Im Gespräch

General a. D. Harald Kujat warnt vor dem Atomkrieg

Harald Kujat sagt: Der Westen und Russland haben große Fehler gemacht.
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Harald Kujat sagt: Der Westen und Russland haben große Fehler gemacht.

Am heutigen Abend ist der einstige hohe Militär Gast der AG 60 plus in der SPD Remscheid. Im RGA-Gespräch fordert er eine Exitstrategie für die Ukraine.

Das Interview führte Axel Richter

Herr Kujat, wie blicken Sie aktuell auf den Krieg gegen die Ukraine?

Harald Kujat: Mit großer Sorge. Ich bin für eine duale Strategie des Westens: Man sollte die Ukraine unterstützen, aber zugleich alles dafür tun, um diesen Krieg zu beenden. Das Ziel muss lauten Frieden – und nicht endloser Abnutzungskrieg. Je länger der Krieg dauert, desto größer ist die Gefahr, dass er auf andere Länder übergreift oder sogar, dass sich seine Intensität bis zum Äußersten, also bis zu einem Einsatz von Nuklearwaffen steigert.


Sind Sie deshalb gegen die Lieferung weiterer schwerer Waffen an die Ukraine?

Kujat: Die amerikanische Regierung hat bisher darauf geachtet, keine Waffen zu liefern, die es der Ukraine erlauben, russisches Territorium im Verbund moderner Waffensysteme massiv anzugreifen und dadurch eine russische Eskalation zu provozieren. Und schon gar nicht solche, durch die ein Nuklearkrieg entstehen könnte. Daran sollten wir uns auch halten.


Das heißt?

Kujat: Wir dürfen uns nicht auf Waffenlieferungen beschränken und so einer Kriegsführungsstrategie folgen. Das darf nicht unser Ziel sein. Das Ziel des Westens muss sein, die Kampfhandlungen zu beenden. Anderenfalls erleben wir einen langen Abnutzungskrieg mit vielen weiteren Toten auf beiden Seiten, mit extremen wirtschaftlichen Verlusten in der Ukraine sowie wirtschaftlichen Verwerfungen im Westen – und sind in der ständigen Gefahr einer nuklearen Eskalation.

Was soll die Bundesregierung also tun beziehungsweise unterlassen?

Kujat: Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Ende des Krieges nur durch die beiden Hauptakteure Russland und USA erreicht werden kann. Dazu brauchen wir eine Exit-Strategie. Und zwar in enger Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten. Die Chance dazu bietet sich Mitte November auf dem G20-Gipfel in Bali. Sowohl von Putin als auch von US-Präsident Biden gibt es Signale, sich dort treffen zu wollen. Das ist die Gelegenheit, dem ganzen Spuk in Verhandlungen ein Ende zu bereiten.

Ukraine-Krieg: So können Sie jetzt helfen


Putin ist ein Massenmörder und Kriegsverbrecher. Und darüber hinaus ein Lügner, der keine Vereinbarung eingehalten hat. Welchen Sinn hat es, mit ihm zu verhandeln?

Kujat: Was auch immer Putin ist: Wenn wir nicht mit ihm verhandeln, wird dieser Krieg weitergehen bis zur totalen Zerstörung der Ukraine. Im Übrigen sind die USA und Russland auch jetzt ständig miteinander im Gespräch. Die Verteidigungsminister Russlands und der USA haben jetzt erst vor wenigen Tagen mehrfach miteinander telefoniert. Das ist richtig und wichtig, weil es im beiderseitigen Interesse ist und Missverständnisse vermieden werden.


Das ist gut zu hören. Solange man redet, schießt man nicht aufeinander. Aber halten Sie einen Verhandlungsfrieden mit Putin tatsächlich für möglich?

Kujat: In Amerika gibt es einen Stimmungsumschwung. Die Republikaner haben angekündigt, die Unterstützung der Ukraine einzuschränken, falls sie bei den Wahlen am 8. November erfolgreich sind. Und aus der demokratischen Partei wird auch Druck auf Präsident Biden ausgeübt, den Krieg durch Verhandlungen mit Russland zu beenden. Auch Putin hat mehrfach Verhandlungen angeboten. Es ist eine Pattsituation in diesem Krieg entstanden. Die Vernunft gebietet es, die Chance zu nutzen.

Die Ukraine zeigt keine Verhandlungsbereitschaft. Hat sie eine Chance, den Krieg zu gewinnen?

Kujat: Ich glaube, dass keine Seite diesen Krieg gewinnen und keiner seine politischen Ziele erreichen kann. Dass Schweden und Finnland in die Nato streben, ist kein Erfolg für Russland. Die Ukraine wird sich weiter dem Westen zuwenden. Auch das ist kein Erfolg für Russland. Aber auch die Ukraine hat in diesem Krieg nichts zu gewinnen. Sie erlebt gerade größte Zerstörungen. Und schließlich werden auch die USA ihr Ziel nicht erreichen, Russland soweit zu schwächen, dass es als geostrategischer Rivale keine Rolle mehr spielt und sie sich auf die Rivalität mit China konzentrieren können.

In den 90er Jahren gingen Nato und Russland aufeinander zu. Wie konnte es zu der neuen Konfrontation kommen?

Kujat: Russland hat die Nähe zur Nato gesucht und der Nato-Russland-Rat hat die Voraussetzungen für eine strategische Partnerschaft geschaffen. Danach entstanden eine enge politische Abstimmung und militärische Zusammenarbeit. Dann gab es zwei Wendepunkte: 2002 haben die USA den ABM-Vertrag über die Begrenzung von strategischen Raketenabwehrsystemen gekündigt, was Russland als Gefährdung des nuklearen Gleichgewichts ansah. Und 2008 drängte der damalige Präsident Bush darauf, die Ukraine und Georgien als Nato-Mitglieder einzuladen. Als Folge des Georgien-Krieges hat die Nato den Nato-Russland-Rat suspendiert, in dem sich beide Seiten auf Mechanismen verständigt hatten, Krisen und Konflikte einvernehmlich zu lösen.


Das heißt, eigentlich ist der Westen an allem schuld?

Kujat: Nein. Der Verantwortliche für den völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine ist Russland. Daran gibt es nichts zu deuteln. Aber ein Krieg ist kein Naturereignis. Er wird von Menschen gemacht und hat eine Vorgeschichte. Diese Geschichte muss man verstehen. Nur dann kann man einen Krieg beenden.

Heute: Termin mit Harald Kujat

General a. D. Harald Kujat war von 2000 bis 2002 Generalinspekteur der Bundeswehr und von 2002 bis 2005 Vorsitzender des Nato-Militärausschusses. Danach trat er häufiger als teilweise umstrittener Gast in Talkshows auf. Kritiker unterstellen ihm eine zu große Nähe zu Russland.

Für heute Abend lädt die AG 60 plus in der SPD zu einem Diskussionsabend mit Harald Kujat ein. Um 19 Uhr wird er per Video ins MK-Hotel am Hauptbahnhof zugeschaltet. „Wir möchten einen Beitrag zur Diskussion über Entspannung in Europa leisten“, heißt es in der Einladung.

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