Interview

Horst Kläuser zur Ukraine: „Fast alles ist zu haben, aber viel zu teuer“

Ein zerbombtes Haus in Charkiw, der zweitgrößten Stadt des Landes. Oft gibt es keine Heizung und kein Strom – jedoch aber Internet.
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Ein zerbombtes Haus in Charkiw, der zweitgrößten Stadt des Landes. Oft gibt es keine Heizung und kein Strom – jedoch aber Internet.
  • Axel Richter
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Journalist aus Remscheid hält Kontakt in die Ukraine – Mit Geld können die Remscheider helfen.

Von Axel Richter

Seit dem Beginn des Kriegs helfen viele Remscheider sowohl Geflüchteten als auch direkt in der Ukraine – was geschieht da?

Horst Kläuser: Nach dem ersten Schock haben Nicole Berendsen, Christoph Spengler und ich eine Spendengala im Teo Otto Theater veranstaltet. Kurz danach wurde das Ukraine-Zentrum der Diakonie im Kirchenkreis Lennep begründet. Weit über tausend Menschen, vorwiegend Frauen, alte Menschen und Kinder sind bisher nach Remscheid gekommen. Viele haben Wohnungen, mehrere Hundert Kinder besuchen in Remscheid Schulen oder Kitas.

Kris Koroloeva verteilt Lebensmittel und Hygieneartikel, die sie mit dem Geld aus Remscheid für die Menschen in ihrer Stadt gekauft hat – regelmäßig schickt sie Belege an Horst Kläuser.

Das ist die Hilfe hier, aber können Sie auch in der Ukraine helfen?

Kläuser: Ja, durchaus. Während der Gala im Theater am 16. März, also kaum drei Wochen nach Putins Überfall, konnte ich live mit Kris Koroleva in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine sprechen. Seither telefonieren, emailen oder „whatsappen“ wir bestimmt jeden zweiten Tag. Und wir konnten konkret helfen.

Wie?

Kläuser: Nun, es klingt vielleicht komisch, aber es demonstriert die Absurditäten dieses brutalen Kriegs: Ausgebombte Häuser, oft kein Strom, keine Heizung, kein fließendes Trinkwasser, aber PayPal und Banken funktionieren. Man kann mit Kreditkarten einkaufen. Fast alles ist zu haben, aber teuer.

Also schicken Sie Geld?

Kläuser: Ja, mehrfach. Es ist ein paar Stunden später in Charkiw verfügbar.

Was geschieht damit?

Kläuser: Kris, sie ist 29 Jahre alt und arbeitete eigentlich als Grafikerin, hat mit etlichen anderen jungen Leuten eine kleine Hilfstruppe aufgebaut. Die bringt den alten Menschen, Lebensmittel, Medikamente, Wolldecken, Gaskocher, Ladegeräte für Handys usw.

Und Sie sind sicher, dass es wirklich bei den Betroffenen ankommt?

Kläuser:Absolut. Man darf sich das nicht als große Spendenorganisation mit Buchhaltung und so vorstellen. Kris wurde durch einen Granatsplitter leicht verletzt und ihr kleines Haus bei einem Angriff beschädigt. Sie schickt mir regelmäßig Belege aus den Supermärkten, immer wieder aktuelle Fotos von vollgepackten Lieferwagen mit den Paketen und auch Videos, wenn die Waren verteilt werden. Übrigens auch schon mal Süßigkeiten und Schulmaterial für die Kleinen.

Kris Koroleva kauft mit dem Geld aus Remscheid Lebensmittel.

Weitere Hilfe ist aber nötig?

Kläuser: Und ob. Der Winter dürfte furchtbar werden. Und deshalb bitten wir ganz konkret um Hilfe für die Menschen in Charkiw. Das gespendete Geld geht sofort und ohne einen Cent Abzug an die Gruppe rund um Kris. Die Diakonie stellt natürlich eine Spendenbescheinigung aus. Wichtig: Auf der Überweisung muss das Wort Charkiw stehen.

Granatsplitter verletzten die 29-Jährige im Sommer.

Bemerkenswert: Das im Vergleich kleine Remscheid hilft in der Millionenstadt Charkiw, die eine lebendige Uni-Stadt ist . . .

Kläuser: . . . und tatsächlich sogar mit direkter Verbindung. Eine geflüchtete Frau von dort lebt jetzt in Remscheid. Wir haben den Kontakt zu ihren Eltern in Charkiw hergestellt – Kris hilft ihnen dort!

Zum Schluss noch ganz persönlich: Sie haben als ehemaliger ARD-Korrespondent vor Ihrem Haus die ukrainische Flagge wehen (der RGA berichtete), wie geht der Krieg weiter?

Kläuser: Ich befürchte, der Krieg wird noch dauern. Putins Russland wird immer brutaler. Umso mehr müssen wir helfen – Staaten mit Waffen, wir Bürger mit Solidarität und Geld. Die schon leicht gefledderte Flagge ist mein kleines Symbol der Hoffnung.

Aus einem Brief von Kris Koroleva an Horst Kläuser:

In Kharkiv, sowie in der Region gibt es immer noch große Probleme mit Strom, Wasser und Wärme, da die Menschen, die Woche für Woche beschossen werden, immer noch Angst haben, rauszugehen. Das Fehlen von Gas macht es den Menschen sogar unmöglich, ihr eigenes Essen zu kochen. Sie benötigen unsere Hilfe: Mini-Gasherd, Gasflaschen, warme Kleidung, insbesondere für ältere Menschen, Kinder und Behinderte. Es gibt große Probleme mit der Wärme; es gibt immer mehr Menschen, die Medikamente benötigen, sowie eine große Zahl von Menschen, die Schlaganfällen und Herzinfarkte erleiden. Die meisten von ihnen sind Menschen aus befreiten Gebieten, die sich nicht um sich selbst kümmern können, da die russischen Feinde alles mitnahmen, was sie besaßen – manchmal sogar bis zu ihrer schmutzigen Unterwäsche. Mein Team versucht derzeit, Menschen zu helfen, sich anzupassen, Essen anzubieten: Babynahrung, Medikamente, warme Kleidung und andere notwendige Dinge so weit wie möglich.

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