Mein Blick auf die Woche in Remscheid

Gucken Sie eigentlich die WM?

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Gucken Sie eigentlich WM? Das fragt RGA-Lokalchef Axel Richter und bekennt: Ihm gehen Menschen, die allenthalben Zeichen setzen zunehmend auf die Nerven.

Einmal im Jahr soll der Stadtrat eine autofreie Sitzung abhalten. Das fordert der Kinderschutzbund. Für den Klimaschutz. Wie bitte? Meinetwegen sagen Sie, interessierte Leserin, politischer Leser? Soll er machen, der Rat? Und Sie darüber hinaus mit moralinsaurer Symbolpolitik in Ruhe lassen?

Allenthalben werden Zeichen gesetzt, wird erinnert und gemahnt. Häufig ist das angemessen. Die Gefahr, den Menschen damit auf die Nerven zu gehen, ist zugleich allerdings groß. Und die Gefahr am Ende das Gegenteil dessen zu erreichen, was man eigentlich erreichen möchte, umso größer.

Das erleben gerade die Klimademonstranten, die sich (so viel Apokalyptik war nie) „Letzte Generation“ nennen, sich auf Straßen kleben oder Bilder mit Suppe übergießen. Weil sich die Menschen mehr über die Form ihres Protests erregen gerät ihr berechtigtes Anliegen Klimaschutz in den Hintergrund. Das wirft eine Frage auf: Geht es den Bilderstürmern eigentlich darum? Oder doch nur um die Beruhigung des eigenen Gewissens und darum, besser zu sein als andere?

Apropos schlechtes Gewissen: Gucken Sie eigentlich WM? Seit der Vergabe der Fußballspiele an die Wüsten-Diktatur Katar und je näher das erste Spiel der deutschen Kicker rückt, ist das ja auch eine Frage von Gut und Böse - so wie Impfen, Fliegen, Essen, Gendersternchen und aktuell das Heizen.

Um ein Zeichen zu setzten verzichten Kneipen in Remscheid auf eine Übertragung der WM-Spiele und das Jugendzentrum Kraftstation will als Alternative Dokumentarfilme über Katar zeigen und Schablonen basteln, um mit Kreidespray ein Zeichen gegen die Ausbeutung von Arbeitsmigranten und die Unterdrückung der queeren Szene zu setzen.

Bitte nicht missverstehen: Sie alle haben recht mit ihrer Kritik. Und doch erinnert der Protest ein Stückweit an jene Schauspielerinnen, die sich selbst dabei filmten, wie sie sich ein Stück ihrer Haare abschnitten, um damit bei Youtube ihre Solidarität mit den Frauen im Iran unter Beweis zu stellen. Und dabei ein trotziges Gesicht aufsetzten, als hätten sie es den Mullahs jetzt aber mal so richtig gezeigt.

Das ständige Zeichensetzen nimmt zuweilen schon satirische Züge an. Woke Eiferer, die sich zu Sprachwächtern aufschwingen, haben bestimmte Begriffe auf den Verbotsindex gesetzt. Wer sie ausspreche, mache sich der Verbreitung rassistischer Begriffe schuldig, sagen sie. Und zwar selbst dann, wenn er sich vom Rassismus distanzieren möchte. Entschuldigung: Könnte jemand gerade die Tassen wieder in den Schrank räumen? Oder die Scherben aufkehren?

In solchen Diskussionen geht es nicht mehr ansatzweise um diejenigen, die von Rassismus betroffen sind. Es geht darum, sich selbst über andere moralisch zu erheben. Und genau das ahnen die Menschen und reagieren entsprechend: genervt und im schlimmsten Fall trotzig und mit Ablehnung. Der Sache - dem Klimaschutz, den Menschenrechten - ist das Setzen von Zeichen deshalb selten dienlich. Im Gegenteil macht es die Welt kein Stück besser.

FLOP
Kippenhersteller in Erklärungsnot: Zigarettenautomaten hängen an Jugendzentrum.

TOP
Gedore macht´s vor: Der aus Sierra Leone geflohene Sahid Jay zeigt, wie Integration funktioniert.

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