Hohe Belastung für Arztpraxen

Die Grippewelle schwappt durch die Stadt

Auffällig viele Kinder erkranken zurzeit an Atemwegsinfektionen, die Belastung für Schulen und Arztpraxen steigen, berichten Thomas Giebisch (o.) und Martin Schulte. Viele Medikamente seien kaum zu bekommen, sagt Henning Denkler (u.).
+
Auffällig viele Kinder erkranken zurzeit an Atemwegsinfektionen, die Belastung für Schulen und Arztpraxen steigen.
  • Andreas Weber
    VonAndreas Weber
    schließen

Viele Kinder leiden derzeit an Atemwegsinfektionen, eine hohe Belastung für Schulen und Arztpraxen.

Von Andreas Weber und Sven Schlickowey

Thomas Giebisch

Remscheid. An der Grundschule Mannesmann ist es derzeit deutlich ruhiger, zahlreiche Schülerinnen und Schüler fehlen im Unterricht, sie sind krank. „Wir haben auffällig viele Ausfälle“, berichtet Schulleiter Sebastian Hill. Weniger zu tun haben Hill und seine Kollegen deswegen aber nicht, eher im Gegenteil. Denn die Ausfälle beziehen sich nicht nur auf die Schülerschaft, sondern auch aufs Kollegium.

Er selber verbringe nun zum Beispiel viel mehr Zeit im Unterricht, sagt der Schulleiter: „Meine Bürozeiten fallen dann halt weg.“ Wo sonst in Doppelbesetzung unterrichtet werde, sei inzwischen meist eine Lehrkraft alleine, Förderkurse fallen aus. „Wir sind kreativ.“

Ein paar Jahrgangsstufen höher ist das Bild auf dem Lüttringhauser Leibniz-Gymnasium ganz ähnlich. Bei einer Klassenarbeit der Fünfer hätten zuletzt acht von 27 Schülern gefehlt, nennt Thomas Giebisch ein Beispiel: „Die Krankenstände sind enorm hoch“, sagt der Schulleiter. „Ich schätze, dass es doppelt so viele wie sonst um diese Jahreszeit sind.“ Teils hätten manche Lehrer nur noch die halbe Klasse vor sich sitzen. Und auch durch das Kollegium schwappe die Welle der Atemwegserkrankungen.

Martin Schulte

Woran das liegt? Thomas Giebisch kann nur vermuten, dass nach der Schulzeit in Distanz und Isolation alle anfälliger sind. Und auch Sebastian Hill spricht davon, „dass da vermutlich ganz viele Krankheiten nachgeholt werden.“

Welche genau, das zeigt unter anderem ein Blick in die Statistik der beiden städtischen Kinderarztpraxen. Dort fänden sich auf den ersten drei Plätzen Grippe, RS-Virus und Rhinoviren, eine Gruppe von Erregern, die Schnupfen und Erkältungen auslösen, berichtet der Ärztliche Leiter Martin Schulte. Wirklich differenziert werde das aber nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel bei besonders gefährdeten Patienten: „Weil es für die Behandlung meist keine Rolle spielt.“ Im überwiegenden Teil der Fälle laute der ärztliche Rat stets: Bettruhe, viel trinken und bei Bedarf Fiebermittel verabreichen. So sie denn verfügbar sind (siehe unten).

Die Kinderarztpraxen trifft die Krankheitswelle doppelt: Das Patientenaufkommen steigt enorm, gleichzeitig werden Mitarbeiter krank. Vergangene Woche habe eine Praxis in Lennep zeitweise schließen müssen, weil dort alle Medizinischen Fachangestellten ausgefallen seien, sagt Schulte. Die städtische Praxis in der Peterstraße bleibt den Rest der Woche geschlossen. Aus dem gleichen Grund. Viele der in Remscheid niedergelassenen Kinderärzte nutzten ihren eigentlich freien Nachmittag am Mittwoch für eine Art Krisentreffen.

„Eine Vielzahl der Patienten hat eigentlich eher banale Verläufe.“

Kinderarzt Martin Schulte
Viele Medikamente seien kaum zu bekommen, sagt Henning Denkler.

Dabei müsse lange nicht jedes kranke Kind direkt zum Arzt, sagt Martin Schulte: „Eine Vielzahl der Patienten hat eigentlich eher banale Verläufe.“ Oft reiche es, den jungen Patient ins Bett zu stecken und zu beobachten. Und erst zum Arzt zu gehen, wenn es schlimmer wird. Eine Ausnahme gelte allerdings bei Babys, betont Schulte. Die gehörten mit Fieber auf jeden Fall immer zu einem Arzt.

Zusätzlich belastend für die Praxen seien zudem die vielen Eltern und Patienten, die nur für eine Bescheinigung, zum Beispiel für die Schule, vorbeikämen, sagt der Kinderarzt. „Es weiß doch jeder, was derzeit los ist.“ Und wer doch unbedingt eine Bescheinigung brauche, könne die auch telefonisch bekommen. „Das geht ja auch viel schneller.“

So dramatisch die Situation teilweise schon ist, sie wird vermutlich erst noch schlechter, bevor sie sich entspannt, meinen Fachleute, die davon ausgehen, dass die Zahlen weiter steigen werden. So geht es auch Martin Schulte: „Dass der Höhepunkt schon erreicht ist, kann ich mir aufgrund der Jahreszeit fast nicht vorstellen.“

Nachrichten zur Corona-Lage in Remscheid finden Sie in unserem Live-Blog.

Versorgung mit Medikamenten

Wie bei vielen Medikamenten sei auch die Versorgung mit Fiebermitteln für Kinder derzeit „katastrophal“, sagt Henning Denkler, Sprecher der Remscheider Apotheker. Ibuprofen und Paracetamol seien in Tablettenform kaum noch, als Saft und Zäpfchen gar nicht mehr zu bekommen. Eltern bleibe nichts anderes übrig, als alle Apotheken der Umgebung abzutelefonieren. Oder in die Niederlande zu fahren – dort seien die Mittel nämlich noch verfügbar.

Standpunkt von Sven Schlickowey: Nebenprodukt

sven.schlickowey@rga.de

Stellen Sie sich vor, Ihr Kind ist krank. Und Sie können ihm kaum helfen, weil banaler Fiebersaft für knapp zehn Euro die Flasche nicht verfügbar ist. Das ist für viele Eltern derzeit traurige Realität. Und Folge einer verfehlten Gesundheitspolitik, die ein System geschaffen hat, in der betriebswirtschaftliche Überlegungen zumindest mal gleichberechtigt neben medizinischen stehen. Ob es wirklich die Rabattverträge der Krankenkassen waren, die die Hersteller aus Deutschland vertrieben haben, sei mal dahingestellt.

Dass der inzwischen allgegenwärtige Kostendruck aber eine Abwanderung gen Indien und China sicherlich beschleunigt hat, steht wohl außer Zweifel. Das war politisch so gewollt, weil es die Krankenkassenbeiträge um ein paar Zehntel drückt. Die Eltern, die nun sorgenvoll am Bett ihres fieberndes Kindes wachen, sind hingegen eher ein ungewolltes Nebenprodukt.

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Lüttringhausen: Unfall mit sechs Autos
Lüttringhausen: Unfall mit sechs Autos
Lüttringhausen: Unfall mit sechs Autos
Hindenburgstraße: Zwei Eröffnungen an nur einem Tag
Hindenburgstraße: Zwei Eröffnungen an nur einem Tag
Hindenburgstraße: Zwei Eröffnungen an nur einem Tag
Busse: Donnerstag und Freitag drohen Streiks
Busse: Donnerstag und Freitag drohen Streiks
Busse: Donnerstag und Freitag drohen Streiks
Sozialarbeit hält in den Kitas Einzug
Sozialarbeit hält in den Kitas Einzug
Sozialarbeit hält in den Kitas Einzug

Kommentare