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„Dr. Schliermann, was macht Gewalt mit Kindern?“

Dr. Thomas Schliermann (68) zählt zum Team der Ärztlichen Kinderschutzambulanz.
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Dr. Thomas Schliermann (68) zählt zum Team der Ärztlichen Kinderschutzambulanz.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Kinderarzt Dr. Thomas Schliermann erklärt, warum das Frauenhaus auch für Kinder oft eine Rettung ist, was Gewalt im Gehirn anrichtet und warum die Folgen für Jungen anders sind als für Mädchen.

Herr Dr. Schliermann, die Leiterin des Frauenhauses, Karin Heier, sagt: „Wir müssen die Kinder so schnell wie möglich aus der Gewalt holen.“ Warum ist das aus Ihrer Sicht wichtig?

Dr. Thomas Schliermann: Kinder sind existenziell abhängig von ihren Eltern, was die Bindung anbelangt. Wenn nun die Hauptbezugsperson, meist ist es hier ja die Mutter, Gewalt erfährt, haben die Kinder auch Todesangst, verbunden mit Gefühlen von Bedrohung und Hilflosigkeit. Denn Kinder sind hierbei in einer ausweglosen Situation - und das auch noch zu Hause.

Situationen von häuslicher Gewalt bergen ein hohes Risiko, dass Kinder sie als traumatisch erleben. Diese Erfahrungen überfordern das Kind in seinem Erleben. Das Erleben von Gewalt ist wie eine seelische Wunde – mit anhaltenden Folgen. Für das Gehirn ist es das gleiche, ob das Kind tatsächlich Gewalt am eigenen Körper erlebt oder Gewalt beobachtet. Und: Wenn ich Gewalt erlebe, dann bekomme ich in der Situation unbewusst auch mit, wie der Täter tickt. Auch das wird abgespeichert. Das betrifft vor allem Jungs.

Warum ist das so?

Schliermann: Wir wissen aus der Traumaforschung, dass traumatische Erlebnisse die Entwicklung nachhaltig beeinflussen. Hier gibt es eine Art Dosis-Wirkung-Effekt: Je häufiger es passiert, je länger es anhält, je schwerer es ist und vor allem je jünger das Kind ist, desto größer sind die Schädigungen in der weiteren Entwicklung des Kindes.

Was passiert dabei im Gehirn?

Schliermann: Traumatische Situationen wie das Erleben von Gewalt machen massiven Stress, versetzen den Körper in ständige Alarmbereitschaft. Wir sprechen hier von toxischem Stress, der die Verarbeitungsmöglichkeiten eines Gehirns überfordert. Das heißt, die Erlebnisse werden nicht mehr im Hier und Jetzt abgespeichert, so dass man sich später wieder daran erinnern kann, sondern sie bleiben unverarbeitet liegen. Diese negativen Erlebnisse sind quasi wie in Konservendosen eingepackt. Unterbewusst befindet man sich permanent in einer Stressreaktion.

Und das kann sich vermutlich vielfältig bei den Kindern äußern.

Schliermann: Ja. Die Kinder sind dauernd gestresst, auch wenn sie sich nicht mehr in der akuten Situation befinden. Dass eine Traumareaktion stattgefunden hat, können wir anhand einiger äußerer Symptome erkennen: Kinder sind permanent unruhig und aufmerksam, weil sie sich subjektiv permanent in Gefahr fühlen. Sie erwarten permanent, dass diese Todesangst wiederkommt.

Sie können sich auch nicht mehr in ihren Emotionen regulieren. Sie reagieren entweder überschießend emotional – sind aggressiv, rasten aus, was vor allem die Jungs betrifft, oder aber sie ziehen sich apathisch zurück, spielen nicht mehr, reagieren depressiv. Und vor allem sind die Kinder in ihrer weiteren Entwicklung blockiert.

Normalerweise erforscht ein Kind die Welt, probiert sich aus – das ist bei diesen Kindern beeinträchtigt. Wir stellen bei ihnen Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen fest, ein vermindertes Sozialverhalten. Bei älteren Kindern bemerken wir auch wieder einen Rückfall in der Entwicklung, zum Beispiel erneutes Einkoten oder Einnässen. Diese Schadsoftware treibt ihr Unwesen in den Kindern. Wenn Kinder also chronisch zu viel Stress haben, reagieren sie auf alle möglichen Situationen wie Alltagsanforderungen übermäßig gestresst. Das zeigt auch die neurobiologische Forschung.

Was passiert hier, neurobiologisch gesehen, im Gehirn eines Kindes?

Schiermann: Unter dem Einfluss des Stresshormons Cortison entwickelt sich das Gehirn tatsächlich anders - das können wir durch bildgebende Verfahren wie der Kernspintomografie sehen. Die Software bestimmt hierbei die Hardware: Die Gebiete, die im Gehirn für Angst zuständig sind, sind bei betroffenen Kindern viel größer und stärker ausgeprägt als andere Hirngebiete, die zum Beispiel für das Gedächtnis, die Emotionskontrolle oder das Lernen zuständig sind.

Die Gehirne von Kindern, die chronischer Gewalt ausgesetzt sind, sind tatsächlicher kleiner. Sie entwickeln sich weniger. Wir bezeichnen das als neurobiologische Narben in der Hardware. Das zeigt auch die Forschung, was die Langzeitfolgen betrifft.

Was sagt die Forschung über die Langzeitfolgen?

Schliermann: Es gibt inzwischen hervorragend belegte Literatur über belastende Kindheitserlebnisse. Das sind Forschungen, die gut abgesichert sind. Auch in Deutschland gibt es hierzu Studien. Betrachtet wurden Gesundheit, Lebensdauer, Lebenszufriedenheit von Erwachsenen, die belastende Erlebnisse in ihrer Kindheit erfahren haben. Es zeigt sich ein eindeutiger Zusammenhang. Wie schon gesagt, je früher und stärker und öfter, desto stärker sind die Langzeitfolgen. Belastende Kindheitserlebnisse ziehen sich also durch das ganze Leben. Erwachsene, die das erlebt haben, weisen vermehrt emotionale Störungen, psychosoziale Störungen, schlechtere Schul- und Berufskarrieren, mehr Beziehungsprobleme und gesundheitliche Probleme auf. Statistisch gesehen, kostet das bis zu 20 Jahre Lebenszeit.

„Helft uns helfen“ Remscheid

Vor welchen Herausforderungen stehen die Kinder, die im Frauenhaus leben?

Schliermann: Die Kinder sind massiv emotional belastet. Ein Kind, das so etwas erlebt, braucht den sicheren Hafen, die Bezugsperson – die Mutter. Sie ist aber selbst durch so eine Situation belastet, der sichere Hafen fehlt. Dann wird das Bindungssystem der Kinder hochgefahren und sie sind ganz eng bei der Mutter. Sie brauchen dann eigentlich ihre gewohnte Umgebung, das fällt natürlich bei einer Unterbringung im Frauenhaus erst einmal weg. Deshalb ist es aus Sicht des Kindes sehr wichtig, die Mutter zu stabilisieren. Die Kinder werden über die Mütter stabilisiert. Sie brauchen eine intensive, persönliche, liebevolle Zuwendung. Daher sind Erzieherinnen im Frauenhaus auch sehr wichtig. Ein Frauenhaus ist auch deshalb elementar wichtig für eine Gesellschaft, weil es sehr früh in die Situation von häuslicher Gewalt reingeht – es leistet hier sekundäre Präventionsarbeit.

Zur Person

Dr. Thomas Schliermann (68) ist Kinderarzt und Neuropädiater in der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Bergisch Land, die er 1989 mitgegründet hat. Neuropädiatrie ist das Fachgebiet, das sich mit Nervenkrankheiten bei Kindern beschäftigt. Bis zu seinem Ruhestand hat Dr. Schliermann, selbst Vater von vier erwachsenen Kindern, das Sozialpädiatrische Zentrum (SPZ) am Sana-Klinikum geleitet.

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