auf den Distanzunterricht einstellen, ständig flexibel auf Neues reagieren, alle Schüler aus der Ferne motivieren, verbunden mit der Ungewissheit: Welche Klausuren können wir schreiben, was erwartet uns in ein paar Wochen. Das zehrt an den Kräften. Die Distanz hat deutlich mehr Energie gefordert als die gewohnte Präsenz. Ganz ruht der Schulbetrieb im Übrigen nicht. Wir sind in den ersten 14 Tagen der Ferien Teil des Landesprogramms ‘Extrazeit zum Lernen’, bei dem über 50 unserer Schüler vormittags in den Hauptfächern Englisch, Deutsch, Latein und Mathe Defizite aufarbeiten und von einigen Lehrern, die sich dafür freiwillig gemeldet haben, betreut werden.
Digitalisierung sollte den Unterricht aufrechterhalten. Was war überhaupt von der Ausstattung im Distanzlernen möglich?
Schulz: Das war anfangs nicht einfach. Aber ab dem Sommer 2020, und da muss ich die Stadt loben, konnten wir mit unseren Kooperationsschulen AES und GBG Microsoft Teams nutzen. Das war eine gute Grundlage für den Austausch am Bildschirm, damit haben wir beste Erfahrungen gemacht. Das Land hat ja auch bei der Ausstattung nachgesteuert, nachdem klar war, dass nicht alle Schüler ein Endgerät besitzen. Wir haben am EMA zwei Klassensätze an Laptops für den Unterricht, die wir sofort an Familien rausgegeben haben. Als wir gemerkt haben, dass einige Schüler den Anschluss verlieren, haben wir, wie ich es nenne, ‘Distanzunterricht in Präsenz’ ermöglicht. Diese Schüler waren in der EMA und in Kleingruppen im Selbstlernzentrum und Computerräumen untergebracht, beaufsichtigt vom Personal, das Die Verlässliche stellte. Wichtig war, dass wir zwischendurch Umfragen gemacht haben, Eltern zu ihren Erfahrungen mit dem Distanzunterricht befragt und Hinweise erhalten haben, wo wir nachsteuern müssen.
Was haben Sie aus der Corona-Zeit gelernt?
Schulz: Jede neue Information aus der Flut der Mitteilungen vom Bildungsministerium direkt weiterzugeben an Schüler und Eltern. Sofort Transparenz herzustellen, auch bei jedem Corona-Fall in der Schule, hat trotz aller Unsicherheiten Vertrauen geschafft.
Wo stehen Sie heute auf dem Weg zum digitalen Klassenzimmer?
Schulz: Mit den Endgeräten für jeden Gymnasiasten zuhause haben wir den Lockdown überbrückt. Aber wir wollen natürlich unseren Unterricht vor Ort modernisieren. Der Nutzung von iPads wird künftig eine wichtige Funktion zufallen. Mit dem kommenden Schuljahr richten wir die erste iPad-Klasse in der Stufe 7 ein. Weitere werden folgen. Allerdings brauchen wir dazu ein sicheres und stabiles WLan im Schulgebäude und das gibt es noch nicht. Insgesamt spüre ich auch bei unseren Lehrkräften eine hohe Motivation. Die meisten Lehrer möchten diesen digitalen Weg gehen. Und gerade viele Schüler in der Oberstufe bringen ihr digitales Endgerät täglich mit in die Schule. Wir haben im Übrigen eine Koordinierungsstelle für digitale Schulentwicklung ausgeschrieben, eine A 15-Stelle, die nächstes Schuljahr von einem Lehrer oder einer Lehrerin besetzt wird.
Welche neuen inhaltlichen Schwerpunkte wird Ihr Kollegium 2021/22 setzen?
Schulz: Ich denke, dass wir zunächst vor der riesigen Aufgabe stehen, Schüler mit den sicherlich vorhandenen Lerndefiziten wieder in die Spur zu bringen. Über allem steht, dass wir den Spaß am Gemeinschaftserlebnis zurückgeben müssen. Die Schüler mussten im vergangenen Jahr auf so viel verzichten, auf Klassen- und Stufenfahrten, Auslandsaustausche, Theater und Musik. All das sollen sie wieder erleben und genießen können.
Neu ist seit 2019/20 der bilinguale Zweig Englisch. Wie hat er sich entwickelt?
Schulz: Dieses Jahr startet unsere zweite bilinguale Klasse in der Stufe 5. Sie wird ab 18. August eine von drei Klassen sein, die wir bilden, darunter auch eine Klasse mit Projektunterricht nach Montessori. In der Erprobungsstufe sieht der bilinguale Zweig eine Stunde Englisch mehr als normal vor.
Abiturienten wird der Stempel „Generation Corona“ aufgedrückt. Wird dies ein Makel sein, der ihnen auf dem weiteren Weg anhaftet?
Schulz: Nein, das glaube ich nicht. Ich fand es wichtig, dass die politisch Verantwortlichen das Abitur 2021 nicht ausgesetzt haben. Die Abi-Klausuren hatten alle Abi-Niveau, teilweise gab es mehr Prüfungsaufgaben, um dem Abschlussjahrgang in dieser schwierigen Situation entgegenzukommen. Am Ende wurde unseren Abiturienten nichts geschenkt. Ein ‘Corona-Abitur’ wäre es geworden, wenn das Reifezeugnis nach den Vornoten vergeben worden wäre. Das hätte ein Makel sein können.
Mit welchen Wissenslücken gehen die Abgänger ins Studium oder die Ausbildung?
Schulz: Bei den Abiturienten kann ich mir das nicht vorstellen, zumal Q1 und Q2 als Abschlussklassen relativ früh in den Unterricht zurückkehrt sind. Da würde ich keine Abstriche machen. Am stärksten betroffen ist die Sekundarstufe I, da dürfen wir uns nichts vormachen. Gerade bei den Fremdsprachen wird es größere Defizite geben. Was sich, losgelöst von der Wissensvermittlung, für soziale Folgen für die jungen Menschen aus der Pandemie ergeben, wird erst in Jahren wissenschaftlich erforscht sein.

„Wir müssen den Schülern den Spaß am Gemeinschaftserlebnis zurückgeben.“

Rainer Schulz, EMA-Schulleiter
Wer über einen ausgelaugten Schüler-Jahrgang redet, sollte die Lehrer nicht vergessen. Was wurde den Pädagogen zugemutet?
Schulz: Ständig damit konfrontiert zu sein, dass es keine Planungssicherheit gibt. Belastend war auch, die Schüler nicht in der Klasse zu haben, nicht im direkten Kontakt interagieren zu können. Uns hat die pädagogische Grundlage gefehlt. Natürlich hat auch das Miteinander auf engstem Raum, wenn Unterricht stattfand, bei manchen Kollegen die Angst ausgelöst, sich zu infizieren. Je mehr die Impfungen voranschritten, desto entspannter wurden viele Kollegen. Im Übrigen hielten sich die Tücken der Technik mit zahlreichen neuen Programmen für nicht so rechneraffine Kollegen in Grenzen. Das war vielleicht etwas Positives in der Coronazeit: Wir haben in unserem 75köpfigen Kollegium zum Beispiel gelernt, wie mit moderner Technik effizienter Konferenzen am Bildschirm abgehalten werden können.
Welche Momente haben Sie im vergangenen Jahr am meisten beeindruckt?
Schulz: Die vielen sehr offenen Gespräche mit Kollegen, Schülern und Eltern. Dieses Bedürfnis ehrlich miteinander zu reden hat mich beeindruckt. Bemerkenswert war vor allem, wie unsere Schüler mit der Situation umgegangen sind, wesentlich flexibler und verantwortungsbewusster waren, als wir alle gedacht hatten. Darauf können wir stolz sein. Ein Beispiel: Den Abiturienten musste ich im April leider sagen, dass die Motto-Tage nicht stattfinden können. Ich habe Ihnen aber versprochen: Wir holen sie nach, wenn es die Inzidenzen erlauben. Im Juni haben sie tatsächlich drei Tage ihren Spaß gehabt, sind durch die Klassen gezogen und haben Spielchen mit den Kleineren auf dem Hof gemacht. Ich fand es toll, dass sich die Abiturienten an die Vereinbarung gehalten haben, und ich mein Versprechen somit einlösen konnte.
Fühlen Sie sich von der Politik richtig und sicher durch die Krise navigiert?
Schulz: Fest steht: Die Entscheidungsträger, egal auf welcher Ebene konnten es nicht allen recht machen. Diese Situation ist beispiellos, und insoweit ist es natürlich, dass auch falsche Entscheidungen getroffen wurden. Vieles war jedoch nachvollziehbar. Nehmen wir die oft geäußerte Kritik, dass das NRW-Bildungsministerium seine neuen Anordnungen gerne am späten Freitag rausgeschickt hat. Da könnte ich auch sagen, den Spieß rumdrehend: Ist doch schön, dass Landesbeamte auch noch arbeiten, wenn andere das Wochenende schon eingeläutet haben. Was uns dort zur sofortigen Umsetzung aus Düsseldorf mitgeteilt wurde, kam in den meisten Fällen nicht überraschend. Wir hatten uns schon gedanklich darauf vorbereitet. Wir müssen einfach zugestehen, dass nicht der Entscheider, sondern der Virus unser Feind ist.
Was wünschen Sie sich von den Verantwortlichen im weiteren Verlauf der Pandemie?
Schulz: Losgelöst von Corona, eine bessere Ausstattung des EMA, die dringend notwendige Modernisierung unseres Schulkomplexes und ein konsequentes Forcieren der Digitalisierung.
Auf welche Form des Unterrichts stellen Sie sich zu Beginn des kommenden Schuljahres ein?
Schulz: Wir gehen vom Regelfall für unsere 875 Schüler aus. Die letzte Email, die ich dazu aus dem Bildungsministerium erhalten habe, spricht dafür: Das Schuljahr soll so beginnen, wie es aufgehört hat - mit Präsenzunterricht.

Zur Person

Rainer Schulz, 54 Jahre, verheiratet, ein Sohn; lebt in Leichlingen. Der gebürtige Opladener hat in Köln studiert, ab 1995 sein Referendariat absolviert, sammelte Erfahrungen im IT-Bereich in der Erwachsenenbildung, trat 2000 seine erste Lehrerstelle in Leverkusen-Wiesdorf an mit den Fächern Geschichte und Sozialwissenschaften am Lisa-Meitner-Gymnasium. 2009 wurde er zudem Fachleiter für Sozialwissenschaften am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung (ZfsL) Leverkusen, an dem Referendare den Schliff für ihren Berufsalltag erhalten. Seit Dezember 2018 ist Schulz Schulleiter am EMA.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Schrittweise bis 2033: Alte Führerscheine werden bald umgetauscht
Schrittweise bis 2033: Alte Führerscheine werden bald umgetauscht
Schrittweise bis 2033: Alte Führerscheine werden bald umgetauscht
Wermelskirchener Straße nach Unfall für mehrere Stunden gesperrt
Wermelskirchener Straße nach Unfall für mehrere Stunden gesperrt
Wermelskirchener Straße nach Unfall für mehrere Stunden gesperrt
Schneller Ermittlungserfolg nach Messerstecherei in Remscheid
Schneller Ermittlungserfolg nach Messerstecherei in Remscheid
Schneller Ermittlungserfolg nach Messerstecherei in Remscheid
Corona: Sieben-Tage-Inzidenz bleibt niedrig - Mobile Impfungen für alle ab 12 Jahren
Corona: Sieben-Tage-Inzidenz bleibt niedrig - Mobile Impfungen für alle ab 12 Jahren
Corona: Sieben-Tage-Inzidenz bleibt niedrig - Mobile Impfungen für alle ab 12 Jahren

Kommentare