Corona-Pandemie

Impfpflicht: Stadt und Einrichtungen wollen Engpässe in der Pflege vermeiden

Impfarzt Niklas Falk (l.) und Ralf Mantei: 365 Grad impft und testet in der Elberfelder Straße 49 Bürger und Mitarbeiter. Foto: Roland Keusch
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Impfarzt Niklas Falk (l.) und Ralf Mantei: 365 Grad impft und testet in der Elberfelder Straße 49 Bürger und Mitarbeiter.

Etwa zehn Prozent der Mitarbeiter in Pflegeberufen sind ungeimpft. Was das ab dem Stichtag im März bedeutet, ist noch unklar. Es fehlen klare Anweisungen, wie die Pflicht umgesetzt werden soll.

Von Timo Lemmer

Remscheid. Ralf Mantei ist in Sorge. „Es ist so schon eng in der Pflege“, sagt der Geschäftsführer des Pflegedienstes 365 Grad. Der ist in Remscheid an drei Standorten vertreten, fährt einerseits seinen ambulanten Tourendienst und betreut andererseits eine Wohngemeinschaft mit 23 beatmungspflichtigen Patienten an der Taubenstraße sowie eine Kinderwohngemeinschaft an der Elberfelder Straße mit neun Plätzen. Wenn jetzt durch die einrichtungsbezogene Impfpflicht ab Mitte März einige der etwa 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Remscheid wegbrechen würden, wäre das eine mittlere Katastrophe – auch im niedrigstelligen Prozentbereich.

Aktuelle Infos zur Corona-Situation in Remscheid finden Sie hier.

Das melden auch andere Einrichtungen zurück. Bei der Stadt läuft zur Impfpflicht momentan eine Abfrage an alle betroffenen Einrichtungen, die auf rund zehn Prozent ungeimpfte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Remscheid hinauszulaufen droht. Denen droht de facto ein Berufsverbot. Zugleich wirbt die Stadt intensiv noch einmal für Impfungen (siehe unten).

Es soll Ausnahmen geben, wenn die Betreuung durch Berufsverbote gefährdet sein könnte.

Dezernent Thomas Neuhaus fordert hierzu klare Regelungen

Mantei sorgt sich, obwohl die Impfquote bei seinen Mitarbeitern „bei 98 Prozent“ liegt. Ausgesprochen hoch also im Vergleich zur Gesamtbevölkerung, aber: „In der Pflege ist jedes Milliprozent wertvoll.“ Schon habe 365 Grad in Remscheid 15 offene Stellen, könne keine weiteren Touren aufnehmen und habe Bettenkapazitäten, die nicht bedient werden können. Jede Urlaubsplanung wird zum Puzzle.

Bei der Stadt sorgt derweil vor allem die rechtliche Dimension für Verdruss, weil zu vieles noch ungeklärt sei. Das Gesundheitsamt muss den Paragrafen im Infektionsschutzgesetz letztlich anwenden, von dem Sozialdezernent Thomas Neuhaus (Grüne) sagt: „Ich halte den Paragrafen für misslungen.“ Das meint der Leiter des Corona-Krisenstabs keineswegs inhaltlich, aber eben in der Ausgestaltung. Zum einen käme die einrichtungsbezogene Impfpflicht ab 15. März zu spät: „Es ist wie immer eine Frage des Timings.“ So war die Akzeptanz gegenüber verpflichtenden Impfungen vor einigen Wochen oder Monaten sicherlich noch höher. Und: „Ein früherer Start hätte ganz bestimmt auch Menschenleben gerettet.“

Vor allem aber fehlen Neuhaus und seinen Gesundheitsdezernenten-Kollegen des NRW-Städtetags klare Anweisungen, wie die Pflicht umgesetzt werden soll. „Es soll Ausnahmen geben können, wenn die Betreuungssituation durch Berufsverbote gefährdet sein könnte“, weiß Neuhaus. Aber: Es fehlt ein klarer Katalog, wie in welcher Situation verfahren werden soll. Das müsse in ganz NRW aber zwingend gleich sein. „Die Einrichtungen sind unsere Partner. Sie übernehmen eine sehr wichtige Versorgungsfunktion.“

Des Weiteren sei es den Gesundheitsämtern, auch dem in Remscheid, nicht zuzumuten, weitere Aufgaben zu übernehmen. „Wir sind bis an die Grenze belastet. Weitere personalintensive Aufgaben sind nicht zu schultern.“ Neuhaus sieht hier das Land in der Pflicht, sowohl Personal zu senden als auch die Finanzierung zu sichern, um die Pflicht umsetzen und kontrollieren zu können.

Remscheid: Mobile Arztpraxen sind quasi durchgeimpft

Zurück zu den betroffenen Einrichtungen. Dort gibt es auch diese Beispiele: „Es gibt Stellen, da ist das Problem quasi nicht vorhanden. Etwa in ambulanten Arztpraxen“, so Neuhaus. Die Situation in Altenheimen stelle sich derweil unterschiedlich dar. Aus der Senioren-Residenz Am Klinikum heißt es: „Die Impfquote von Mitarbeitern ist sehr gut.“ Alja-Claire Dufhues, Sprecherin der zuständigen Alloheim-Senioren-Residenzen sagt, in Remscheid liege sie bei 98 Prozent. Bei dieser Quote habe die Impfpflicht „keine Auswirkungen auf unsere Einrichtung in Remscheid.“

Hintergrund

Abfrage: Die Stadt ermittelt aktuell die Impfquote in den betroffenen Einrichtungen. Es zeichne sich ab, dass etwa zehn Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ungeimpft seien.

Zahlen: In Remscheid betrifft die Impfpflicht 76 Einrichtungen mit grob 2000 Mitarbeitern.

Impfung: Die Stadt wirbt im Rahmen der Abfrage für die Impfung – und bietet auch den Proteinimpfstoff Novavax an. Wenn der geliefert wird (Termin offen), gibt es Kontingente für die entsprechenden Berufe.

Standpunkt

Ein Kommentar von Timo Lemmer

timo.lemmer@rga.de

Stell dir vor, du bist für die Impfpflicht – und doch dagegen. Bei der Stadt macht sich mit der einrichtungsbezogenen Impfpflicht abermals der Eindruck breit, dass Bund und Länder etwas beschließen und vorgeben, was unausgereift ist. Aber: Alle Akteure hatten genug Zeit, die einrichtungsbezogene Impfpflicht ist seit Dezember klar. Genug Zeit hatten damit auch die angesprochenen Kräfte im Gesundheits- und Pflegebereich. Genug Zeit, sich zu informieren, wie sicher die Impfung ist, und genug Zeit, sich impfen zu lassen. Ihnen gilt großer Dank, sie leisten (nicht erst, aber vor allem auch in der Pandemie) einen großartigen und unverzichtbaren Job. Und dennoch ist es schwierig, eines zusammenzubekommen: Dass es Menschen gibt, die einerseits aus Leidenschaft Geschwächten oder Hochaltrigen helfen, in dieser Gruppe aber andererseits zu einem signifikanten Anteil eine Impfung verweigert wird. Obwohl es eben Vorerkrankte und Betagte sind, die besonders anfällig für jede Form von Corona sind. Bringt die Impfung 100-prozentige Sicherheit? Leider nein. Verringert sie aber Ansteckungsrisiko, Verbreitungsgeschwindigkeit und Krankheitsintensität? Nachgewiesenermaßen ja!

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