Energieversorgung

Gaskrise: Stadt lässt Lichter ausgehen

In der dunklen Jahreszeit leisten die Straßenlaternen wie hier am Willy-Brandt-Platz gute Dienste. In der Energiekrise will die Stadt nun prüfen, ob und welche sie abschalten kann. Das gilt auch für die Ampeln. Dazu zieht sie die Polizei zu Rate.
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In der dunklen Jahreszeit leisten die Straßenlaternen wie hier am Willy-Brandt-Platz gute Dienste. In der Energiekrise will die Stadt nun prüfen, ob und welche sie abschalten kann. Das gilt auch für die Ampeln. Dazu zieht sie die Polizei zu Rate.
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Oberbürgermeister kündigt weitere Sparanstrengungen an. Geringverdienern soll finanziell geholfen werden.

Von Axel Richter

Remscheid. Die Stadt will Teile ihrer Straßenbeleuchtung und Verkehrsampeln abschalten, um Energie zu sparen. Remscheidern, die wegen der explodierenden Lebenshaltungskosten nicht mehr über die Runden kommen, kündigt Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) zugleich finanzielle Hilfen an, wenn Bund und Land nicht für sie einspringen. „Es geht jetzt darum, die Menschen über den Winter zu bringen“, erklärte das Stadtoberhaupt am Donnerstag nach einer Krisensitzung mit Stadtwerken und Feuerwehr zur Wiederinbetriebnahme der Gaspipeline Nord Stream 1.

Burkhard Mast-Weisz: „Das Gas wird nicht für alle reichen“

Dass der russische Staatskonzern Gazprom darüber wieder annähernd so viel Gas nach Deutschland pumpt wie vor den Wartungsarbeiten, traf bei den Angehörigen des Krisenstabes auf Erleichterung. Stadtwerke-Chef Prof. Dr. Thomas Hoffmann sieht allerdings keinen Anlass zur Entwarnung. Im Gegenteil: „Ich glaube, dass der russische Präsident die Gasversorgung als taktisches Mittel gegenüber den westlichen Ländern entdeckt hat. Ob und wie viel Gas Russland liefert, ist für die Zukunft nicht kalkulierbar.“

So will die Stadt Gas sparen

Um Gas zu sparen und damit die Speicher für den Winter zu füllen, haben die Stadtwerke die Wassertemperaturen im H2O und im Sportbad am Park um ein Grad abgesenkt und die Öffnungszeiten der Sauna reduziert. Damit weniger Gas verstromt werden muss, will die Stadt nun nachziehen und auf den Straßen, wo das möglich ist, die Lichter ausgehen lassen.

„Vielleicht können wir jede zweite Laterne ausschalten oder in der Nacht von 2 bis 5 Uhr morgens“, sagt der Oberbürgermeister. Was möglich ist, ohne Einbußen bei der Sicherheit zu erleiden, sollen Gespräche mit der Polizei ergeben. Das gelte ebenso mit Blick auf die Ampeln.

Auf den Prüfstand soll auch die nächtliche Beleuchtung der Gebäude – des Rathauses zum Beispiel. Das gilt ebenso wie die Wassertemperatur der Duschen in den Sporthallen und für die Raumtemperatur im Ämterhaus. Hier herrschen im Winter 20 Grad. Mit einer Reduzierung auf 19 wäre Remscheid Vorreiter. Andere Städte heizen ihre Räume heute noch auf 22 Grad hoch.

Den Stadtwerken geht es gut. Aber natürlich steigen die Beschaffungskosten rapide an.

Prof. Dr. Thomas Hoffmann, Stadtwerke Remscheid

Gleichzeitig schlagen einzelne Stadtwerke Alarm. Sie fürchten, wegen der hohen Gaspreise in die Insolvenz zu rutschen. Weil Kunden die Rechnung nicht mehr bezahlen können. Davon sei das eigene Unternehmen weit entfernt, sagt Thomas Hoffmann: „Den Stadtwerken Remscheid geht es gut“, sagt der Geschäftsführer: „Aber natürlich steigen die Beschaffungskosten auch für uns rapide an.“ Die landen am Ende bei den Verbrauchern, doch wächst dort die Zahl derer, die sich fragen, wie sie Gas, Strom und Lebensmittel eigentlich noch bezahlen sollen.

Das gilt vor allem für die Menschen, die kein Geld vom Staat erhalten und mit ihrem Haushaltskommen gerade so auskommen. Für sie fordert der Oberbürgermeister Hilfe ein. Bund und Land sollen sie leisten. „Wenn da nichts kommt, werden wir vor Ort eine Lösung finden“, sagt Mast-Weisz. Anderenfalls sieht er nicht weniger als den sozialen Frieden in Gefahr.

Schließlich bleiben die Remscheider aller Unabhängigkeitsbestrebungen der Bundesregierung zum Trotz noch lange vom Erdgas abhängig. „Die Hälfte aller Haushalte wird mit Gas versorgt“, sagt Thomas Hoffmann: „Das lässt sich nicht in zwei, drei Jahren ändern.“

Sparanstrengungen

Die chronisch klamme Stadt Remscheid ist seit Jahren gezwungen, ihre Energiekosten für den Betrieb von Büros, Sporthallen, Schulen etc. zu senken. Das gelingt auch. Laut Stadtkämmerer Sven Wiertz (SPD) hat die Stadt die Kosten für die Heizung ihrer Gebäude seit 1980 bis heute um 61 Prozent reduziert. Die Stadt heimste mit ihren Sparbemühungen zudem mehre Male Umweltpreise ein.

Standpunkt von Axel Richter: Das wäre absurd

axel.richter@rga.de

Jede Kilowattstunde zählt, sagt Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck. Wer das ernst nimmt, muss fordern, dass die drei verbliebenen Atomkraftwerke länger als geplant am Netz bleiben und Strom produzieren. Anderenfalls müsste dafür nämlich Gas verbrannt werden.

Natürlich: Atomkraft ist keine Zukunftsenergie. Solange Wind, Sonne, Wasserkraft und Co. unseren Bedarf aber nicht decken, darf eine Laufzeitverlängerung nicht ausgeschlossen werden. Anderenfalls stehen wir im Winter nämlich leicht vor der Situation, dass Putin uns das Gas abdreht, und wir schalten uns gleichzeitig die letzten Kraftwerke ab.

Das wäre absurd, finden Sie? Das stimmt. Aber erinnern Sie sich: Es war die Katastrophe von Fukushima, die Deutschland aus der Atomenergie hat aussteigen lassen. Dabei war es schon damals wenig wahrscheinlich, dass ein Tsunami durch die Norddeutsche Tiefebene donnert, um einen deutschen Meiler zu fluten. Gemacht wurde es trotzdem.

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