Interview der Woche

Kinderarzt zur Impfung: Eltern sollten sich informieren

Kinderarzt Martin Schulte ist der medizinische Leiter der beiden städtischen Kinderarzt-Praxen in der Innenstadt und in Lüttringhausen. Er empfiehlt Eltern, sich über Impfungen zu informieren, zum Beispiel bei der Stiko. Foto: Roland Keusch
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Kinderarzt Martin Schulte ist der medizinische Leiter der beiden städtischen Kinderarzt-Praxen in der Innenstadt und in Lüttringhausen. Er empfiehlt Eltern, sich über Impfungen zu informieren, zum Beispiel bei der Stiko.

Corona-Schutz für Kinder: Mediziner Martin Schulte im Interview der Woche

Das Gespräch führte Sven Schlickowey

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat den Biontech-Impfstoff für Kinder zwischen fünf und elf Jahren zugelassen. Lassen sich damit schon Aussagen über Wirksamkeit und Verträglichkeit treffen?
Martin Schulte: Die Zulassung beinhaltet ja die Überprüfung der Verträglichkeit und der Wirksamkeit, das ist ein wesentlicher Bestandteil des Zulassungsverfahrens.
Können Sie verstehen, dass Eltern trotz dieser Untersuchungen unsicher sind?
Schulte: Das kann ich absolut verstehen. Wenn ich den Vergleich ziehe, ist es ja auch bei anderen Impfungen, die zum Teil schon seit Jahrzehnten angewandt werden und gut etabliert sind, so, dass es Bedenken und Aufklärungsbedarf bei ganz vielen Eltern gibt.
Was raten Sie den Eltern in einer solchen Situation?
Schulte: Erst einmal, die verfügbaren Informationen einzuholen. Da kann zum Beispiel die Empfehlung der Ständigen Impfkommission helfen, weil hier auf fachlich sehr fundierter Ebene Nutzen und Risiko abgewogen werden. Daraus lassen sich für die Eltern aber auch für uns Ärzte wichtige Informationen gewinnen.
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen der EMA-Zulassung und der Stiko-Empfehlung?
Schulte: Die Zulassung durch die EMA bedeutet, dass der Impfstoff grundsätzlich verwendet werden darf. Die Stiko liefert eine genauere Nutzen-Abwägung – zum Beispiel, für welche Bevölkerungsgruppen eine Impfung zu empfehlen ist. Oder auch, mit welchem Schema geimpft werden soll.
Dafür ist ja entscheidend, wie gefährdet Kinder und Jugendliche durch die Pandemie sind. Wie nehmen Sie das im Praxis-Alltag wahr?
Schulte: Die Verbreitung der Infektion drückt sich ja zum Teil durch die Inzidenz aus, und die ist in der Gruppe der Kinder und Jugendlichen durchaus hoch. Davon grenzt sich allerdings die Frage ab, wie schwer die Kinder von der Erkrankung betroffen sind. Wir wissen, dass gerade jüngere Kinder nur selten von einer schweren akuten Erkrankung betroffen sind. Meine Sorge geht aber eher in Richtung Langzeitfolgen, das sogenannte Long-Covid. Da wissen wir noch nicht, wie sehr Kinder und Jugendliche betroffen sind. Es gibt aber Zahlen, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Kinder Langzeitfolgen davontragen könnten.

„Meine Sorge geht aber eher in Richtung Langzeitfolgen, das sogenannte Long-Covid.“

Kinderarzt Martin Schulte
Der zugelassene Impfstoff ist der gleiche wie der für Erwachsene, enthält aber nur ein Drittel des Wirkstoffs. Klingt ein bisschen so, als ob man es sich einfach und aus Kindern kleine Erwachsene gemacht hätte.
Schulte: Das gibt es auch bei vielen anderen Impfstoffen und Medikamenten, dass die reine Wirksubstanz oft identisch ist. Wichtig für Kinder ist, dass man die richtige Darreichungsform findet, Säfte zum Beispiel, die richtige Dosierung hat und die passenden Empfehlungen, die auf das Alter zugeschnitten sind.
Es gibt noch einen Unterschied: Bei der Zulassung des Erwachsenen-Impfstoffes von Biontech gab es eine Studie mit 40 000 Teilnehmern, bei dem Kinder-Impfstoff war von 1500 Teilnehmern die Rede. Ist das nicht eine sehr dünne Daten-Decke?
Schulte: Wir haben ja neben den Zulassungsdaten inzwischen auch die Erfahrungen aus anderen Ländern. In den USA wurden schon über zwei Millionen Kinder geimpft. Dabei werden weiterhin Daten zum Beispiel über Nebenwirkungen erfasst. Es gibt also einen ständigen Zufluss von Daten und eine ständige Aufarbeitung der Risiken. Insofern fühle ich mich damit gut.
Sie sind seit über 15 Jahren Kinderarzt. Gab es aus Ihrer Sicht schon früher so viele Impfgegner?
Schulte: Es gab in meiner Laufbahn schon immer einzelne Eltern, die den Weg der allgemeinen und anerkannten Empfehlungen verlassen haben. Das waren aber Einzelfälle.
Sind es heute mehr?
Schulte: Ich persönlich glaube, dass der mediale Eindruck den Impfgegnern teilweise eine sehr starke Stimme verleiht, gerade im Internet finden diese Meinungen eine besonders starke Verbreitung. Das spiegelt aber nicht die tatsächlichen Meinungsverhältnisse in der Bevölkerung wider. Denn von der Mehrzahl der Eltern erleben wir Zuspruch.
Liegt die Ablehnung der Impfung im Fall von Corona vielleicht auch an der Angst vor Neuem?
Schulte: Das ist sicherlich ein Aspekt, dass man sich da vor der Verbreitung einer neuen Technik fürchtet, bei der auch noch Stichworte aus der Genetik eine Rolle spielen. Der Ausdruck mRNA, der ja Hinweise auf die Gentechnik gibt, mag die Skepsis fördern. Umso so wichtiger sind auch hierbei Informationen.
Glauben Sie, Informationen alleine reichen aus?
Schulte: Ich glaube, dass das für die meisten Eltern der wesentliche Bestandteil ist, um eine solche Entscheidung zu treffen.

Zur Person

Martin Schulte ist seit Oktober Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums, in dem die beiden von der Stadt übernommenen Kinderarztpraxen zusammengefasst sind. Der gebürtige Hildesheimer absolvierte seine Facharzt-Ausbildung zum Kinderarzt am Sana-Klinikum. Nach einer Weiterbildung in der Neonatologie, der Versorgung von Früh- und Neugeborenen, in Köln kehrte er nach Remscheid zurück.

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