Corona als Brandbeschleuniger

Händler fordern Perspektive für Öffnung

Das Allee-Center am gestrigen Nachmittag. Wo an normalen Tagen bis zu 30 000 Kunden unterwegs sind, herrscht seit Wochen Leere und Tristesse. Die annähernd 600 Menschen, die in den 100 Shops arbeiten, sind in Kurzarbeit und hoffen auf eine baldige Wiedereröffnung. Foto: Roland Keusch
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Das Allee-Center am Donnerstagnachmittag. Wo an normalen Tagen bis zu 30 000 Kunden unterwegs sind, herrscht seit Wochen Leere und Tristesse. Die annähernd 600 Menschen, die in den 100 Shops arbeiten, sind in Kurzarbeit und hoffen auf eine baldige Wiedereröffnung.

Das Internet gräbt den Läden in der Innenstadt das Wasser ab: Corona wirkt als Brandbeschleuniger der Branchenkrise.

Von Axel Richter

Remscheid. Der härteste Konkurrent des Einzelhändlers in der Innenstadt, das ist schon lange nicht mehr der Händler schräg gegenüber. Die Amazons dieser Welt untergraben seine Existenz. Corona wirkt dabei als Brandbeschleuniger. Während die Online-Riesen Rekordumsätze in Milliardenhöhe erzielen, sind die Läden in den Innenstadtlagen geschlossen. Und manch ein Ladenbesitzer, so die düstere Prognose beim jüngsten Branchentalk der Bergischen Industrie- und Handelskammer (IHK), wird nach dem Lockdown nicht mehr öffnen.

Wie viele Geschäfte im Bergischen sind im Lockdown geschlossen?

Von den 8229 Einzelhandelshandelsbetrieben im Bergischen Land sind gegenwärtig 7358 geschlossen. In Remscheid sind von 1335 Läden 1177 dicht. Von 2270 Geschäften in Solingen sind 2049 und von 4624 Läden in Wuppertal sind 4132 geschlossen.

Wie geht es den Betrieben im Lockdown?

Schlecht. Falk Dornseifer, Autohändler in Solingen, hat einen Umsatzrückgang von 30 Prozent zu verzeichnen. Sein Verständnis dafür, dass selbst der Kfz-Handel in großen Ausstellungshallen geschlossen bleiben muss, hält sich in Grenzen. Dornseifer wird weitermachen. Andere haben aufgegeben. IHK-Vizepräsident Jörg Heynkes schloss bereits im Juni 2020 seine Eventlocation Villa Media in Wuppertal. „Ich saß auf einem toten Gaul“, sagt er rückblickend. Heynkes stieg ab und rettete seine Existenz. 50 Mitarbeiter verloren ihren Job.

Gibt es auch Gewinner?

Ja. Markus Kuhnke vom Naschkatzenparadies in Wuppertal berichtet von zweistelligen Umsatzzuwächsen. „Ich habe im Lockdown bis in die Nacht Pakete gepackt.“ Kuhnke setzt aufs Internet. „Und ich kann nur jedem empfehlen, sein komplettes Sortiment darin abzubilden.“

Ist das Internet also die Lösung aller Probleme?

Nein. Auch Bärbel Beck mit Modehaus in der Lenneper Altstadt setzt stark auf den Online-Vertriebsweg. Doch der geöffnete Laden erfülle auch eine soziale und kulturelle Funktion, sagt sie. Die Krise und das sich wandelnde Konsumverhalten dürfe nicht dazu führen, dass die Innenstädte sterben.

Welche Ideen zur Kundenbindung verfolgen die Händler noch?

Ralf Kohns, Chef von Expert Schultes in Solingen, fordert seine Branche zu nichts weniger auf, als sich selbst neu zu erfinden. Er selbst hat für die von ihm vertriebenen Video-, Hifi-, TV- und Elektrogeräte einen kostenlosen Bringdienst etabliert. Die Kunden nehmen es dankbar an und erzählen es weiter. Ein anderes Beispiel: Im Solinger Stadtteil Wald haben die Händler eine Abholstation für ihre Produkte eingerichtet. Die Kunden können die bestellten Dinge dort jederzeit abholen.

Worauf setzen die Händler in den Innenstadtlagen?

Auf treue Kunden natürlich. Und auf Investoren. „Wir brauchen Menschen, die Geld haben und aus zwei Hütten auch mal eine machen“, sagt der Solinger Fotohändler Waldemar Gluch. Darauf hoffen auch die Stadtoberhäupter. Remscheider Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) spricht in dem Zusammenhang oft von „Ersten“ – Investoren, die den Anfang machen. Nelson Vlijt, Manager des Remscheider Allee-Centers, wünscht sich dazu weniger Barrieren im Baurecht. „Und dass die Stadt vielleicht mal als erstes investiert und nicht nur auf Investoren wartet.“

Was vermissen sie von der Politik?

Zunächst einmal eine klare Öffnungsperspektive und Planungssicherheit. Bärbel Beck etwa müsste jetzt die Kollektion für Herbst/Winter 2021 bestellen. Soll sie? Soll sie nicht? Bleibt es bei einem Lockdown-Ende zum 15. Februar? Wer darf dann wann öffnen? Und: Dürfen Geimpfte möglicherweise früher in die Läden zurückkehren als Nichtgeimpfte? Auch diese Frage gilt es absehbar zu beantworten.

Kritik

Mit Blick auf den Schwund im stationären Handel nimmt der Lenneper Ralf Engel, Geschäftsführer des Handelsverbandes NRW Rheinland e.V., die Händler selbst nicht aus. „Sie müssen raus aus ihrer Komfortzone und mehr für ihre Branche einstehen“, erklärte er im IHK-Talk. Auf die Konzepte der Städte setzt er wenig. Darüber sei vor allem viel geredet worden, heißt es auch in Wuppertal. Dabei dränge die Zeit, hielt IHK-Vize Jörg Heynkes fest: „Was wir jetzt verlieren, wird nie wieder kommen.“

Welche Beschränkungen wegen des Coronavirus gelten aktuell in Remscheid? Das haben wir für Sie in einem Artikel zusammengefasst, den Sie hier finden: Ein Überblick über die Corona-Regeln in Remscheid.

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