Häusliche Gewalt nimmt in der Krise ab

Im Coronamonat April 2020 sind weniger Gewalttaten gegen Kinder und Jugendliche aktenkundig geworden.Foto: Christian Beier

Die offiziellen Zahlen bestätigen die Befürchtung der Experten vorerst nicht

Von Axel Richter

Beengte Verhältnisse, lärmende Kinder, Jobverlust und steigender Alkoholkonsum: In der Corona-Krise wirke alles, was Männer zuschlagen lasse, wie ein Brandbeschleuniger, befanden zu Beginn der Pandemie die Ehe- und Familienexperten und warnten vor einem Anstieg der Gewalt gegen Frauen und Kinder. Aktuelle Zahlen der Polizei zur häuslichen Gewalt bestätigen das nicht. Auch die Stadt und die Ärztliche Kinderschutzambulanz verzeichnen (noch?) keine Zunahme. „Hoffen wir, dass es so bleibt“, sagt deren Leiterin Birgit Köppe-Gaisendrees.

16 Strafanzeigen verzeichnet die Polizei in dem Deliktfeld im Corona-Monat April. Zum Vergleich: Im April 2019 waren es 26, im April 2018 waren es 25 Fälle. Auffällig ist der Vergleich der ersten vier Monate der Jahre: Von Januar bis Ende April 2018 wurden 85 Fälle häuslicher Gewalt aktenkundig. Im gleichen Zeitraum 2019 waren es 104 Fälle, von Januar bis April dieses Jahres dagegen nur 64.

Eine Erklärung hat die Polizei weder für den sprunghaften Anstieg 2019 noch für die Abnahme in Coronazeiten. Haben die Frauen schlicht keine Gelegenheit, Hilfe zu rufen, weil der gewalttätige Mann ständig daheim ist?

Vielleicht ist das so, vielleicht nicht. Für Alexander Kresta, Sprecher des Wuppertaler Polizeipräsidiums, gleichen solche Vermutungen dem Blick in die Glaskugel. Fakt aber ist: „Die offiziellen Zahlen sagen nichts über die Dunkelziffer, die es in dem Deliktfeld zweifellos gibt.“

Kritik: Schulen und Kitas finden nur schwer in den Regelbetrieb zurück

Derweil decken sich die Zahlen, die es gibt, mit den Erfahrungen des Jugendamtes. „Bis dato können wir, was den Schutz von Kindern und Jugendlichen in Coronazeiten betrifft, keine Zunahme häuslicher Gewalt feststellen“, heißt es auf RGA-Anfrage. Birgit Köppe-Gaisendrees, die mit ihrem zehnköpfigen Team der Ärztlichen Kinderschutzambulanz um misshandelte und vernachlässigte Kinder kümmert, bestätigt das.

Doch die Erziehungswissenschaftlerin und Traumatherapeutin weiß, dass das nicht so bleiben muss. Mit Sorge verfolgt sie, dass die Kindertagesstätten und Schulen nur langsam in den Regelbetrieb zurückfinden. Der Druck, den es in vielen Familien unzweifelhaft gibt, werde so nur langsam abgebaut. Zudem: „Schule und Kita sind für viele Kinder der Rettungsanker“, sagt Birgit Köppe-Gaisendrees. Viele Hinweise auf Gewalt erhalte sie nur über die Lehrer und Erzieherinnen, denen die Kinder sich offenbaren. Je länger sie keinen Kontakt haben, umso mehr Fälle bleiben im Dunkeln, schätzt die Chefin der Kinderschutzambulanz.

Dass viele Kinder ihre Lehrer bis zu den Sommerferien nur zwei Mal wiedersehen und die Kitas erst am 8. Juni wieder öffnen, um sich wenig später wieder in die Ferien zu verabschieden, sei mit Blick auf die Familien deshalb bizarr, sagt Köppe-Gaisendrees: „Dafür fehlt mir jedes Verständnis.“

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Corona: Ab Freitag gilt Inzidenzstufe 1 - Inzidenz nicht weiter gestiegen
Corona: Ab Freitag gilt Inzidenzstufe 1 - Inzidenz nicht weiter gestiegen
Corona: Ab Freitag gilt Inzidenzstufe 1 - Inzidenz nicht weiter gestiegen
Inzidenzstufe 1: Diese Corona-Regeln gelten in Remscheid ab Freitag
Inzidenzstufe 1: Diese Corona-Regeln gelten in Remscheid ab Freitag
Inzidenzstufe 1: Diese Corona-Regeln gelten in Remscheid ab Freitag
Die Vergessenen aus dem Morsbachtal
Die Vergessenen aus dem Morsbachtal
Die Vergessenen aus dem Morsbachtal
Feuerwehr rüstet nach Hochwasser auf - Neues Fahrzeug vom Land
Feuerwehr rüstet nach Hochwasser auf - Neues Fahrzeug vom Land
Feuerwehr rüstet nach Hochwasser auf - Neues Fahrzeug vom Land

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare