4000 Quadratmeter Waldfläche brannten

Großes Feuer fördert historisches Biotop

Das Abrennen des Adlerfarns war für die Hilfsorganisation @fire aus Osnabrück und die Stadt Remscheid eine Win-win-Situation. Foto: Tim Oelbermann
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Das Abrennen des Adlerfarns war für die Hilfsorganisation @fire aus Osnabrück und die Stadt Remscheid eine Win-win-Situation.

In Lüttringhausen brannten rund 4000 Quadratmeter Waldfläche. Das regt die äußerst seltene Heidelandschaft an.

Von Timo Lemmer

Remscheid. Die Untere Naturschutzbehörde Remscheid fördert die hiesige Heidelandschaft. Das früher viel häufiger vertretene Biotop sei inzwischen der absolute Außenseiter: „Von insgesamt rund 8000 Hektar Fläche sind in Remscheid vier oder fünf Hektar Heide. Sie ist damit das gefährdetste Biotop überhaupt, sogar noch mehr als der Tümpel“, so Frank Stiller.

Der Abteilungsleiter und sein Team haben daher am Samstag eine spektakuläre Aktion in Lüttringhausen durchführen lassen: In drei Abschnitten wurde jeweils rund 1500 Quadratmeter Boden entflammt, um tote Pflanzen zu entsorgen und vor allem die weitreichende Monokultur des Adlerfarns zu beenden – und um dort nun Heidekraut eine echte Chance zu geben. Denn gegen den Adlerfarn, der bis zu 1,5 Meter Höhe erreicht und eine Art Dämmschicht über dem Boden errichtet, sei sonst kein Kraut gewachsen.

„Im Bergischen hat man historisch von einem Busch gesprochen. Die Wälder waren viel niedriger.“

Frank Stiller, Naturschutzbehörde

Dabei war es nicht die Umweltbehörde, die den Anstoß gab. Die Hilfsorganisation @fire aus Osnabrück war auf die Verwaltung zugekommen. Die dortigen Feuerwehrleute haben sich auf die Feuerbekämpfung auf Nutz- und Vegetationsflächen spezialisiert. Die Organisation hatte dann im Internet einen Artikel von vor 15 Jahren gefunden, als Remscheids Naturschützer schon einmal mit der Feuermethode versucht hatten, dem Adlerfarn beizukommen und so das Heidekraut zu fördern. Seitdem haben die Behörden zwar etliche weitere Methoden ausprobiert, am besten geeignet zeige sich aber die Variante eines kurzen Feuers, so Stiller: „Ein kurzer Brand ist am schonendsten.“ Als dann die Hilfsorganisation nach Übungsflächen fragte, habe sich eine Win-win-Situation ergeben, wie der Abteilungsleiter sagt. 20 Ehrenamtliche und ein halbes Dutzend Remscheider Berufsfeuerwehrleute nutzten die Aktion zur Schulung.

Die Arbeiten am Samstag hatten sechs Stunden gedauert. Die bearbeiteten 4000 Quadratmeter seien dabei gerade mal ein Zehntel des Gesamtkomplexes in Lüttringhausen, auf dem unter anderem Heide gefördert wird. An einigen Stellen klappe das schon richtig gut, sagt Stiller: „Im Ortsteil Westen ist eine richtig schöne Heidelandschaft gelungen.“

Festgestellt habe man vor langer Zeit, dass sich die Flächen unter Hochspannungsleitungen – wie jetzt am Samstag – besonders eignen, sofern sie landwirtschaftlich ungenutzt sind. Unter anderem, weil diese Streifen gehölzfrei bleiben müssen. Dem Netzbetreiber sei das Abflammen im Übrigen auch sehr recht gewesen, da der dichte Adlerfarn-Bewuchs als enorme Gefahr („Brandlast“) identifiziert worden sei.

Im Vordergrund aber steht die Hoffnung, mehr Heide zu generieren. „Wenn die toten Pflanzen weg sind, kann sich die Heide entwickeln. Das ist wiederum für viele heimische Insekten, die offenen statt zugewachsene Böden brauchen, sehr wichtig – zum Beispiel die Wildbienen.“ Historisch seien Heide und lichte Wälder, die in ebenfalls gefördert werden, im Bergischen viel stärker vertreten gewesen als heutige Hochwälder mit dichter Krone: „Im Bergischen hat man historisch von einem Busch gesprochen. Die Wälder waren viel niedriger.“ Viele Arten bräuchten daher nährstoffarme, sehr trockene und sonnige Bereiche.

Die Aktion habe ohne Ankündigung stattfinden müssen, weil sich die Hilfsorganisation ganz auf ihre Übung habe konzentrieren wollen, so Stiller. Hinweistafeln vor Ort machten auf die Aktion aufmerksam. Aufgrund der meterhohen Flammen stoppten immer wieder Spaziergänger, die die Mitarbeiter des Umweltamtes dann aufklärten: „Das Verständnis war sehr groß.“  

Hintergrund

Vor 20 Jahren habe man auf Luftaufnahmen entdeckt, dass es unter den Strommasten „hektarweise braun“ aussehe: der Adlerfarn. „Der schafft sich seine eigenen, extremen Bedingungen.“ Anderthalb Monate werde die Fläche nun dunkel aussehen, ehe Heidekraut sprießen soll.

Standpunkt: Schnell und effektiv

Von Timo Lemmer

timo.lemmer@rga.de

Spektakulär sind die Bilder, die von der großen Waldbrandübung in Lüttringhausen zeugen. In drei Abschnitten brannten Streifen von 4000 Quadratmeter Fläche – die Szenen wirken beeindruckend. Weniger auf den schnellen Effekt ausgelegt, dafür aber auf den zweiten Blick nicht minder spektakulär sind die Ergebnisse, die die Naturschutzbehörde Remscheid mit derartigen Pflegemaßnahmen erzielt. Die Entstehung kleinerer Heideflächen – ob in Westen, Bökerhöhe oder per Zufall im Freibad Eschbachtal – ist auf Luftaufnahmen von Frank Stiller von 2002 und 2019 zu erkennen. Das gibt den Experten recht. Und das sollten auch die kritischen Stimmen bedenken: Die Fachleute versichern, dass die Feuer-Methode schonend für die Natur ist, unter anderem weil es schnell geht und Pflanzen trotzdem ihre Samen ausbreiten. Abgebrannt werden nur tote Pflanzen und allen voran der Adlerfarn, der in seiner Ausbreitung ein Schädling ist: Er verdrängt mehr und mehr heimische Arten. Einige von ihnen fühlen sich viel wohler, wenn Licht auf die Erde fällt – und derartige Lebensräume werden immer knapper. Nun haben Heidekräuter wieder eine Chance, und mit ihr ein knapp gewordener Lebensraum.

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