Wartelisten sind mal länger, mal kürzer

Offener Ganztag: Grundschulen in Remscheid begrüßen Rechtsanspruch

Begrüßt den Kompromiss von Bund und Ländern: Regina Schröder, Schulleiterin der Grundschule Hackenberg. Archivfoto: Michael Schütz
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Begrüßt den Kompromiss von Bund und Ländern: Regina Schröder, Schulleiterin der Grundschule Hackenberg.
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Der offene Ganztag wird bis 2026 ausgebaut. Für viele schon heute beengte Schulen wird dies zur Herausforderung.

Remscheid. Die Einigung von Bund und Ländern im Finanzstreit über die Ganztagsbetreuung in Grundschulen stößt beim Remscheider Lehrpersonal und im Schulamt auf große Zustimmung. „Wir begrüßen es sehr, dass der bundesweite Rechtsanspruch ab Sommer 2026 kommen soll“, freut sich Regina Schröder als Schulleiterin der Grundschule Hackenberg wie als Gewerkschafterin des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). „Die Nachfrage durch die Eltern ist enorm, und der können wir nun endlich gerecht werden.“ Wie Schröder, so hält auch Ute Brocke (Gewerkschaft GEW) die Entscheidung im Sinne einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf für vernünftig.

An den 17 hiesigen Grundschulen existieren Wartelisten. Mal länger, mal kürzer. An der GGS Hackenberg gilt letzteres. 158 der insgesamt 257 Erst- bis Viertklässler besuchen den Offenen Ganztag. Das macht 61,4 Prozent aus. Damit ist Hackenberg leicht überbelegt, aber, wie Regina Schröder betont, in einer vergleichbar komfortablen Lage. Denn die Liste derjenigen, die dringend einen Platz benötigen, ist überschaubar. „Das liegt auch daran, dass unsere OGS-Leitung mit Dorothee Robra und ihrer Tochter Michaela Hohs nicht nur pädagogisch hervorragende Arbeit leistet, sondern auch manche Eltern von älteren Grundschülern überzeugen konnte, dass unsere Erstis im Einzelfall noch eher einen Platz benötigen.“ Finanziell ist Schule in Remscheid ein Minusgeschäft.

Regina Schröder weiß auch, dass die räumlichen Voraussetzungen in fünf Jahren erst geschaffen werden müssen. Hunderttausende neue OGS-Plätze in Deutschland bedeuten milliardenschwere Investitionen in Neu- und Anbauten. Auch in Remscheid gibt es schon jetzt beengte Schulstandorte, bei denen Erweiterungen zumindest eine Herausforderung darstellen. In Hackenberg, so erklärt Schröder, müsse an einen Anbau für die Mensa gedacht werden. Die Fläche dafür wäre vorhanden.

Unterrichtsräume in Schulen sollen in Remscheid zu Freizeitflächen werden

Die Stadt Remscheid hat sich bei den Planungen schon auf den Weg gemacht. Die Expertise kommt vom Leverkusener Planungsbüro Dr. Garbe & Lexis, das die Basis für den Schulentwicklungsplan liefert. Seit Jahren kennt Dr. Detlef Garbe die hiesigen Einrichtungen, hat jede Schule von innen gesehen und Bedarfe analysiert. Dies auch im Vorgriff auf den hohen OGS-Bedarf und einen Rechtsanspruch. Der Schlüssel liegt für Regina Schröder nicht nur in Vergrößerungen. „Wir werden eine Kombination aus Anbauten und neuen Raumkonzepten benötigen.“ Es gehe um die Schaffung von multifunktionalen Räumen, bei denen sich durch bewegliches Mobiliar die Möglichkeit ergibt, aus Unterrichtsräumen Freizeitflächen zu machen, die dem Bedürfnis der Kinder bei einem anstrengenden Acht-Stunden-Tag Ruhe und Entspannung zu finden, zum Beispiel in dem Nischen für Rückzugsmöglichkeiten geschaffen werden.“

„Wir können der Nachfrage endlich gerecht werden.“

Regina Schröder, Schulleiterin

Schuldezernent Thomas Neuhaus sieht Remscheid gerüstet. Schon heute befänden sich 61 Prozent der Grundschulkinder in Betreuung. Das Ministerium rechne mit einer Inanspruchnahme von 70 Prozent. „Da sind wir nah dran“, sagt Neuhaus. Zum Vergleich: Wuppertal komme gegenwärtig lediglich auf 33 Prozent. Die Schulen werden viele ihrer Räume häufiger nutzen als bisher. Dennoch, sagt Neuhaus: „Es muss ordentlich gebaut werden, und der Ausbau wird uns viele Jahre beschäftigen.“ Für einige der Schulen stelle sich zudem die Standortfrage.

„Wir haben Schulen, die stoßen längst an ihre Grenzen. Die haben keinen Platz für Erweiterungen“, sagt Neuhaus: „Und als Nächstes stellt sich die Frage nach dem Personal.“ Das war freilich schon nach der jüngsten Ausbauoffensive bei den Kindertagesstätten so. Dort, erklärt der Sozialdezernent, sei eine Versorgungsquote von 98 Prozent erreicht, jedenfalls bei Über-Dreijährigen. Alles in allem zeigt er sich zufrieden mit dem Beschluss von Bund und Ländern: „Das ist genau der richtige Weg.“

Kompromiss

Bund und Länder einigten sich Montag auf einen Kompromiss. Ab 2026/2027 sollen alle Erstklässler Anspruch auf acht Stunden Betreuung täglich haben. Ab August 2029 wird jeder Schüler der Klassen 1 bis 4 einen Anspruch auf acht Stunden Betreuung pro Tag haben.

Standpunkt: Quantität und Qualität

Kommentar von Sven Schlickowey

sven.schlickowey@rga.de

Schulen zufrieden, Lehrer zufrieden, Stadt zufrieden – der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen scheint gut anzukommen. Und natürlich ist dieser Schritt längst überfällig. Doch in der allgemeinen Begeisterung dürfen zwei Dinge nicht vergessen werden: Dass dieser Ausbau –von Räumen, Personal und Ausstattung – jede Menge Geld kosten wird und Bund und Land inzwischen schon traditionell ein gewisses Talent haben, Aufgaben an die Kommunen zu delegieren, ohne das dafür notwendige Geld mitzuliefern. Das wäre für eine Stadt wie Remscheid fatal. Und vor allem, dass in der Kinderbetreuung nicht nur die Quantität zählt. Mehr Betreuung ist gut, bessere Betreuung wäre noch besser. Bis heute sind die in NRW für die OGS geltenden Rahmenbedingungen bei personelle Ausstattung, Qualifikation der Mitarbeiter, Raum- und Gruppengrößen und sonstigen Standards bestenfalls schwammig formuliert und schlecht finanziert. Am besten geht man das gleich zusammen mit dem Ausbau an. Und mit ausreichenden finanziellen Mitteln.

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