Branchen hoffen

Händler in Remscheid sind von Lockerungen enttäuscht

Fest steht: Die Buchhandlung Thalia darf am Montag wieder öffnen. Ob auch die Stände im Allee-Center enthüllt werden, ist ungewiss. Foto: Roland Keusch
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Fest steht: Die Buchhandlung Thalia darf am Montag wieder öffnen. Ob auch die Stände im Allee-Center enthüllt werden, ist ungewiss.
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Shopping mit Termin soll möglich sein, dazu Individualsport im Freien mit wenigen Teilnehmern.

Remscheid. Buchhandlungen und Blumengeschäfte dürfen ab Montag in Remscheid wieder öffnen. Dazu Gartenmärkte, Nagelstudios, Fahrschulen und Flugschulen, so denn eine vorhanden wäre. Seit Donnerstagabend dürfen auch andere Branchen hoffen, denn da erreichte den RGA auf Nachfrage folgende Information aus der Staatskanzlei in Düsseldorf: „Nordrhein-Westfalen setzt die Beschlüsse der gestrigen Bund-Länder-Beratungen um. Die in diesem Rahmen festgelegten Öffnungsschritte orientieren sich dabei grundsätzlich an der landesweiten Inzidenz.“

Die lag am Donnerstag bei 62,8 und damit weit unterhalb von 100. Damit wäre auch in Remscheid so etwas wie Shoppen mit Termin möglich. Und Individualsport im Freien - mit maximal fünf Personen aus zwei Haushalten, aber immerhin. Würde dagegen die Remscheider 7-Tage-Inzidenz das Maß der Dinge sein, blieben weitere Lockerungen vermutlich noch für Tage und Wochen aus. Denn Fakt ist: Am heutigen Freitag liegt die Inzidenz bei 113,2.

„Wer, bitte, macht denn so etwas?“

Markus Kärst zu Coronatests vorm Essen

Der Corona-Krisenstab sah deshalb am Donnerstag keinen Anlass zur Euphorie. Im Gegenteil: „Die Werte steigen, wir müssen erneut darauf acht geben, dass unser Gesundheitssystem nicht an seine Grenzen stößt“, sagt Krisenstabsleiter Thomas Neuhaus und appelliert ein weiteres Mal an die Remscheider, die Schutzmaßnahmen ernst zu nehmen.

Remscheid: Handel reagiert enttäuscht

Der Handel in Remscheid reagierte enttäuscht angesichts der Verlängerung des Lockdowns bis zum 28. März und der verwirrenden Öffnungsregeln, die Bund und Länder in der Nacht zuvor beschlossen hatten. „Wir hätten uns weiterreichende Lockerungen gewünscht“, sagt Nelson Vlijt, Manager des Allee-Centers. Immerhin: Die Filiale des Buchhändlers Thalia darf am Montag wieder öffnen. Vlijt würde gern mehr und schneller öffnen. „Da das Infektionsrisiko im Handel nachweisbar gering ist“, sagt er.

Auch der Lenneper Einzelhändler Klaus Kreutzer, Vorsitzender des Handelsverbandes im Bergischen, zeigt sich unglücklich über das Öffnungsszenario, von dem die meisten Kollegen nicht profitieren. „An jedem Tag gehen dem Handel in NRW 170 Millionen Euro an Umsatz verloren. Bis zum Monatsende sind es drei Milliarden.“ Kreutzer stößt sich an der Ungleichbehandlung im Lockdown. „Man benachteiligt die eine Branche zugunsten der anderen.“

Dass etwa die Discounter ihr Sortiment um Kleidungsstücke erweitert haben, während das Bekleidungsgeschäft nebenan geschlossen bleiben muss, ist eine dieser Ungleichbehandlungen, die immer weniger Menschen verstehen und die immer mehr von ihnen sauer aufstößt.

Eine andere Branche fühlt sich in der Lockerungsdiskussion dagegen nicht mehr nur ungleich behandelt, sondern regelrecht abgehängt. Erst nach einer neuerlichen Bund-Länder-Konferenz am 22. März soll wieder über die Gastronomen gesprochen werden. Danach dürfen sie, die ihre Restaurants seit Anfang November 2020 geschlossen halten müssen, vielleicht wieder Gäste bewirten. Aber nur, wenn die sich zuvor einen Corona-Schnelltest unterzogen haben. „Wer bitte macht denn so etwas?“, fragt Markus Kärst, Chef des Hotel Restaurants Kromberg in Lüttringhausen und Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes in Remscheid. Unter solchen Bedingungen lohne es sich nicht, die Küche zu öffnen, sagt Kärst und hegt einen ernsten Verdacht: „Da haben in Berlin Leute beieinander gesessen, die von der Situation in der Gastronomie und im Einzelhandel keine Ahnung haben.“

Corona aktuell

Das Virus hat erneut an Tempo zugelegt. 70 Infektionen gehen aktuell auf Mutationen zurück. 15 Patienten liegen im Krankenhaus, drei auf der Intensivstation. Wegen Infektionen mussten Gruppen in zwei Tageseinrichtungen geschlossen werden.

Welche Beschränkungen wegen des Coronavirus gelten aktuell in Remscheid? Das haben wir für Sie in einem Artikel zusammengefasst, den Sie hier finden: Ein Überblick über die Corona-Regeln in Remscheid.

In unserem Live-Blog finden Sie Informationen zu Entwicklungen rund um das Corona-Virus in Remscheid.

Standpunkt: Ad absurdum geführt

Von Sven Schlickowey

sven.schlickowey@rga-online.de

Nun darf also bald der Einzelhandel wieder öffnen, zumindest wenn der Inhaber Rechtshänder ist und in einem Monat geboren wurde, der auf „r“ endet, dann aber nur in geraden Kalenderwochen und an Wochentagen ohne „e“. So oder so ähnlich lesen sich für mich die Ergebnisse des Bund-Länder-Gipfels. Dass man auch ein, zwei Tage nach dem Treffen von Kanzlerin und Länderfürsten nicht genau weiß, wie deren Beschlüsse umgesetzt werden, daran haben wir uns längst gewöhnt. Aber jetzt ist die Unübersichtlichkeit auf die Spitze getrieben worden.

Lange galt: Der Einzelhandel hat zu, wenn er nicht Produkte des täglichen Bedarfs anbietet. Das wurde bereits durch Discounter, die Yoga-Matten verkauften, ad absurdum geführt. Dass nun aber Buchhändler wieder öffnen, während die Boutiquen zu bleiben, ergibt überhaupt keinen Sinn mehr. Entweder wir kehren zum Ursprungsgedanken zurück und es gibt nur noch Lebensmittel in den Geschäften. Oder aber es werden alle Läden – unter strengen aber identischen Hygienevorschriften – wieder geöffnet.

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