Interview der Woche

Handelsverbands-Geschäftsführer über das DOC-Aus und Perspektiven für den Handel

Seit 1989 ist Ralf Engel für den Handelsverband NRW – Rheinland tätig. Er spricht über Perspektiven für den Handel. Archivfoto: Roland Keusch
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Seit 1989 ist Ralf Engel für den Handelsverband NRW – Rheinland tätig. Er spricht über Perspektiven für den Handel.

Seit 1989 ist Ralf Engel für den Handelsverband NRW - Rheinland tätig. Im Frühjahr 2023 wird der für Wuppertal und die bergische Region zuständige Geschäftsführer in Ruhestand gehen.

Das Gespräch führte Manuel Böhnke

Herr Engel, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie gehört haben, dass das Bundesverwaltungsgericht Leipzig den Bebauungsplan für das geplante DOC für unwirksam erklärt hat?

Ralf Engel: Meine spontane persönliche Einschätzung war die, dass ein neues DOC-Bebauungsplanverfahren ziemlich unwahrscheinlich ist. Wie lange soll das dauern? Außerdem müsste das Vorhaben wieder mit den Nachbargemeinden abgestimmt werden. Ob insbesondere Solingen und Wuppertal einem neuen DOC-Anlauf angesichts der auch durch die Corona-Pandemie veränderten Lage im Einzelhandel zustimmen würden, wage ich zu bezweifeln. Wir werden die Situation in unseren Gremien beraten und uns dann als Handelsverband positionieren.

Wie wirkt sich das DOC-Urteil auf den Handel in der Region aus, profitieren die eingesessenen Geschäfte?

Engel: Zunächst hatten wir Bedenken gegenüber dieser Betriebsform. Letztendlich hat der Verband das Projekt allerdings unterstützt, weil wir davon überzeugt sind, dass es mit Anbindung an die Lenneper Altstadt funktionieren kann und Kaufkraft in der Region binden würde. Stattdessen fahren die Kunden nun weiterhin nach Roermond und zu anderen Outlet-Standorten. Ich denke nicht, dass sich das positiv auf die Frequenz der anderen Anbieter im Bergischen auswirkt.

Wie bewerten Sie die Situation im Einzelhandel nach fast zwei Jahren Corona?

Engel: Zur jeweils konkreten Lage in den Handelsbetrieben im Städtedreieck kann ich nichts sagen. Klar ist, dass es zum Beispiel mit den Discountern, Drogeriemärkten und SB-Warenhäusern einige Krisen-Gewinner gibt. Auf der anderen Seite leiden viele Geschäfte. Insbesondere für sie ist es wichtig, jetzt schon ein Augenmerk auf den kommenden Herbst zu legen.

Inwiefern?

Engel: Ich wünsche mir nichts sehnlicher als ein Ende der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Einschränkungen. Wir können aber nicht ausschließen, dass uns die Krise Ende 2022 weiter begleitet. Hierauf müssen wir vorbereitet sein. Ich denke zum Beispiel an eine im Städtedreieck einheitliche ,Bändchen-Lösung‘, um den dann möglicherweise wieder geltenden Beschränkungen gerecht zu werden. Zudem müssen wir anders kommunizieren. Natürlich sind Zugangsbeschränkungen einschneidend, aber sie ermöglichen ein sicheres Einkaufserlebnis, was viele Menschen schätzen. Das müssen wir herausstellen.

Die Branche stand schon vor der Pandemie unter Druck.

Engel: Richtig, und das liegt nicht nur am Online-Handel. Auch Discounter mit ihrem umfangreichen Non-Food-Sortiment, vorzugsweise außerhalb der Zentren, und große Einkaufszentren, die zwar Frequenz bringen, es aber gleichzeitig von den Kommunen versäumt wird, Fußgängerzonen baulich und sicherheitsmäßig zu ertüchtigen, haben zur Situation geführt, die wir jetzt haben. Bei den zukünftigen Herausforderungen dürfen wir die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.

Woran denken Sie?

Engel: Zu den entscheidenden Themen nach der Pandemie gehört sicher Nachhaltigkeit. Wenn Energiepreise und Lebenshaltungskosten zugunsten des Klimaschutzes steigen, könnte der Handel der Leidtragende sein. Darauf muss man sich frühzeitig einstellen.

Interviews der Woche in der Übersicht

Und wie?

Engel: Eine ganz wichtige Rolle nehmen die Mitarbeiter ein, die man auf komplizierte Kundengespräche vorbereiten muss. Sie müssen fundiert erklären können, wie bestimmte Artikel hergestellt wurden und warum manche Produkte vielleicht teurer geworden sind, man aber trotzdem zugreifen sollte. Auch mit Blick auf die neue Mobilität braucht es eine klare Ansprache.

Was meinen Sie?

Engel: Es wäre unehrlich, den Händlern in Innenstadtlagen zu sagen, dass ihre Kunden für immer mit dem Auto an die Ladentheke fahren können. Der Trend geht ganz klar dahin, das Verkehrsaufkommen in den Zentren zu senken. Darauf müssen sich die Inhaber einstellen. Es darf aber auch nicht alles an ihnen hängenbleiben, auch vonseiten der Kommunen muss etwas kommen. Beispiel Solingen: Warum bringt der erste O-Bus am Morgen nicht Pakete in die Innenstadt oder in die Quartiere? Damit könnte man sich tagsüber dutzende Lieferwagen sparen. Auch solche Maßnahmen können für Entzerrung sorgen.

Provokant gefragt: Warum sollte ich überhaupt noch in Innenstädten einkaufen?

Engel: Weil die Händler dort etwas bieten können, das die Online-Konkurrenz nicht hat: ein Einkaufserlebnis. Das ist keine neue Erkenntnis, bleibt aber nun mal die große Stärke des stationären Handels. Und auch dabei kommt es ganz entscheidend auf die Mitarbeiter an: Sie müssen klassische Verkäufer sein, mit Geschick und Expertise. Die Kunden müssen sich zu Hause fragen, warum sie ein bestimmtes Produkt eigentlich gekauft haben. Die Antwort: wegen der guten Beratung. Das ist die Grundlage. Solange ich mein analoges Standbein nicht auf den Boden bekomme, muss ich mich mit dem Online-Geschäft eigentlich gar nicht beschäftigen. Denn gegen die großen Online-Player ist es als kleiner Anbieter ohnehin schwierig.

Die besten Verkäufer und das schönste Geschäft haben es schwer, wenn die Zentren zunehmend veröden.

Engel: Das stimmt – das Umfeld ist ein ganz entscheidender Faktor. Vor diesem Hintergrund finde ich Projekte wie die ,Gläserne Werkstatt‘ in Solingen sehr gelungen. Solche Orte laden nicht nur zum Einkaufen ein, sondern bieten den Kunden Unterhaltung. Sie können auf relativ kleiner Fläche den Herstellungsprozess bestimmter Waren nachvollziehen, Dinge ausprobieren und Neues kennenlernen. Wenn die Angebote regelmäßig wechseln, bietet das einen Anlass, immer wieder in die Innenstadt zu kommen. Davon profitieren auch die Händler und Gastronomen im Umfeld. Ein weiterer Effekt könnte sein, dass sich Handwerker, Dienstleister oder Industrieunternehmen, die sich nur kurzfristig präsentieren wollten, entscheiden, langfristig im Zentrum präsent zu bleiben.

Welche weiteren Schritte sind nötig, um die Innenstädte attraktiver zu machen?

Engel: Eigentümer, die sich nicht um ihre Immobilie kümmern, sind ein großes Problem. Es sind finanzielle Hebel notwendig, damit es unattraktiv wird, ein Objekt ungenutzt verkommen zu lassen.

Halten angeschlagene Händler in der aktuellen Lage durch, bis die Konzepte zur Zukunft der Innenstädte fruchten?

Engel: Das hoffe ich. Welche Alternativen gibt es?

Zur Person

Seit 1989 ist Ralf Engel für den Handelsverband NRW - Rheinland tätig. Im Frühjahr 2023 wird der für Wuppertal und die bergische Region zuständige Geschäftsführer in Ruhestand gehen. Die Suche nach einem Nachfolger läuft. Der 64-jährige Rechtsanwalt lebt mit seiner Frau in Remscheid.

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