Interview der Woche

Prof. Sliwka: „Demenz kann jeden von uns treffen“

Prof. Dr. med. Ulrich Sliwka (58) leitet die Neurologie am Sana-Klinikum und ist zudem dort Ärztlicher Direktor. Foto: Anke Dörschlen
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Prof. Dr. med. Ulrich Sliwka (58) leitet die Neurologie am Sana-Klinikum und ist zudem dort Ärztlicher Direktor.

Woran kann man Demenz erkennen? Was sind die Ursachen für Demenz? Kann man vorbeugen? Und welche Behandlung gibt es? Interview mit Prof. Dr. Ulrich Sliwka, Chefarzt der Neurologie am Sana-Klinikum.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek

Herr Prof. Dr. Sliwka, woran erkenne ich als Angehöriger, ob ein Familienmitglied dement wird?

Prof. Dr. Ulrich Sliwka: Eine Demenz sicher zu erkennen, ist nicht einfach. Dies bedarf einer fachärztlichen Untersuchung. Angehörige sollten aufmerksam werden, wenn zusätzlich zu Gedächtnisstörungen Probleme bei der Orientierung auftreten. Verdächtig ist es auch, wenn Menschen nicht mehr mit Geld umgehen können, Probleme beim Ankleiden oder Kochen haben oder das Verhalten aggressiv und aufbrausend wird.

Im weiteren Verlauf verlieren viele ihr Interesse an ihrer Umwelt. Demenz betrifft bei weitem nicht nur das Gedächtnis, sondern auch das Denken, Fühlen und die Handlungsplanung, letztlich das gesamte Gehirn. Die Störungen müssen mindestens sechs Monate bestehen, und die Symptome müssen zu Beeinträchtigungen der Alltagsaktivitäten führen, dann kann von einem demenziellen Syndrom gesprochen werden.

Viele dieser Symptome treten auch bei Depressionen auf. Daher ist es so wichtig, bei Verdacht auf eine demenzielle Erkrankung mit Hilfe des Hausarztes eine fachärztliche Untersuchung zu veranlassen.
Die RGA-Benefizaktion „Helft uns helfen“ unterstützt in diesem Jahr auch die Selbsthilfegruppe demenzerkrankter Menschen.

Welche Ausprägungsformen einer Demenz gibt es?

Sliwka: Die Demenz kann ganz unterschiedliche Teile des Gehirns betreffen. Deswegen sind die ersten Symptome nicht immer die gleichen. Bei vielen Menschen ist anfangs das Kurzzeitgedächtnis betroffen, andere sind depressiv verstimmt, zeigen starke Stimmungsschwankungen, sind leicht reizbar und fahren bei Kleinigkeiten aus der Haut, was früher nie der Fall war.

Wieder andere bekommen die Kaffee- oder Waschmaschine nicht mehr korrekt in Gang, verwechseln Kleidungsstücke oder verlaufen sich in bekannter Umgebung. Eine zunehmende Sprachstörung kann auch ein erstes Symptom sein.

„Demenz stellt eines der größten Probleme der Zukunft dar.“

Prof. Dr. Ulrich Sliwka

Was sind die Ursachen?

Sliwka: Wir müssen Ursachen, die wir nicht beeinflussen können, von solchen unterscheiden, die ärztlich behandelbar sind oder durch den Lebensstil beeinflusst werden können. Der Hauptrisikofaktor für Demenz ist das Alter. So leidet zirka ein Drittel der Menschen zwischen 90 und 95 Jahren an einer Demenz. Bei den 80- bis 85-Jährigen sind es noch über 10 Prozent. Zwei Drittel aller Demenzerkrankten sind Frauen. Das liegt daran, dass Frauen eine höhere Lebenserwartung haben und deswegen ihre demenzielle Erkrankung häufiger erleben.

Da Demenz eine Erkrankung der älteren Menschen ist und in unserer Gesellschaft das Durchschnittsalter deutlich ansteigt, werden demenzielle Erkrankungen in den nächsten Jahren eines der größten sozialen und gesundheitspolitischen Probleme darstellen.

Genetische Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle. Sind beide Eltern an einer Demenz erkrankt, steigt das Risiko, selbst zu erkranken. Vermeidbare Risikofaktoren sind Sportarten mit wiederholten Kopfverletzungen wie Boxen oder Football. Daher wird gerade im Jugendfußball das Kopfballtraining bis zu einem gewissen Alter nicht mehr intensiv trainiert.

Behandelbare Ursachen von demenziellen Syndromen sind Schilddrüsenunterfunktion sowie schwere und langandauernde Vitaminmangelzustände. Übermäßiger Alkoholgenuss, langjähriger nicht behandelter Bluthochdruck und ein schlecht eingestellter Blutzucker sind mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden.
Dazu auch: „Sie fehlt uns“: Wie Alzheimer alles veränderte

Was tun, wenn der Verdacht auf eine Demenz besteht?

Sliwka: Um behandelbare Ursachen frühzeitig zu therapieren, sollte bei einem Demenzverdacht der Facharzt für Neurologie oder Psychiatrie aufgesucht werden. Bei begründetem Verdacht wird dort neben einer ausführlichen körperlichen Untersuchung auch ein Kernspintomogramm des Gehirns veranlasst und eine Nervenwasseruntersuchung durchgeführt. Eine ganze Reihe von Laborwerten und eine Hirnstromkurvenableitung (EEG) gehören ebenfalls zur Diagnostik dazu.

Was passiert bei einer Demenz im Körper?

Sliwka: Die Demenz entsteht, weil Hirnzellen geschädigt werden. Dies kann, zum Beispiel bei der Alzheimer-Erkrankung, durch das Verklumpen von Eiweißen entstehen. Diese Ablagerungen stören die Funktion der Nervenzellen und führen am Ende zu deren Zerstörung.

Bei anderen Demenzformen kommt es, wie bei der Alkoholkrankheit, zu einer Vergiftung der Nervenzellen. Beim Bluthochdruck wird durch Schäden an den kleinsten Arterien des Gehirns der Transport von Nährstoffen aus dem Blut zu den Nervenfasern gestört. Diese Beispiele zeigen, dass die Mechanismen, wie Nervenzellen geschädigt werden können, vielfältig sind.

Was kann ich tun, um das Risiko zu verringern?

Sliwka: Um auch im hohen Alter geistig fit zu bleiben, rate ich Folgendes: Blutdruck behandeln, Diabetes mellitus gut einstellen, regelmäßige körperliche Aktivität, Gewichtskontrolle und viele soziale Kontakte. Soziale Kontakte machen Freude und sind das beste Training für unser Gehirn.

Ist Demenz heilbar?

Sliwka: Ja, wenn behandelbare und behebbare Ursachen vorliegen. Wenn wir die Risikofaktoren für Arteriosklerose, chronische Vergiftungen – zum Beispiel durch Alkoholkonsum –, Depressionen oder einige Stoffwechselerkrankungen gut therapieren, dann ist Demenz bei diesen Patienten behandelbar.

Die Alzheimerdemenz ist trotz intensiver Forschungsbemühungen bisher leider nicht behandelbar. Die zurzeit verfügbaren Medikamente haben nur eine geringe aufschiebende Wirkung.

Ziel einer zukünftigen Therapie der neurodegenerativen Demenzformen wird es sein, bei noch gesunden Menschen das Demenzrisiko früh zu erkennen und eine wirksame Therapie noch vor dem Ausbrechen der Erkrankung zu beginnen. Das ist das Ziel der in Entwicklung befindlichen Therapien. Hier sind erfolgversprechende Möglichkeiten erkennbar, erste Zulassungen für einzelne Medikamente sind vor kurzem in den USA erfolgt. Nicht wirksam sind frei verkäufliche Mittel aus der Apotheke, die angeblich die Hirnleistung verbessern sollen.

Was tun, wenn die Diagnose Demenz gestellt ist?

Sliwka: Demenz kann jeden von uns treffen. Sprechen Sie mit dem Betroffenen über die Diagnose. Verhindern Sie die Isolation der Erkrankten, soziale Kontakte verlangsamen den Krankheitsprozess. Holen Sie sich Hilfe bei Beratungsstellen, zum Beispiel im Demenz-Servicezentrum Region Bergisches Land, und in Selbsthilfegruppen.
Dazu auch: Ehrenamtlerin Susanne Heynen leitet die Selbsthilfegruppe „Hör mir zu!“

Gerade zu Beginn der Erkrankung sollte so früh wie möglich eine Vorsorgevollmacht eingerichtet werden. Falls der Patient Hilfe benötigt, sollten Leistungen der Pflegeversicherung beantragt werden.

Die nächsten Angehörigen sind alleine mit der Versorgung des Patienten oft überfordert. Organisieren Sie möglichst ein Netzwerk von Helfern, so dass die Versorgung des Patienten auf mehrere Schultern verteilt wird und Zeit zum Kraftschöpfen bleibt. Auch Menschen mit Demenz haben Lebensqualität und Lebensfreude, auch wenn dies nicht immer klar zu erkennen ist. Das sollte nie vergessen werden.

Zur Person: Prof. Dr. med. Ulrich Sliwka

Prof. Dr. Ulrich Sliwka (58) ist gebürtiger Pfälzer und studierte an der Universität des Saarlandes. Nach Stationen am Universitätsklinikum Mannheim und der Uniklinik der RWTH Aachen war er Oberarzt und kommissarischer Direktor der Universitätsklinik Jena, ehe er leitender Oberarzt am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf wurde. Seit 2003 ist Prof. Dr. Ulrich Sliwka Chefarzt der Neurologie mit Schlaganfallstation im Sana-Klinikum Remscheid. Zudem ist er Ärztlicher Direktor. Sliwka lebt in Lennep und ist begeisterter Mountainbiker.

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Helft uns helfen: RGA-Benefizaktion unterstützt Selbsthilfegruppe

Noch bis Mitte Januar läuft die RGA-Benefizaktion „Helft uns helfen“. Sie unterstützt in diesem Winter zwei Institutionen, die sich um oft vergessene Menschen in unserer Gesellschaft kümmern: Zum einen die Evangelischen Jugendhilfe Bergisch Land (EJBL), zum anderen die Selbsthilfegruppe „Hör mir zu“, die sich um Angehörige und Betroffene von Demenz kümmert. Auch Sie können noch spenden!

Sie haben bereits für „Helft uns helfen“ gespendet

Auch diese Leserinnen und Leser haben bereits gespendet, wofür wir uns herzlich bedanken: Walter und Petra Sieh, Gertrud Eschenröder, Karin Hepp, Monika Auffermann-Bigell, Petra Saager-Begas, Klaus und Hendrine Mebus, Bärbel Müller, Peter J. und Cornelia Roerig, Annemarie Quante, Erwin und Marianne Graumann.

Hans und Sigrid Benscheid, Johannes Dorndorf, Hans Jürgen und Martina Gestwa, Ingrid Geil, Marianne Peters, Rolf Corsten, Hans Umbach, Erika Krüll, Gerd und Gertrud Jakobi, Hermann und Renate Schramm, Anneliese König, Udo und Edelgard Jäger, Lutz und Bettina Heinrichs, Klaus und Ursel Logemann, Heinrich und Gertrud Jeseck, Werner und Helga Kürschner, Peter und Angelika Neuenhöfer.

Ernst Dieter Bohm, Frank Eduard Herbers, Gudrun Gohl, Rainer und Rita Schmitz, Peter und Heike Kleinschmidt, Manfred Paul Josef von Fritschen, Hans Joachim und Cornelia Hubner, Ursula Pagel, Gisela Holznagel, Erika Pohle, Horst Herbert und Beate Putsch, Wilhelm Kluttig, Gerhard und Gisela Goldbaum.

Rosemarie Mattick, Gisela Puschert, Gabriele Heider, Gernot und Jutta Wiesel, Hubertus und Petra Kirch, Christa Söhnchen, Elisabeth Wirtz, O. und K. Timm, Herbert und Rita Guethe, Brigitte Beltz, Werner und Christiane Grafke, Sigrid Schievelbusch, Vera Zien, Horst Meyer, Alfred und Heike Orlowski, Ursula Schiewe.

Horst Gunter Konrad, Ekkehard Sackermann, Ingrid Schlicht, Rainer und Renate Margret Schoneshofer, Irmtraud Kaufel, Dietmar und Andrea Hoth, Mitglieder Bergische Musikprojekte, Ernst Melzer und Bärbel Melzer, Christel Urspruch, Ursel Wolff, Anna Dorothea Schmitz, Peter Branscheid, Ursula Kleinmann, Franz und Christa Fey.

Helmut Schucht, Renate Schulten, Hans-Juergen und Elisabeth Michalik, Rainer Sappok und Bärbel Leuschner-Ziebehl, Inge Kilp, Lucie Dupik, Dr. Gert und Heidi Brinkmann, Klaus und Ingrid Conrad.

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