Interview der Woche

Herr Neuhaus, lassen Sie uns reden über Cannabis, Corona und die Arztversorgung

Bildmontage: Thomas Neuhaus, Sozialdezernent Stadt Remscheid, und das Archiv-Bild einer Cannabis-Plantage (bearbeitet) als Symbolfoto. Neuhaus sieht die Legalisierung kritisch.
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Solche

Gesundheitsdezernent Thomas Neuhaus (Grüne) im Interview der Woche zur Legalisierung von Drogen, Corona und den Ärztemangel. Und über einen Besuch, bei dem er durch Cannabiswolken gelaufen ist.

Herr Neuhaus, die Bundesregierung und allen voran Ihre Partei, die Grünen, wollen Cannabis legalisieren. Sie sind Gesundheits- und Jugenddezernent in Remscheid. Was halten Sie davon?

Thomas Neuhaus: Ich bin zwiegespalten. Unsere Verbotspolitik hat den Konsum nicht eingedämmt und das Geld in illegale Kassen gespült. Zudem kann es nicht richtig und zielführend sein, insbesondere Minderjährige und junge Erwachsene aufgrund von Cannabiskonsum zu kriminalisieren. Aber wir müssen zugleich aufpassen, dass wir jetzt nicht den falschen Weg einschlagen.

Der da wäre?

Neuhaus: Ich war in diesem Herbst mit meiner Familie in New York, Boston und kleineren Städten in den USA. Dort ist die Legalisierung erfolgt. Und es war so, dass wir da überall durch eine Cannabiswolke gelaufen sind. Ich habe mich davon durchaus belästigt gesehen, zumal unser Achtjähriger ja immer mit dabei war.

Sie sehen dort große Werbeplakate – links für den Pizza-, rechts für den Cannabis-Bringservice. Ich habe das als abstoßend empfunden.

Die Befürworter der Legalisierung glauben, ein liberaler Umgang damit schränkt den Konsum ein.

Neuhaus: Ich weiß nicht, ob das stimmt. Als Gesundheits- und Jugenddezernent sage ich ohnehin „Pfoten weg“. Gerade bei jungen Menschen.

Ich habe mich in meiner beruflichen Laufbahn als Dozent fünf Jahre lang mit psychisch kranken Jugendlichen und jungen Erwachsenen befasst, die eine cannabisinduzierte Psychose erlitten haben. Das Zeug ist einfach gefährlich.

Ich bin der Meinung, dass wir Long-Covid ernster nehmen müssen.

Thomas Neuhaus

Stichwort gefährlich. Sie sind auch Chef des Corona-Krisenstabes in Remscheid. Wie gefährlich ist Covid-19 noch?

Neuhaus: In den letzten Monaten habe ich tragische Krankheitsverläufe zum Teil auch mit Todesfolge auch bei jüngeren Menschen mitbekommen. Und ich bin auch der Meinung, dass wir Long-Covid ernster nehmen und gute Behandlungsmöglichkeiten vorhalten müssen, da sich dieses Problem häuft, auch ich in meinem Umfeld einige Fälle kenne und nach meiner Infektion sechs Wochen brauchte, um psychisch und physisch wieder fit zu sein.

Deshalb finde ich es wichtig, wenn Menschen sich weiterhin schützen. Ich habe nichts gegen die Maske. Natürlich sind wir alle nachlässiger geworden. Ich auch. Und natürlich ist es angesichts sinkender Todesraten richtig, die Regeln zurückzunehmen. Alle Infos dazu immer aktuell in unserem Live-Blog zu Corona in Remscheid

Wir sehen heute zudem, dass viele Regeln, die von Bund oder Land erlassen worden sind, falsch und sogar schädlich waren. Denken Sie an die Schließung der Kitas. Das war ein Fehler. Und die Schließung der Alten- und Pflegeheime war sicher die desaströseste Entscheidung, die getroffen wurde.

Thomas Neuhaus steht an der Spitze des Corona-Krisenstabes. Viele Regeln, die zur Hochzeit der Pandemie erlassen wurden, sieht er heute skeptisch.

Wie blicken Sie zurück auf die Pandemiezeit in Remscheid?

Neuhaus: Natürlich war da eine große Unsicherheit in der Situation. Im Nachhinein bin ich der festen Überzeugung, dass wir, orientiert an den Erfahrungen und furchtbaren Bildern aus den anderen Ländern, alles getan haben, um das in unserer Stadt zu verhindern. Sie erinnern sich an die Todesfälle in Bergamo?

Dort kam die Armee zum Einsatz, um Särge auf Lastwagen zu transportieren.

Neuhaus: Ja. Wir haben damals die Zahlen für uns in Remscheid hochgerechnet und stellten fest, dass wir in der Kürze der Zeit gar nicht so viele Begräbnisse organisieren könnten. In diese Stimmung von damals muss man sich hineinversetzen.

Dass wir die Alleestraße zur Maskenzone erklärt haben, kommt uns heute komisch vor. Und hinter die Ausgangssperre können wir im Nachhinein auch Fragzeichen machen. Das waren Maßnahmen, die für erforderlich gehalten wurden, um Menschenleben zu retten, da insbesondere die Corona-Impfung noch nicht für den flächigen Schutz vor schweren Krankheitsverläufen zur Verfügung stand.

Und denken Sie bitte auch zurück an die mehr als 30 Coronatoten, die wir innerhalb weniger Wochen in einem Lenneper Altenheim zu beklagen hatten. Das hat sehr weh getan und hat uns furchtbar traurig gemacht. 293 Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt sind seit Beginn der Pandemie gestorben. Das ist tragisch und macht uns deutlich, dass diese Pandemie sehr ernst zu nehmen war und ist.

Heute empfehlen die Ärzte insbesondere älteren Menschen zur Corona-Impfung zusätzlich eine Grippeschutzimpfung. Allerdings muss der impfwillige Remscheider erst einmal einen Hausarzt finden. Es herrscht Ärztemangel.

Neuhaus: Ja und nein. Statistisch betrachtet haben wir einen Versorgungsgrad bei den niedergelassenen Ärzten, der über dem von NRW liegt. Wir sind also gar nicht so schlecht.

Da erzählt Ihnen der eine oder andere Patient aber etwas anderes. Wir hatten gestern noch einen Lenneper am Telefon, der für seine 80-jährige Mutter händeringend einen neuen Hausarzt sucht, nachdem ihr Arzt angekündigt hat, seine Praxis bald dichtzumachen.

Neuhaus: Ja, Sie haben recht. Wenn jemand keinen Termin bekommt, dann stimmt etwas nicht. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass in der Pandemie in den Praxen viele Behandlungen aufgeschoben werden mussten. Viele Bürgerinnen und Bürger trauten sich nicht in die Praxen, und zusätzlich nahmen die Aufgaben der Ärzte in der Pandemie zu.

Wer keinen neuen Arzt findet, kann sich übrigens auch direkt an die Kassenärztliche Vereinigung wenden, die dann zu helfen versucht. Wenn es in einem Stadtteil aktuell keine Kapazitäten gibt, gibt es die aufgrund der von der Kassenärztlichen Vereinigung übermittelten Versorgungsquoten in anderen Stadtteilen in unserer Stadt.

Im vergangenen Jahr ist die Stadt für zwei Kinderarztpraxen in die Bresche gesprungen. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Neuhaus: Ich finde, die Teams dort machen das sehr gut. Wir haben die Praxen modernisiert und die meisten Stellen sind besetzt. Die Praxis in der Gertenbachstraße füllt sich, allerdings kann sie noch mehr Patienten aufnehmen.

Sind die städtischen Praxen wirtschaftlich?

Neuhaus: Wir haben aktuell einen Zuschussbedarf von 285.000 Euro. Da sind natürlich auch Investitionen enthalten. Wir mussten zahlreiche moderne Untersuchungsgeräte erst einmal anschaffen und die Patientenverwaltung digitalisieren. Ich weiß noch nicht, wann wir die Praxen ohne Defizit betreiben können.

Warum nicht? Ein Arzt muss doch auch von seiner Praxis leben.

Neuhaus: Ja. Aber der Arzt als Unternehmer führt seine Praxis auch nicht in der tariflich vereinbarten Arbeitszeit, sondern der kümmert sich nach einem langen Behandlungstag am Abend oder am Wochenende um seine Abrechnungen. Weil viele Mediziner genau das nicht mehr wollen, finden so viele Praxen ja keine Nachfolger mehr. Sie arbeiten lieber als Angestellte und in Teilzeit und wollen sich ganz auf die Medizin konzentrieren.

Für die Qualität der Arbeit ist das gut. Für die Steuerung und die Abrechnung der Leistungen mit der Kassenärztlichen Vereinigung haben wird deshalb zusätzlich eine Verwaltungskraft als Controller.

Zur Person: Thomas Neuhaus

Thomas Neuhaus ist seit Herbst 2014 Dezernent für Soziales, Gesundheit, Jugend, Bildung und Sport der Stadt Remscheid. In der Pandemie leitete er darüber hinaus den Corona-Krisenstab.

Neuhaus, geboren 1967 in Dortmund, arbeitete als Angestellter der Bundesanstalt für Arbeit und studierte danach Volkswirtschaft in Essen. Der Vater von vier Kindern ist Mitglied von Bündnis 90 / Die Grünen.

Alle RGA-Interviews der Woche finden Sie hier.

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