Das EMA will seinen Namengeber loswerden

Historiker: „Arndt sollte in der Schule gelesen werden“

„Ich bin Historiker und halte deshalb nicht viel davon, Vergangenheit vergessen zu machen“, sagt Prof. Dr. Gerrit Walther. Anstatt Ernst Moritz Arndt von der Schulfassade zu tilgen, solle sich die Schüler- und Lehrerschaft besser kritisch mit ihm und seiner Zeit auseinandersetzen. Foto: Sebastian Jarych
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„Ich bin Historiker und halte deshalb nicht viel davon, Vergangenheit vergessen zu machen“, sagt Prof. Dr. Gerrit Walther. Anstatt Ernst Moritz Arndt von der Schulfassade zu tilgen, solle sich die Schüler- und Lehrerschaft besser kritisch mit ihm und seiner Zeit auseinandersetzen.
  • Axel Richter
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Historiker Prof. Dr. Gerrit Walther hält wenig von Umbenennungen. Darüber spricht er im Montagsinterview.

Remscheid. Das Gespräch führte Axel Richter

Taugt Ernst Moritz Arndt noch als Namengeber für eine Schule? Nein, sagt das Gymnasium, das nach dem Dichter aus dem 19. Jahrhundert benannt ist. Aber wer war Arndt eigentlich? Der RGA sprach mit Gerrit Walther, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Wuppertal.

Herr Professor Walther, das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium möchte seinen Namengeber loswerden. Zu Recht?

Prof. Dr. Gerrit Walther: Die Frage ist, was man möchte. Wenn der Name für ein großes Vorbild stehen soll, wird es schwierig. Wenn der Name dagegen zur Auseinandersetzung mit ihm führt, liegt darin eine große Chance.

Wer war Ernst Moritz Arndt?

Walther: Zunächst einmal eine historische Figur: ein bedeutender politischer Publizist, der für die Befreiung der untertänigen Bauern wie überhaupt der unteren Stände von feudaler Willkür und Ausbeutung eintrat, der einen hochinteressanten Frankreich-Reisebericht verfasst hat, lesenswerte Lebenserinnerungen und die bis heute beste Biografie des Freiherrn vom Stein. Weil er nicht aufhörte, ein freies, einiges Deutschland zu fordern, wurde er 1819 seiner Bonner Professur enthoben und mit Berufsverbot belegt. Weil er während der sogenannten Befreiungskriege 1813/14 militant patriotische Gedichte veröffentlichte, gilt er seit den 1970er Jahren bei manchen als Nationalist, Franzosenhasser und Antisemit.

War er das nicht?

Walther: In seinen Gedichten bittet er Gott um Hass gegen die Franzosen - weil er sie von Hause eigentlich schätzt. Er meinte aber auch nicht die Franzosen als Menschen. Er hasste sie vielmehr als Imperialisten und Unterdrücker: als Vertreter und Vollstrecker des napoleonischen Regimes, das in Deutschland mit eben jenen Feudalherren zusammenarbeitete, die er erbittert bekämpfte. Ähnlich ist sein Antisemitismus zu betrachten. Der war im 19. Jahrhundert leider weit verbreitet, allerdings handelt es sich bei Arndt nicht um einen rassistischen Antisemitismus wie bei den Nationalsozialisten, sondern um einen gleichsam „politischen“. Wie die Franzosen galten ihm die Juden als Stützen des feudal-absolutistischen Systems jener Zeit.

Taugt er heute noch als Vorbild?

Walther: Ich bin generell vorsichtig, was Vorbilder angeht. Sie haben nur eine kurze Halbwertszeit. Um Arndt gerecht zu werden, muss man seine Schriften vor dem Hintergrund der Zeit sehen, in der sie entstanden sind. Da stellt sich rasch heraus, dass er keineswegs zu den Reaktionären zählte, sondern zu den Linken. Töne wie die von Arndt hören Sie in Frankreich bei Revolutionsführern wie Brissot, Danton oder Robespierre. Historisch gesehen gehören Aufklärung, bürgerliche Freiheit und Nationalismus nun einmal zusammen – ob uns das heute gefällt oder nicht. Arndt war kein Reaktionär, er war das Gegenteil davon: Ein Progressiver, der für seine Zivilcourage vom reaktionären Metternich-Regime 20 Jahre lang überwacht, verfolgt und mit Publikationsverbot belegt wurde.

Wäre es souveräner, die geschichtlichen Hintergründe des Namengebers zu erklären anstatt den Namen der Schule zu ändern?

Walther: Ich würde mir wünschen, dass Arndt in der Schule gelesen - wirklich gelesen - und diskutiert wird, dass sich Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler kritisch mit ihm und seiner Zeit auseinandersetzen und dass daraus vielleicht sogar eine Diskussion über unsere eigenen Werte entsteht.

Vor einigen Jahren stritt man in Remscheid über die Hindenburgstraße. In Radevormwald tobt gerade eine Diskussion um Karl Ritter von Halt. Der war Sportfunktionär im NS-Staat, aber auch in der Bundesrepublik. Wie weit sollten wir gehen bei der Bereinigung des öffentlichen Raumes von Namengebern, die uns heute verdächtig erscheinen?

Walther: Ich bin Historiker und halte deshalb nicht viel davon, Vergangenheit vergessen zu machen. Jede größere Stadt hat eine Yorckstraße oder eine Freiherr-vom-Stein-Straße. Auch das sind ambivalente Namengeber. Sie sind aber auch Teile unserer Kultur und Geschichte.

Anders gefragt: Muss, wer Ernst Moritz Arndt als Namengeber ablehnt, nicht auch alle Friedriche und alle Wilhelme von den Straßenschildern tilgen?

Walther: In letzte Konsequenz ja. Ich würde gegen eine so blindwütige „cancel culture“ allerdings einwenden: Wenn um 1900 Straßen nach preußischen Reformern, nach Bismarck oder Kaiser Wilhelm I. benannt wurden, konnte dies auch als diskrete Kritik am übersteigerten Preußentum Wilhelms II. gemeint sein. Denken Sie aber auch an Victor Klemperer, der in seinen Tagebüchern schrieb, dass die wilhelminische Zeit für deutsche Juden die beste überhaupt gewesen sei.

Mitunter nimmt die Diskussion skurrile Züge an. Zum Beispiel wollen in Wuppertal einige die Mohrenapotheke in Möhrenapotheke umbenennen. Der Begriff Mohr sei rassistisch.

Walther: Ein historisches Gegenargument: Auf den karibischen Zuckerinseln des 18. Jahrhunderts bezeichneten die Schwarzafrikaner, die versklavt und dorthin verschleppt worden waren, sich selbst durchaus stolz als „noirs“ beziehungsweise „nègres“. Gehörte ihre Hautfarbe doch zu den wenigen Momenten ihrer Identität, die ihnen ihre weißen Unterdrücker nicht nehmen konnten. Und gerade diese Worte sollen heute nicht mehr tragbar sein.

Stattdessen spricht man vom N-Wort. Es heißt, wer es ausspricht, mache sich der Verbreitung eines rassistischen Begriffes schuldig. Und zwar selbst dann, wenn er es benutzt, um sich von Rassismus zu distanzieren. Wie finden Sie das?

Walther: Ich frage mich, wessen Interessen damit gedient wird. Denn ich habe den starken Eindruck, dass es in solchen Diskussionen kaum ansatzweise um diejenigen geht, die von Rassismus betroffen sind.

Noch einmal zurück zum Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium. Die Schulgemeinde sucht gegenwärtig nach einem neuen Namengeber. Hätten Sie einen Vorschlag?

Walther: Röntgen ist ja vergeben. Gewiss gibt es noch andere Namengeber mit Remscheider Bezug. Ich bin dennoch skeptisch, denn ich fürchte, dass am Ende nur ein Problem gegen das andere ausgetauscht wird. Ich bleibe dabei: Anstatt Arndt loszuwerden, sollte man sich genauer mit ihm und seiner Zeit auseinandersetzen.

Zur Person

Gerrit Walther ist Professor für Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit an der Bergischen Universität Wuppertal. Seine Forschungsschwerpunkte sind die allgemeine Geschichte des konfessionellen Zeitalters, die französische Geschichte der Frühen Neuzeit, die Geschichte des Humanismus und der europäischen Bildung, die Geschichte der Geschichtswissenschaft und der klassischen Altertumswissenschaft sowie die Adels- und Hofkultur der Frühen Neuzeit. 2006 wurde Walther ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften. Seit 2008 ist er Mitglied der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

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