Helft uns helfen

Sie hat ein offenes Ohr für pflegende Angehörige

Susanne Heynen (56) ist für „ihre“ pflegenden Angehörigen rund um die Uhr da. Sie vermittelt, berät und bildet auch Hunde aus. Foto: Roland Keusch
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Susanne Heynen (56) ist für „ihre“ pflegenden Angehörigen rund um die Uhr da. Sie vermittelt, berät und bildet auch Hunde aus.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Ehrenamtlerin Susanne Heynen leitet die Selbsthilfegruppe „Hör mir zu!“ – Sie hat selbst einen an Demenz erkrankten Ehemann.

Remscheid. Den 23. Januar 2017 wird Susanne Heynen (56) nie mehr vergessen. An jenem Tag setzte bei ihrem Ehemann eine Hirnblutung ein. Er konnte nicht operiert werden. Nach dem Krankenhaus kam die Reha in der Westerwaldklinik. Als er wieder zu Hause war, merkte die gebürtige Lenneperin, dass vieles nicht mehr normal war. „Mein Mann war nicht mehr da.“ Die Person, die nun im Bett lag, konnte nichts mehr. Diagnose: Demenz. Susanne Heynen suchte sich Hilfe – fand aber schnell heraus, dass es in Remscheid Hilfsangebote gibt, diese jedoch kaum jemand kennt.

Sie ging zur Pflegeberatung der Stadt Remscheid und ins Alzheimer-Café der Stiftung Tannenhof, um sich mit allen Facetten der Krankheit auseinanderzusetzen – für ihren Mann. „Bis eines Tages eine der Moderatoren des Alzheimer-Cafés meinte, ich solle eine eigene Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz in Remscheid gründen“, erzählt die gelernte Schauwerbegestalterin, die zu dem Zeitpunkt jedoch schon Hundetrainerin samt eigenen Vierbeinern war. „Anfangs wurde ich auch von vielen belächelt: Eine pflegende Angehörige will selber eine Selbsthilfegruppe gründen.“

Doch es kam so: Im Mai 2019 gründete Heynen unter der Regie der Stadt die Selbsthilfegruppe „Hör mir zu!“. Der Bedarf stieg ständig, immer mehr Angehörige von Demenzerkrankten meldeten sich. Schließlich gibt es 52 bisher bekannte Arten von Demenz. Was kaum jemand weiß: Selbst Kinder und Jugendliche sind betroffen. Susanne Heynen war rund um die Uhr erreichbar, hörte zu, vermittelte, half aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen weiter in einer Situation, in der den Betroffenen erst mal der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Sie entschloss sich, ihre eigenen Wege zu gehen. „Denn mir wurde immer gesagt, ich tue zu viel, es sei mehr als Selbsthilfe, die ihren limitierten Rahmen hat.“ Seit Januar 2020 trifft sich die neue Gruppe unter der Regie der Ehrenamtlerin in den Räumen der Diakonie. „Ich mache das privat, weil es mir eine Herzensangelegenheit ist. Ich kriege dafür keinen Cent.“ Weil sie ihren Job an den Nagel gehängt hat, um sich um ihren Mann zu kümmern, lebe sie derzeit von Erspartem aus der früheren Berufstätigkeit. Alles andere ist pure Leidenschaft. Immer dann, wenn ihr Mann in der Tagespflege versorgt wird, stürzt sie sich in ihr Ehrenamt, ist dabei auch gern unbequem, hakt nach, schreibt zuweilen Briefe ans Gesundheitsministerium. „Ich bin einfach noch nicht richtig ausgelastet“, sagt die Powerfrau.

Der RGA unterstützt Susanne Heynen und ihre Selbsthilfegruppe dieses Jahr mit seiner Wohltätigkeitsaktion „Helft uns helfen“, weil sie sich über das normale Maß hinaus für andere Betroffene einsetzt – und das Thema Demenz so aus der Tabuzone herausholt.

Aktuell trifft sich die Gruppe noch bei der Diakonie am Vaßbender-Platz. Doch Ostern will Susanne Heynen umziehen. Gemeinsam mit 9 anderen Selbsthilfegruppen von 49 in Remscheid renoviert und investiert sie gerade in eine neue Anlaufstelle an der Alleestraße, die sie von Haus und Grund gemietet haben. „Wir haben lange gesucht, um einen zentralen Ort in der Innenstadt zu finden, der barrierefrei erreichbar ist.“ Das ehemalige Ladenlokal von „Lecker Lecker“ bietet auf zwei Etagen insgesamt 267 Quadratmeter Platz. Aber es steckt noch viel Arbeit drin, die Räumen müssen von Grund auf umgestaltet werden. Die Kosten liegen im hohen fünfstelligen Bereich. Allein der Einbau eines behindertengerechten WCs kostet 15 000 Euro. Die gesamte Elektrik muss neu gemacht werden.

Hierfür könnte Susanne Heynen gut noch den einen oder anderen Euro gebrauchen. „Ich finanziere derzeit alles aus der eigenen Tasche.“ Genauso wie die anderen Ehrenamtler der Selbsthilfegruppen, die sich hier künftig treffen wollen. Weitere dürfen sich melden.

„Wir pflegenden Angehörigen werden in Coronazeiten immer vergessen.“

Susanne Heynen

Selbst Susanne Heynens Vater Hellmut Heidenreich (82) packt mit an. „Hier muss noch viel investiert werden: von Beleuchtung bis zu Feuerlöschern. Gerade bearbeite ich die Türen.“ Ziel ist es, dass der neue Treffpunkt künftig montags bis samstags geöffnet ist. Zudem sollen hier Kochkurse mit dem leicht zu bedienenden Thermomix und Spielenachmittage für Demenzkranke und ihre Familien stattfinden. Um sie alle einmal aus ihrem Alltag rauszuholen, für Abwechslung zu sorgen. Auch ein Benefizkonzert mit Christoph Spengler ist geplant.

Mittlerweile hat sich die 56-Jährige ein Netzwerk aus Ärzten, Therapeuten, Sanitätshäusern aufgebaut, arbeitet mit einem Pflegedienst zusammen, kann Tipps zu Anträgen, Ämtern, Tagespflege und Einrichtungen geben. Andere Betroffene profitieren so von ihren Erfahrungen. Die Hundetrainerin bildet zudem Mensch-Hunde-Teams aus, damit sie gemeinsam spazieren gehen können – auch wenn einer von beiden eine Beeinträchtigung hat. Zudem besuchen die Hunde Pflegeheime. „Viele haben Epilepsie. Der Hund beruhigt die Betroffenen“, weiß Heynen.

Ein Auto hat sie allerdings nicht – ein befreundeter Pflegedienst stellt es ihr zur Verfügung. Für die Ausbildung der Mensch-Hunde-Teams wäre aber eine Autobox nötig. Kostenpunkt: 800 Euro.

Mit Sorge sieht Susanne Heynen nun einem weiteren Lockdown entgegen. Die Tagespflegestätten reduzierten jetzt schon die Plätze. „Wir pflegenden Angehörigen werden in Coronazeiten immer vergessen.“

Sie haben gespendet

Diese Leserinnen und Leser haben bereits gespendet, wofür wir uns herzlich bedanken:

Ursula Zingler, Peter Meshing, Stefan Scheerer, Friedhelm und Ingrid Klepping, Fred und Rita Zimmermann, Lutz Uwe Magney, Klaus Heinrich Wichard, Hans-Jürgen und Elisabeth Michalik, Hannelore Funke, Hans-Bodo Preus, Cornelia Preus, Manfred und Irmgard Beitzer, Barbara Manss, Friedrich Gerd und Edith Kunze, Annemarie Bergner, Ralf Trögel, Heide Plesnik, Iris Bornmann, Dr. Annette Kroschewski, Angelika und Klaus Fabian, Hermann Schmitz, Andrea Dietz, Bernd und Rosemarie Weiß, Marc Urban, Walter Dannheuser, Andrea und Markus Hainbuch, Wolfgang Stahnke, Gabriele Funken, Frank Michel, Gisela Pfaff, Klaus und Ursula Lapp, Monika Anastasia Handeler, Werner Uwe und Helga Peters.

Kontakt

Jeden Montag trifft sich die Selbsthilfegruppe „Hör mir zu!“ von 11 bis 14 Uhr in den Räumen der Diakonie, Ambrosius-Vaßbender-Platz 1. Es gilt 3G. Zudem bildet die gelernte Hundetrainerin Susanne Heynen Mensch-Hunde-Teams aus. „Ich bin rund um die Uhr erreichbar“, sagt die leidenschaftliche Ehrenamtlerin. Kontakt: Tel. 5 92 45 06, mobil: Tel. (01 51) 14 37 52 45, E-Mail: susanneheynen. hoermirzu@gmail.com

www.hoermirzu.de

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