Zum Tod von Benedikt XVI.

Herr Roth, wie war der Papst als Mensch?

Hans Jürgen Roth übergibt ein Buch an Joseph Kardinal Ratzinger im Vatikan.
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Hans Jürgen Roth in den 1990er-Jahren mit Joseph Kardinal Ratzinger im Vatikan.
  • Axel Richter
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  • Kerstin Neuser
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Zum Tod von Benedikt XVI. werden beim Remscheider Pfarrer und Schulreferenten Hans Jürgen Roth viele Erinnerungen wach. Joseph Ratzinger war sein Lieblingsprofessor. Der Kontakt blieb bestehen, auch als Ratzinger in den Vatikan wechselte. „Er war immer ein braver Kerl.“

Remscheid. Der Tod von Benedikt XVI. geht einem Mann in Remscheid besonders nahe: Hans Jürgen Roth kannte Joseph Ratzinger, den späteren Papst Benedikt XVI., persönlich - und sieht auf ihn mit einem Blick, der zunächst verwundern mag: „Er war mein bester und modernster Professor.“

Von 1960 bis 1962 studierte der Remscheider Hans Jürgen Roth bei Professor Dr. Joseph Ratzinger. Der lehrte damals in Bonn die katholische Theologie. „Er hat uns Studenten Mut gemacht, modern zu denken und Blicke über Zäune zu wagen“, berichtet Roth rückblickend. „Er war der erste, der mich hinführte zum Dialog mit den großen Weltreligionen. Er war der erste, der mich mit dem Denken des Atheismus vertraut machte.“

Hans Jürgen Roth wurde später Pfarrer, ist pensionierter Schulreferent und hat Generationen von Remscheider Schülern begleitet. Der Kontakt zu Joseph Ratzinger ist nie abgebrochen. Sie pflegten Briefkontakt. Mit vielen seiner Schüler hat er den späteren Papst auch persönlich getroffen: Regelmäßig reiste Roth mit Schüler- und Lehrergruppen aus Remscheid in den Vatikan. Seine Führungen seien so beliebt gewesen, dass er sogar offizieller Vatikan-Reiseführer wurde - die Urkunde unterzeichnete ein gewisser Joseph Kardinal Ratzinger, damals Glaubensminister im Vatikan.

Prof. Dr. Ratzinger gibt die Arbeit über Dostojewski zurück. „Dafür gab´s später eine Eins minus“, sagt ein schmunzelnder Hans Jürgen Roth.

Als Ratzinger in den Vatikan wechselte, bekam Roth mit seinen Remscheid-Gruppen regelmäßig Termine. 1995 etwa reiste er mit 42 Religionslehrern nach Rom. Und Ratzinger - damals Glaubensminister und als solcher die rechte Hand von Papst Johannes Paul II. - öffnete dem katholischen Schulreferenten aus Remscheid Tür und Tor. Auch persönlich nahm er sich Zeit: „Ihr müsst früh aufstehen, dann kann ich mit euch sprechen.“ Um 7 Uhr trafen sie sich in der Messe, ab 7.30 Uhr hatte der Kardinal dann Zeit für ein Gespräch - bevor um 8 Uhr sein Dienst im Vatikan begann.

Ratzinger: Moderner Vordenker, der nie mit Konflikten umgehen konnte

Hans Jürgen Roth war nicht mit allem einverstanden, was der emeritierte Papst im Laufe seines theologischen Wirkens gesagt hat. „Ich habe mich oft an ihm gerieben“, sagt Roth über Kardinal Ratzinger und Papst Benedikt. 1960 bis 1962 studierte er bei Ratzinger - und erlebte ihn aus einem ganz anderen Blickwinkel. „Er hat mit wirklich geholfen, in das Fach einzusteigen. Und er hat mich im modernen Denken gestärkt.“ Für die Zeit damals sehr ungewöhnlich.

Wie aber passt das zu dem Bild des sehr konservativen Papstes, dessen Amtszeit mit den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche und deren so unrühmlichen Aufarbeitung verbunden bleiben wird? „Das hat sich mit den 68ern gedreht“, glaubt Roth. Ratzinger sei modern gewesen - die 68er aber habe er in ihrer Radikalität nie verstanden. „Man kann doch nicht einfach alles komplett über den Tisch werfen, was unsere Vorfahren aufgebaut haben“, sei Ratzingers Ansatz gewesen.

Der liebe Kerl konnte nicht mit diesen Dingen umgehen.

Hans Jürgen Roth über Joseph Ratzingers Umgang mit Konflikten

Und wie war er als Mensch? „Er war immer ein braver Kerl“, sagt Roth. Und genau das sei später sein Problem geworden: „Er konnte nicht mit Konflikten umgehen.“ Das zeigte sich schon im Umgang mit den 68ern, verschärfte sich dann als Glaubensminister und später erst recht, als es um die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche ging - auch als es nach seiner Emeritierung bei der öffentlichen Aufarbeitung der Geschehnisse in München-Freising. „Der liebe Kerl konnte nicht mit diesen Dingen umgehen“, glaubt Roth. Im Nachhinein sei die Welt immer schlauer. „Ich hatte den Eindruck, er wollte die Kirche schützen.“

Sein persönliches Bild bleibt deshalb ein ganz anders. „Das alte positive Bild, das ich von meinem ehemaligen in der Sache so klar und doch so bescheiden auftretenden Professor hatte, der so liebenswürdig mit uns umgegangen war, blieb mir bei unseren Besuchen im Vatikan erhalten.“

Als Benedikt XVI. 2013 als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche zurücktrat, war das für den Remscheider Roth ebenfalls ein Zeichen der Moderne. „Er bringt die Kirche zum Nachdenken.“

Zur Todesstunde telefonierte Roth mit einer ehemaligen Schülerin

2005 hat er ihn zuletzt persönlich gesehen. Fünf Wochen nach der Papstkrönung von Benedikt XVI. war Roth mit einer Gruppe ehemaliger Schüler im Vatikan, auf dem Petersplatz erlebten sie den neuen Papst. Mit einer der Schülerinnen von damals telefonierte Hans Jürgen Roth am Silvestermorgen, auch an die Reise damals erinnerten sich die beiden. „Und zwei Stunden später kam dann die Nachricht, dass er genau in diesen Minuten verstorben sein muss.“ Zufall? Schicksal? Fügung? Vielleicht Fügung, sagt Hans Jürgen Roth. Fügung für sein Leben jedenfalls war es, in jungen Jahren auf Ratzinger zu stoßen.

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