Integration

„Ich habe mich durch meinen Ziehvater integriert“

Yahia Khalil (23) wurde vor acht Jahren als Geflüchteter von Karl-Richard Ponsar aufgenommen. Er paukte mit ihm, übernahm seine Vormundschaft. Gerade hat Khalil seine Ausbildung abgeschlossen. Foto: Roland Keusch
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Yahia Khalil (23) wurde vor acht Jahren als Geflüchteter von Karl-Richard Ponsar aufgenommen. Er paukte mit ihm, übernahm seine Vormundschaft. Gerade hat Khalil seine Ausbildung abgeschlossen.

Yahia Khalil (23) kam als Flüchtling vor acht Jahren nach Remscheid. Karl-Richard Ponsar wurde sein Vormund. Heute steht der junge Mann voll im Leben.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Als er im Bergischen ankam, hatte er nichts. Er sprach kein Wort Deutsch und kannte niemanden. Denn Yahia Khalil kam mit 16 als sogenannter unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aus Syrien nach Deutschland. Heute ist er 23, ist nach seiner erfolgreich abgeschlossenen Berufsausbildung übernommen worden, hat eine eigene Wohnung, ein Auto – und ist angekommen. Das hat er seinem Ziehvater, Karl-Richard Ponsar zu verdanken.

Denn der 73-jährige Remscheider kümmerte sich um den jungen Syrer, brachte ihm Deutsch bei, kämpfte als sein Vormund für einen Schulplatz in Remscheid, aß mit ihm Waffeln unter der Müngstener Brücke und nahm ihn Weihnachten mit zu sich nach Hause – und half ihm so, sich in einer völlig fremden Kultur, in einem völlig fremden Land unter völlig fremden Menschen zu integrieren. „Ich habe mich durch ihn integriert. Er hat mir viel geholfen. Er war für mich wie ein Vater“, sagt Yahia Khalil heute.

Für Karl-Richard Ponsar, Vorsitzender des Kinderschutzbundes, Vater und Großvater, ist die Erfolgsgeschichte seines Ziehsohns alles andere als selbstverständlich. „Als damals die Nachricht kam, es kommen bald unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Remscheid an, habe ich schon zum Sozialdezernenten Thomas Neuhaus gesagt: Ihr müsst euch kümmern, sonst gibt es Probleme. Und die gibt es ja heute auch.“ Gemeinsam mit Rolf Haumann, heute Bezirksbürgermeister in Lennep, sei er zu Schulungen nach Köln gefahren, um zu lernen, wie man unbegleitete minderjährige Flüchtlinge am besten fördert. Das war auch für Karl-Richard Ponsar neu.

Yahia Khalil war im Oktober 2014 in Syrien ganz allein gestartet. Seine Flucht aus seinem Heimatland, in dem immer noch der Großteil seiner Familie lebt, war abenteuerlich. Das Bergische erreichte er im November 2014. Die Daten hat er alle genau im Kopf. Nichts brennt sich wohl so ins Gedächtnis ein wie die Tatsache, aus der eigenen Heimat fliehen zu müssen. Seine erste Station war die „Gotteshütte“ in Hückeswagen. Sein Onkel, der im Bergischen lebt, wollte die Vormundschaft nicht übernehmen. Also sprang Ponsar ein. „Er brauchte doch jemanden.“

Also setzte sich der Remscheider zweimal die Woche mit Yahia Khalil an den Tisch im Kinderschutzbund und brachte ihm Deutsch bei. „Zuerst habe ich gedacht, es hat keinen Zweck. Er versteht mich nicht, ich verstehe ihn nicht.“ Ein hinzugezogener Übersetzer ließ die beiden irgendwann machen – damit sie in eine Beziehung kamen. Und es funktionierte. Doch Yahia Khalil in die Schule nach Remscheid zu bekommen, war ein bürokratischer Kraftakt.

Ponsar erkämpfte schließlich dass „sein Flüchtling“ drei Tage die Sonderklasse der GHS Wilhelmstraße und zwei Tage das Berufskolleg Technik besuchen konnte. Nach der Hauptschule Klasse 10 hat der junge Mann ein Jahr am Berufskolleg Wermelskirchen erste Erfahrung in der Metalltechnik gesammelt, dann einen Realschulabschluss gemacht, ein Ausbildungsvorbereitungsjahr Elektrik beim BZI abgelegt. Im August 2018 startete Khalil seine 3,5-jährige Berufsausbildung zum Elektroniker für Energie und Gebäudetechnik bei der Firma Geldsetzer in der Haddenbach, die unter anderem auch die Technik im Cinestar-Kino verbaut hat. „Bei der ersten Weihnachtsfeier dort musste ich ein Gedicht aufsagen“, erinnert er sich noch gut. Aber auch das klappte. Am 28. Januar hat er seine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und wurde übernommen.

Nun hast du eine Basis für dein Leben.

Karl-Richard Ponsar freut sich über Yahias bestandene Prüfung

Das soll demnächst noch kräftig gefeiert werden. „Ich habe so gezittert, ob du deine Abschlussprüfung schaffst. Und jetzt bin ich so glücklich, denn nun hast du eine Basis für dein Leben“, sagt Karl-Richard Ponsar zu seinem Ziehsohn, der noch die syrische Staatsbürgerschaft hat und einen unbefristeten Aufenthaltstitel beantragt hat.

Jetzt hat Yahia Khalil, der sich auch künftig weiterbilden möchte, einen großen Wunsch: seine Familie wiedersehen. „Meine Mutter, Vater, Bruder, Oma und meine drei Schwestern leben in Syrien. Ich habe sie seit acht Jahren nicht gesehen.“ Zumindest sein Bruder ist letztes Jahr auch ins Bergische gekommen. Ein kleiner Trost für den jungen Remscheider, der in seiner Freizeit gern Fußball spielt, seine ehemaligen WG-Freunde besucht oder „zockt“, wie er sagt. Und was isst er gern hier? „Pommes“, sagt der Neu-Remscheider.

Flüchtlinge

Wegen der Corona-Pandemie kamen bis zur Jahresmitte 2021 weniger Flüchtlinge in Remscheid an. Seit Anfang des dritten Quartals 2021 hat die Seestadt auf dem Berge wieder deutlich mehr Flüchtlingszuweisungen erhalten. Im Jahr 2021 wurden der Stadt Remscheid insgesamt 181 Asylsuchende und Geflüchtete aus folgenden Herkunftsstaaten zugewiesen: Nigeria, Türkei, Afghanistan, Irak, Iran, Vietnam, Nordmazedonien, Somalia, Mongolei, Russische Föderation, China/Taiwan, Eritrea, Myanmar, Guinea, Syrien. Die Stadt Remscheid liegt aktuell bei einer Aufnahmequote von 97,07 Prozent (Stand: Dezember 2021).

Auch interessant: Die Geschichte von Abdi Ahmed ist ein Musterbeispiel für ein erschütterndes Flüchtlingsdrama.

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