Flutkatastrophe im Juli

Die bewegenden Eindrücke einer Fluthelferin

Nach der Hochwasserkatastrophe im Juli: Ein zerstörter Friedhof zeigt, mit welcher Wucht das Wasser Ahrweiler getroffen und verwüstet hat. Susanne Haupt-Albrecht fuhr mit Freunden in das Katastrophengebiet , um zu helfen. Fotos: Susanne Haupt-Albrecht
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Nach der Hochwasserkatastrophe im Juli: Ein zerstörter Friedhof zeigt, mit welcher Wucht das Wasser Ahrweiler getroffen und verwüstet hat. Susanne Haupt-Albrecht fuhr mit Freunden in das Katastrophengebiet, um zu helfen.

Die Lenneperin Susanne Haupt-Albrecht war nach dem Hochwasser als Helferin in Ahrweiler.

Von Sabine Naber

Remscheid. Mitte Juli brachte die Hochwasserkatastrophe unvorstellbare Wassermassen mit sich. Das Ahrtal war eines der am härtesten betroffenen Gebiete. Weil die Lenneperin Susanne Haupt-Albrecht wusste, dass das Elternhaus ihrer Freundin in Ahrweiler steht, rief sie gleich an und wollte wissen, ob es ihr gut geht.

„Sie war mit ihrer Familie gerade in Lennep, wollte aber am Samstag zurückfahren und schauen, wie es um ihr Haus steht. Ich bot ihr meine Hilfe an. Der verzweifelte Hilferuf kam dann in der Nacht von Samstag auf Sonntag, morgens um 3 Uhr“, erinnert sich Susanne Haupt-Albrecht. Sie habe nicht lange gezögert, im Freundeskreis um Hilfe gebeten. „Drei Freunde sagten zu, und wir packten neben Schüppen, Eimer und Gummistiefeln Trinkwasser in einen Transporter.“ Was Susanne Haupt-Albrecht in Ahrweiler erlebt hat, das habe ihre Vorstellungskraft übertroffen: „Ein paar Wochen später musste ich mir das Erlebte von der Seele schreiben. Es bewegt mich noch heute“, sagt sie. In Auszügen hier ihre Erlebnisse als Fluthelferin:

„Überall rollen schwere Laster, Trecker, Bagger, Bundeswehrjeeps. Die Hubschrauber fliegen laut und tief über die Stadt. Die Hauptstraße ist mit Geröll übersät, die Straßen im Ort verschlammt. Überall Berge mit Schutt, Hausrat, Baumstämmen, zertrümmerten Autos. Die Stadtmauer ist kaum erkennbar. Der Schlamm klebt und stinkt. Menschen mit starrer Mimik schleppen wortlos Eimer für Eimer mit klebriger Brühe oder versuchen, mit bloßen Händen aufzuräumen. Wir hängen zwischen den schweren Gerätschaften fest. Ein Gabelstapler hebt ein Autowrack über unseren Transporter und rangiert sich durch. Wir fühlen uns wie in einem Katastrophenfilm.“

Susanne Haupt-Albrecht ließ ihre Begleiter aussteigen, denn es ging nur noch mit Schubkarre, vollgepackt mit Trinkwasser und den benötigten Materialien zu Fuß weiter. Es habe dann fast eine Stunde gedauert, bis sie aus der Szenerie rausgekommen sei und durch knöchelhohen Schlamm waten musste, bis sie am Haus ihrer Freundin ankam.

Unerträglicher Lärm und Gestank in den Straßen

Es sei ein so katastrophaler Anblick gewesen, dass sie alle erst einmal nur geweint hätten. Und sich gefragt, wo man eigentlich anfangen sollte. Dann seien sie ins Haus gegangen, hätten aus dem Keller den Schlamm geschüppt und gesehen, dass die Betroffenen selbst völlig überfordert waren. So viele Erinnerungen seien weggeschwemmt worden. Sie habe einen Teddybären retten können, ihn gewaschen und der Freundin zu Weihnachten übergeben.

„Mich begleiten Berichte von ertrunkenen Nachbarn und einer weggespülten dreiköpfigen Familie, die noch um Hilfe rief. Eine Frau trägt eine Kiste mit verklebten Fotoalben und kann sie nicht fallenlassen. Ihr Mann hilft ihr, die schönen Erinnerungen wegzuwerfen. Die Eindrücke: unbeschreiblich schrecklich, bewegend, fassungslos, erschütternd.“

Sie habe an der Hauswand den Wasserstand der Flutnacht festgehalten: Es seien 2,98 Meter gewesen. Sechs Tage später sei es – bepackt mit Hilfsgütern aus Lennep – wieder nach Ahrweiler gegangen. „Überall wird mit schwerem Gerät geräumt, aber die Müllberge scheinen nicht weniger zu werden. Unerträglicher Lärm und Gestank in allen Straßen. Wir ziehen mit Bollerwagen und Schubkarren los, verteilen Wasser, Kaffee und Hygieneartikel. Seife ist Mangelware. Brauchwasserkanister stehen im Schlamm. Immerhin gibt es seit drei Tagen einige Dixi-WCs, die wir mit Klopapier bestücken.“ Susanne Haupt-Albrecht schreibt von Helfern, die von überall herkommen, Verpflegungsstationen aufbauen, Bäume aus dem Weg räumen und Hilfsgüter verteilen.

Hintergrund

Susanne Haupt-Albrechts Erinnerungen an ihre Zeit als Fluthelferin sind deutlich länger und ausführlicher, als wir es in diesem Bericht wiedergeben können. Sie dankt allen Freunden und Helfern, die sie spontan begleitet und großartige Hilfe geleistet hätten. „Ihr seid großartig. Ohne euch wäre in den ersten drei Wochen die Not noch viel größer gewesen.“ Jetzt seien Fachleute gefragt. Häuser müssten wieder aufgebaut werden, das Geld dafür sei noch nicht überall angekommen.

Auch interessant: Anna-Katharina Ebert hat ihre Tagebuch-Aufzeichnungen nach der Nacht auf den 15. Juli veröffentlicht.

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