Serie

Hier erhält jeder Baum eine eigene digitale Akte

Einmal Maß nehmen, bitte: Diese Eberesche hat mit 22 Zentimetern Stammdurchmesser eine schlanke Figur. Sie ist schon in der Reifephase.
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Einmal Maß nehmen, bitte: Diese Eberesche hat mit 22 Zentimetern Stammdurchmesser eine schlanke Figur. Sie ist schon in der Reifephase.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Tobias Steinmeyer (27) ist einer von drei Baumkontrolleuren der TBR – Dramatische Schäden durch Trockenheit.

Mit einem Sprung setzt Tobias Steinmeyer über den kleinen Bach auf die andere Seite der Böschung. „Der Kontrast heute ist wirklich gut“, ruft er rüber und wandert mit scharfem Blick den Stamm einer Sorbus aucuparia (Eberesche) hinauf bis zum blauen Himmel. „Ich schätze, sie ist 11 Meter hoch und etwa 17 Jahre alt“, sagt er, zückt sein Panasonic Toughpad und tippt die Daten in das System ein, ehe er wieder auf die andere Seite hüpft und den Gehweg abschreitet. „Der Kronendurchmesser ist etwa 3,50 Meter“, sagt der 27-Jährige mit der orangefarbenen TBR-Weste, tippt auch das in sein Tablet ein und kämpft sich durch Brombeeren und Bodendecker zum Stamm durch. Jetzt kommt das Maßband in einem Meter Höhe zum Einsatz: Durchmesser 22 Zentimeter – die Sorbus aucuparia, so der lateinische Name, fällt also nicht unter die Baumschutzsatzung. Ein Passant kommt vorbei und fragt: „Seid ihr auch für die Flaschenpost im Bach zuständig?“ Ein ganz normaler Arbeitstag im Leben eines Baumkontrolleurs der Technischen Betriebe Remscheid (TBR).

Aber heute muss Tobias Steinmeyer alles ganz genau nehmen: Er erfasst Flurstück 712 im Gewerbegebiet Großhülsberg komplett neu. Bislang ist diese Grünfläche am Rande der Schlosserstraße ein blinder Fleck, was die Baumerfassung angeht. 12 616 Einzelbäume und 519 Baumgruppen haben die drei Baumkontrolleure so schon quer durchs Stadtgebiet digital erfasst. Dabei nehmen sie Bäume auf städtischen Flächen genau unter die Lupe: Um welche Arten handelt es sich? Welche Schäden weisen die Bäume auf? Und wie sieht es mit der Verkehrssicherheit aus? Müssen die TBR handeln?

Das will Tobias Steinmeyer am lebenden Objekt herausfinden. „Standort 120 direkt vor Laterne 22“, so der Lagehinweis in der digitalen Baumakte, wird nun auf Rinde und Wurzel geprüft. Wie vital ist die Eberesche denn? Fünf Kategorien gibt es dafür, streng nach Regelwerk vorgegeben. „Im unbelaubten Zustand ist das natürlich etwas schwer zu sagen, aber man kann es am Trieblängenzuwachs sehen.“ Sprich: Der jährliche Zuwachs an den Zweigenden der Krone könnte höher sein. Nun geht es an die Schäden: Gibt es abgebrochene Äste? Totes Holz? Rindenabplatzungen? Alles negativ bei der Eberesche, die regional auch Vogelbeere genannt wird. Aber dann fällt dem Experten mit seinem geschulten Auge doch noch etwas auf: ein Druckzwiesel. Die Esche hat in circa 1,70 Metern Höhe eine V-Vergabelung ausgebildet. Das ist nicht so gut. „Es könnte sein, dass sich das permanent weiter auseinanderdrückt“, erklärt Steinmeyer. Eintrag in die Akte: permanenter Schaden. Die Äste, die in Richtung Laterne 22 ragen, sind halb so wild. „Ich würde das erst mal so lassen“, sagt der Experte.

„Ich habe es aktiv in der Hand, wie sich Bäume entwickeln.“

Tobias Steinmeyer

Nachdem sich der Baumkontrolleur durch die Brombeeren gekämpft hat – die Meindl-Boots und Schnittschutzhose sind hier sehr hilfreich –, legt er mit der Harken-Seite des Hammers die Wurzeln frei. Sind Pilze zu sehen? Wie ist das Wurzelwachstum? Sein Fazit: „Das sieht alles gut aus. Die Esche ist verkehrssicher.“ „Standort 120“ im Flurstück 712 ist im Kasten. Die Esche hat nun eine digitale Akte.

Das sieht nicht gut aus für die Weide. Baumkontrolleur Tobias Steinmeyer (27) stellt starke Schäden am Objekt 140 fest.

Diese fließt nun in das „Stadtbaumkonzept 2050“ mit ein. Die Stadt hat sich samt externer Unterstützung der Hochschule Göttingen auf den Weg gemacht, die Bäume der Zukunft für Remscheid zu finden. Denn der Klimawandel macht auch vor dem Bergischen nicht halt. „Wir haben es mit vermehrten Schäden durch die Trockenheit der vergangenen drei, vier Jahre zu tun“, erklärt Manuel Bitzer, Stadtbaumexperte bei den TBR. „Bisher konnten die Bäume es noch gut kompensieren, aber nun zeigen sich die Einbußen der Vitalität in größerem Ausmaß.“ Die Lage sei vor allem bei Birken und Buchen im urbanen Raum dramatisch. Hier will die Stadt mit dem „Stadtbaumkonzept 2050“ gegensteuern und herausfinden: Welche Arten haben auch die nächsten Jahrzehnte eine realistische Chance, zu überleben?

Eine, die das nicht mehr schaffen wird, ist die 35 Jahre alte Weide, Standort 140, Schlosserstraße. Auf lange Sicht muss der Baum gefällt werden. „Sicherheitsrelevante Astrisse, Faul- und Hohlstellen, bruchgefährdeter Starkast, abgestorbene Rinde, teilweise Stammrisse“, vermerkt Tobias Steinmeyer in der digitalen Akte. Das sieht nicht gut aus für die Weide.

In diesem Tablet wird jeder Baum an seinem Standort erfasst.

Nach Dringlichkeit wird nun priorisiert: Der dicke, gebrochene Ast muss sofort, sprich binnen zwei Wochen, von einem Unternehmer entfernt werden, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Binnen eines Vierteljahres muss dann die Krone eingekürzt werden. Sie wächst bis in den Straßenraum. „Standortbedingte Baumfällung mit Priorität mittelfristig“ lautet schließlich das traurige Urteil des Baumkontrolleurs. Sprich: Die Weide ist zwar noch standsicher, muss auf lange Sicht aber gefällt werden. Vor allem, weil rechts und links von ihr Eichen wachsen, die schützenswerter sind – und sich dann besser entwickeln können.

Das ist Tobias Steinmeyer wichtig. Der Remscheider ist seit viereinhalb Jahren zertifizierter Baumkontrolleur. Eigentlich ist er gelernter Forstwirt. „Ich mache heute also das genaue Gegenteil von Fällungen“, sagt er. Warum die Wende? „Ich finde, wir haben eine Fürsorgepflicht den Bäumen und den Menschen gegenüber. Ich habe es als Baumkontrolleur aktiv in der Hand, wie sich Bäume entwickeln.“ Er wolle so viele von ihnen im Stadtgebiet erhalten, wie es geht. Sein Lieblingsbaum? „Da gibt es so viele schöne. Aber an der Adolf-Clarenbach-Straße habe ich eine sehr gut gewachsene Esche, die ist so unglaublich vital und resistent gegen das Eschentriebsterben“, schwärmt er.

Die Serie

Die RGA-Serie „Der Baum in der Stadt“ erscheint in loser Folge.

Teil 1: Bäume mit Zukunft: Das Stadtbaumkonzept 2050

Heutiger Teil 2: Gesundheitscheck: Wie geht es den Remscheider Bäumen?

Teil 3: Das Regelwerk: Die Baumschutzsatzung

Teil 4: Baum trifft Wissenschaft: Prof. Dr. Dubbel im Experteninterview

Teil 5: Hier knirscht es: Konflikte mit Bäumen

Teil 6: Bürgerpatenschaften & Co.: Wünsche und Möglichkeiten

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