Eklatante Sprachprobleme

Immer mehr Kinder sprechen kein Deutsch

Lucille Schmischke ist Ärztin für Kinder- und Jugendmedizin im Gesundheitsamt. Sie untersucht auch die i-Dötzchen.
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Lucille Schmischke ist Ärztin für Kinder- und Jugendmedizin im Gesundheitsamt. Sie untersucht auch die i-Dötzchen.

Kommende i-Dötzchen werden getestet: Sprachprobleme sind eklatant.

Von Timo Lemmer

Remscheid. Die Corona-Zeit hat Spuren bei Remscheids Vorschulkindern hinterlassen. Der Mix aus Isolation und Kita-Schließungen hat in gewissen Gruppen einen massiven Nachhall. In einigen Milieus hat die Sprachfähigkeit massiv gelitten, bei anderen kommenden i-Dötzchen sind sozial-emotionale Probleme zu beobachten. Das stellen Remscheider Experten fest: Die Ärzte, die im Gesundheitsamt die Schuleingangstests durchführen, erkennen derartige Tendenzen früh und sind derzeit in Teilen erschrocken.

Seit Mitte September wird das sogenannte SOPESS durchgeführt (). Bis etwa Mitte Juni sind vier Ärzte in Teilzeit im Gesundheitsamt damit beschäftigt, diesen NRW-weit standardisierten Test mit 1143 Remscheider Kindern zu absolvieren. Sie sind für das Schuljahr 2023/24 als i-Dötzchen angemeldet. Der Test erlaubt hohe Vergleichbarkeit, weil er überall gleich ist und mit den Kindern im Normalfall rund um den sechsten Geburtstag durchgeführt wird.

Einige der Ergebnisse erschrecken das Team um Lucille Schmischke, Ärztin für Kinder- und Jugendmedizin. „Was wirklich eklatant ist, ist der sprachliche Bereich. Es gibt immer mehr Kinder, die gar kein Deutsch sprechen.“ Das gelte nicht nur für frisch Zugewanderte, sondern „für immer mehr Kinder, die hier geboren sind“.

„Das soziale Miteinander hat total gelitten.“

Lucille Schmischke über soziale Kompetenzen der Kinder

Schmischke verortet die Ursachen hierfür insbesondere in der Pandemie. Als die Kindergärten nur Notgruppen anboten, waren Familien, in denen nur ein Elternteil arbeitet, häufig außen vor. Auch wenn manche Kitas Ausnahmen gemacht haben, wenn bei gewissen Kindern abzusehen war, dass es für den Spracherwerb immens wichtig ist, in eine Gruppe zu kommen. Schmischke: „Gerade in Familien mit Migrationshintergrund gibt es teilweise umfassende Sprachprobleme. Das betrifft immer stärker auch Familien, in denen ein Elternteil eigentlich fließend Deutsch spricht.“ Die Vermutung: Während der Pandemie brachen die Kontakte zu anderen Kindern ab, während zu Hause in der Muttersprache gesprochen wurde.

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Die Sprachfähigkeit bereitet große Sorgen. Es gibt aber weitere Problemfelder. „Die Kinder sind sozial-emotional auffälliger als früher“, sagt Schmischke. Viele sind hibbelig, können sich nicht konzentrieren und fokussieren. „Solche Kinder sind durch alles abgelenkt.“ Schmischke räumt dann für die Tests, die auch mal bis zu eine Stunde beanspruchen können, ihr Büro quasi leer. „Darüber hinaus hat das soziale Miteinander total gelitten.“ Es fällt vielen Vorschulkindern schwerer als früher, in Gruppen zu sein. Die Expertin für Kinder- und Jugendmedizin im Gesundheitsamt gibt darüber hinaus Entwarnung, was den motorischen Bereich angeht. Wie früher seien hier „manche Kinder richtig gut und andere nicht“.

Im physischen Feld bereitet zumindest ein Aspekt große Sorge: Viele Kinder sind zu dick. „Diese Anzahl ist massiv angestiegen“, Lucille berichtet Schmischke. Immer häufiger erschienen Kandidaten mit einem BMI „weit jenseits der 20“ zum Schuleingangstest – 16 sei normal.

Neben körperlichen Aspekten werden Grob- und Feinmotorik, visuelle und auditive Wahrnehmung oder Graphomotorik – die Kinder müssen zeichnen – untersucht. Dabei gibt es weiterhin viele Positiv-Beispiele, betont die Ärztin. Manche Kinder schauen verdutzt, wenn sie beim Test etwas ausfüllen müssen: „Ernsthaft, so eine leichte Aufgabe soll ich hier lösen?“, verrät der Blick dann. In dieser Woche hatte es ein Mädchen vollbracht, den schriftlichen Teil des Tests in acht Minuten zu schaffen: Da war dann Lucille Schmischke verdutzt.

Schuleingangstest

Was: Das Sozialpädiatrische Entwicklungsscreening für Schuleingangsuntersuchungen (SOPESS) soll den Entwicklungsstand in schulrelevanten Bereichen beleuchten.

Warum: Der Test ist wichtig, erläutert Lucille Schmischke, „weil kein Kind hintenüber fallen soll. Wir wollen ihnen den besten Schulstart ermöglichen.“ Die Pflichtuntersuchungen beim Kinderarzt lägen zu weit auseinander: Je früher Probleme erkannt würden, umso besser lasse sich gegensteuern – für einen erfolgreichen Schulbesuch.

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Standpunkt von Timo Lemmer: Sicher statt schnell

timo.lemmer@rga.de

Kinder sprechen immer schlechter Deutsch. Manche beherrschen die Sprache sogar gar nicht. Das ist die schlechteste Voraussetzung überhaupt, um eine erfolgreiche, vor allem glückliche und auch über Schulinhalte hinaus wertvolle Schulzeit verleben zu können. Dabei geht es keineswegs (nur) um ukrainische Kinder, die aus verständlichen Gründen noch mit der deutschen Sprache hadern.

Diese Gruppe wird von den Kinder- und Jugendärzten im Gesundheitsamt sogar explizit gelobt, spricht oft gut Englisch, ist kognitiv total fit. Sie und andere Vorschulkinder mit Sprachproblemen tun im Zweifel gut daran, noch eine „Extrarunde“ im Kindergarten zu drehen: Dann sind die Kinder zwar nicht mehr gleichaltrig – na und? –, sie lernen aber in einer Bezugsgruppe spielerisch die Sprache. Deutsch ist der Schlüssel zu allem. Sicherer Spracherwerb muss daher deutlich vor Schnelligkeit in der Schullaufbahn gehen.

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