Kabarettist im Teo Otto Theater

Hagen Rether: Drei Stunden auf der Bühne laut gedacht

„Ich kam rein und mich hat‘s hinten runter gehauen, was Sie hier für ein Theater haben“: Hagen Rether gastierte zum ersten Mal in seiner rund 20-jährigen Karriere im Teo Otto Theater.
+
„Ich kam rein und mich hat‘s hinten runter gehauen, was Sie hier für ein Theater haben“: Hagen Rether gastierte zum ersten Mal in seiner rund 20-jährigen Karriere im Teo Otto Theater.

Der zentrale Satz des Abends, er fällt kurz nach der Pause: „Wer hat uns eigentlich ins Hirn geschissen“, fragt Hagen Rether sein Publikum im Teo Otto Theater – ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Seit rund 20 Jahren ist der Kabarettist mit seinem Programm „Liebe“ unterwegs, nun zum ersten Mal in Remscheid. Die Inhalte haben sich über die Jahre verändert, die Botschaft bleibt aber schon länger gleich: Alles das, was heute ist, hätten wir wissen können, ja oftmals müssen. Und wir haben trotzdem zu wenig dagegen unternommen.

Rether variiert diese Botschaft. Wenn er über die Flutkatastrophe im Ahrtal spricht: „Wir wussten, dass es teurer wird, wenn wir warten.“ Wenn er über rechten Terror spricht: „Wir hatten 20 Jahre lang einen Verfassungsschutz, der die Linken beobachtet hat und die Rechten finanziert.“ Und natürlich wenn er über Sozialpolitik spricht. Die Mittelschicht laufe stets der „neoliberalen Mohrrübe“ hinterher, sagt er: „Und jetzt ist man empört, dass der Busfahrer Wohngeld beantragen muss.“

„Tun Sie was Sinnvolles. Treten Sie aus der Kirche aus, spenden Sie Blut.“

Hagen Rether

Normales Kabarett ist das eigentlich nicht. Es wirkt eher so, als würde Rether auf der Bühne laut denken. Und sich freuen, wenn andere mitmachen. Er analysiert und kombiniert so gut wie Altmeister Volker Pispers, hat aber noch weniger Scheu, seinem Publikum den Spiegel vorzuhalten. Im Ergebnis sind die knapp drei Stunden hochinteressant und unterhaltsam aber lange nicht so kuschelig wie bei Sieber, von Wagner oder eben früher auch Pispers.

Dass man sich den Abend trotzdem gerne antut, hat auch damit zu tun, dass Hagen Rether nie Menschen anklagt, sondern die Umstände. Der Bauer quäle seine Tiere und vergifte den Boden nicht, weil er ein schlechter Mensch sei: „Ein perverses System zwingt ihn, perverse Dinge zu tun.“

Rether fordert die Zuschauer auf: „Tun Sie was Sinnvolles. Treten Sie aus der Kirche aus, spenden Sie Blut.“ Die gesparte Kirchensteuer könne man dann den Frauenhäuser geben, schlägt er vor: „Da sitzen die Oper sexueller Gewalt, man kann ja auch mal die andere Seite unterstützen.“

Teo Otto Theater startet zweite Umfrage

Über Jahren war Hagen Rether regelmäßig in der Katt in Wermelskirchen zu Gast, dass er es nun mal bis nach Remscheid geschafft hat, ist einer Kooperation von Klosterkirche und Teo Otto Theater zu verdanken. Enttäuschend bleibt der Zuspruch, weil der halbe Saal leer bleibt. Doch selbst dafür hat der Mann aus Essen Verständnis: „Schön, dass Sie da sind“, begrüßt er das Publikum. „Sie werden das im Januar, Februar noch bereuen, wenn die Gasrechnung kommt.“ Die Kulturbetriebe seien „der Kanarienvogel im Stollen“, stellt er fest: „Der ist immer als erstes weg.“

Rether spricht über die Zustände in der Pflege, über Rassismus und Frauenhass und über die Mangelgesellschaft, die uns bevorsteht. Von der Barbarei trenne uns manchmal nur eine dünne Firnis, sagt er. Und fragt sich dann, ob eine liberale Demokratie halb leere Regale überleben wird. Doch am Ende, macht er klar, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als die Welt zu retten: „Wer denn sonst, ich sehe gerade sonst niemanden, der das kann.“ Und nicht umsonst geht er mit einem leisen „Wir schaffen das“ von der Bühne.

Hintergrund

Hagen Rether studierte an der Essener Folkwang-Hochschule, arbeitete vorher in der Pflege und danach als Pianist von Ludger Stratmann. Seit 2003 ist er Kabarettist, gewann unter anderem den Prix Pantheon und den Deutschen Kabarettpreis.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Erich Merken ist schon seit 50 Jahren beim Weihnachtstreff dabei
Erich Merken ist schon seit 50 Jahren beim Weihnachtstreff dabei
Erich Merken ist schon seit 50 Jahren beim Weihnachtstreff dabei
Miss Germany 2023: Diese Kandidatin aus Hückeswagen ist im Halbfinale
Miss Germany 2023: Diese Kandidatin aus Hückeswagen ist im Halbfinale
Miss Germany 2023: Diese Kandidatin aus Hückeswagen ist im Halbfinale
Bergisches Land: Diese Weihnachtsmärkte finden 2022 statt
Bergisches Land: Diese Weihnachtsmärkte finden 2022 statt
Bergisches Land: Diese Weihnachtsmärkte finden 2022 statt
Tafel versorgt in Remscheid immer mehr Menschen
Tafel versorgt in Remscheid immer mehr Menschen
Tafel versorgt in Remscheid immer mehr Menschen

Kommentare