Interview der Woche

Seelsorge nach Notfällen: Die Einsamkeit nimmt zu

Notfallseelsorger Ulrich Geiler kümmert sich seit einem Vierteljahrhundert im Kirchenkreis Lennep um Menschen, die schwere Schicksalsschläge verkraften müssen. Foto: Roland Keusch
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Notfallseelsorger Ulrich Geiler kümmert sich seit einem Vierteljahrhundert im Kirchenkreis Lennep um Menschen, die schwere Schicksalsschläge verkraften müssen.

Ulrich Geiler leistet seit 25 Jahren Beistand nach schweren Schicksalsschlägen.

Das Gespräch führte Frank Michalczak

Herr Geiler, Sie sind seit 25 Jahren als Notfallseelsorger im Einsatz und betraten damals Neuland. Was bedeutet Ihnen diese Aufgabe?

Ulrich Geiler: Als ich 1996 vom Kirchenkreis Lennep mit ihr betraut wurde, hatte ich erst einmal Bauchschmerzen, weil ich Befürchtungen hatte, was da auf mich zukommt. Ich hatte damals neben meiner Tätigkeit als Pfarrer in der Adolf-Clarenbach-Gemeinde die Aufgabe, „Kirche unterwegs“ an der Bevertalsperre zu betreuen. Da gab es für die Urlauber tolle Angebote – Gottesdienste, Jugendarbeit, Gruppen für Frauen und Männer, einen Bibelkreis.

Auch deswegen war ich etwas zögerlich, die Notfallseelsorge zu übernehmen, die mir im Laufe der Zeit umso wichtiger geworden ist. Denn wir verlassen dabei die Mauern der Kirche und gehen zu den Menschen, die uns brauchen, um nach einem schlimmen Schicksalsschlag nicht allein sein zu müssen. Die Kirche erwartet von den Gläubigen, dass sie zu ihr kommen. Umgekehrt müssen wir aber auch den Weg zu den Menschen und ihre Nähe suchen. Genau dies macht die Notfallseelsorge aus.

Sie werden nach tödlichen Unfällen angefordert oder auch nach einem plötzlichen Sterbefall in der häuslichen Umgebung. Rauben Ihnen nach 25 Jahren denn noch manche Erlebnisse den Schlaf?

Geiler: Nein, das nicht. Aber ich kann vieles nicht vergessen. Es ist ganz wichtig, dass man selber guckt, aus dem Erlebten wieder rauszukommen und dass man es in das eigene Leben integriert, ohne dass es belastet. Dabei helfen der kollegiale Kontakt und die Gespräche mit den Kollegen, aber auch mein persönlicher Glaube. Und ganz sicher hilft meine Familie. Ich habe tolle Kinder und die beste Frau der Welt.

Sie stehen auch den Mitarbeitarbeitenden der Feuerwehr nach schweren Einsätzen zur Verfügung. Suchen Sie das Gespräch oder suchen die Mitarbeitenden das Gespräch mit Ihnen?

Geiler: Das ist unterschiedlich. Vor der Corona-Zeit war ich einmal in der Woche in der Hauptwache in Ueberfeld, wo sich auch schon mal bei zufälligen Begegnungen Gespräche auf dem Flur entwickeln – nicht nur über Erlebnisse bei Einsätzen, auch über Probleme im Berufsalltag oder in der Familie. Mit der wöchentlichen Präsenz bei der Feuerwehr will ich deutlich machen: ‘Ich habe ein offenes Ohr für Euch.‘ Auf der anderen Seite kommt es natürlich auch vor, dass nach einem belastenden Einsatz bei mir das Telefon klingelt. Nachdem in Radevormwald in diesem Jahr ein Vater seine Frau, deren Mutter und zwei Kinder tötete, nahmen zahlreiche Einsatzkräfte seelsorgerische Begleitung in Anspruch.

Wie hat sich denn im Laufe der Jahre die Seelsorge-Arbeit verändert?

Geiler: Es gibt einen großen Unterschied zu früher, und zwar die wachsende Vereinsamung. Wir kümmern uns um immer mehr Menschen, die nach dem plötzlichen Tod ihres Ehepartners ganz alleine stehen und buchstäblich niemanden haben – also keinen Kontakt zu Nachbarn, keinen Kontakt zu Freunden oder zu Vereinen oder einer Kirchengemeinde. Es ist bedrückend, sie nach dem Besuch allein lassen zu müssen und sie ihrer Einsamkeit zu überlassen. Aber als Notfall-Seelsorger können wir es nicht leisten, das weitere Leben an ihrer Seite zu bleiben. Feuerwehr-Chef Guido Eul-Jordan hat kürzlich noch einmal betont, wie froh er ist, dass wir bei Angehörigen bleiben, wenn die Rettungskräfte abrücken, weil sie nichts mehr tun können. Aber auch wir müssen irgendwann gehen.

Aber Sie können die zuständige Kirchengemeinde auf das Schicksal aufmerksam machen.

Geiler: Das geschieht natürlich. Wir fragen nach einer Kirchenzugehörigkeit und können anhand des Straßenverzeichnisses erkennen, welche Gemeinde zuständig ist. Nur: Nicht alle sind noch Mitglied der Kirche.

Sie haben 1996 als erster Notfallseelsorger im Kirchenkreis Lennep begonnen und koordinieren längst ein ganzes Netzwerk. Wer verbirgt sich denn hinter diesem Team?

Geiler: Das sind Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Lenneper Kirchenkreis, aber auch Geistliche aus den Katholischen Kirchengemeinden und den Freikirchen. Wir haben außerdem ehrenamtliche Mitarbeitende in unseren Reihen, die sich durch 80 Stunden theoretischer Ausbildung und Einsatzpraktika bei Feuerwehr und Rettungsdienst auf die Aufgabe vorbereiten. Zusätzlich nehmen wir sie zunächst mit zu unseren Einsätzen, quasi als Co-Pilot erleben sie die Gespräche mit, bevor sie selber Dienste übernehmen. Insgesamt umfasst unser Pool etwa 30 Mitarbeiter, für die ich jeweils für ein Vierteljahr den Dienstplan schreibe. Somit ist für eine Rund-um-die-Uhr-Rufbereitschaft gesorgt.

Und wie viele Einsätze zählt das Team im Durchschnitt?

Geiler: Im Laufe der vergangenen 25 Jahren haben wir 1682 Einsätze gezählt. Im Schnitt sind es fünf bis sechs Einsätze im Monat.

Waren Sie auch in den Remscheider Hochwassergebieten im Einsatz?

Geiler: Nein, das nicht. Ohne die schlimmen Schäden schönzureden, sind wir in Remscheid ja noch glimpflich davon gekommen. Um die Seelsorge in den betroffenen Ortsteilen haben sich bei uns die Kolleginnen und Kollegen aus den zuständigen Gemeinden gekümmert. Eine Pfarrerin, ein Pfarrer und ein ehrenamtlicher Mitarbeiter aus unserem Team haben aber nach der Hochwasser-Katastrophe die Betroffenen in Erftstadt unterstützt.

25 Jahre Notfallseelsorge wird mit einem Festgottesdienst in der Lutherkirche am Samstag, 6. November, um 17 Uhr gewürdigt. Ist der Gottesdienst öffentlich oder richtet er sich nur an geladene Gäste?

Geiler: Gottesdienste sind grundsätzlich öffentlich. Allerdings müssen wir die Corona-Bestimmungen beachten. 120 Menschen finden derzeit in der Lutherkirche Platz. Wir haben zwar Gäste gezielt eingeladen, die zu unserer Arbeit einen Bezug haben. Wir versuchen aber, alles zu ermöglichen, was in den Rahmen passt.

Zur Person: Pfarrer Ulrich Geiler

Ulrich Geiler (58) wurde in Wissen an der Sieg geboren und wuchs nahe Koblenz auf. Er studierte Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal und später an der Uni Bonn. Erste berufliche Stationen führten ihn in die Eifel und in den Hunsrück, ehe es ihn 1993 wieder zurück ins Bergische zog. In diesem Jahr übernahm er eine halbe Pfarrstelle in der Adolf-Clarenbach-Gemeinde, in der er bis heute tätig ist. Eine weitere halbe Stelle hat er beim Kirchenkreis Lennep, für den er zunächst als Campingplatz-Seelsorger an der Bevertalsperre im Einsatz war und ab 1996 die Aufgabe des Notfallseelsorgers übernahm. Ulrich Geiler ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

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