Flucht aus der Ukraine

Hilfstransport: Für Hanna ist Peter Schnitzler der Retter in der Not

Peter Schnitzler (66) hat Hanna (42), ihre Tochter Alina (8), ihren Sohn Yegor (12) und zwei Katzen von der polnisch-ukrainischen Grenze nach Remscheid geholt und kümmert sich nun auch weiter um sie. Der Online-Händler möchte dieses E-Bike verkaufen, um den Sprit für seinen nächsten Hilfstransport zu finanzieren. Der startet in einer Woche. Dann will er auch Hannas Freundin und deren Säugling aus der Ukraine mitbringen. Foto: Doro Siewert
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Peter Schnitzler (66) hat Hanna (42), ihre Tochter Alina (8), ihren Sohn Yegor (12) und zwei Katzen von der polnisch-ukrainischen Grenze nach Remscheid geholt und kümmert sich nun auch weiter um sie. Der Online-Händler möchte dieses E-Bike verkaufen, um den Sprit für seinen nächsten Hilfstransport zu finanzieren. Der startet in einer Woche. Dann will er auch Hannas Freundin und deren Säugling aus der Ukraine mitbringen.

Peter Schnitzler hat eine ukrainische Familie von der Grenze abgeholt. Für seinen nächsten Hilfstransport sammelt er Spenden.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Sie hatte Alina (8) an der einen, eine Tasche mit Essen in der anderen Hand. Im Rucksack versteckten sich die beiden Katzen Ela und Sima (5), ihr Sohn Yegor (12) trug das Katzenklo. So kämpften sich Hanna und ihre Familie 2000 Kilometer weit von Zaporizhzhia bis zur polnisch-ukrainischen Grenze – sechs Tage per Auto, Taxi, Bus und zu Fuß. Zurück ließ die 42-Jährige ihren Ehemann und ihre Eltern. „Ich kann zwar mit ihnen Kontakt halten, aber ich weiß nicht, wann und ob ich sie jemals wiedersehe“, sagt Hanna auf Englisch, die bis zum Kriegsausbruch als Bürokraft in einem Unternehmen für Fenster und Türen gearbeitet hat. Ihr Mann ist Handwerker. Gott sei Dank müsse er nicht an die Waffe, sondern sei bei einer Verteilstelle für medizinische Hilfsgüter eingeteilt. Doch die Sorgen um ihre Familie daheim, ihre Kinder und ihre Zukunft lassen sie kaum schlafen. Obwohl sie in Remscheid nun sicher ist.

Die Katzen Ela (Foto) und Sima flüchteten zunächst im Rucksack mit, dann fuhren sie im Auto von Peter Schnitzler mit.

Dafür hat Peter Schnitzler (66) gesorgt. Vorige Woche fuhr er mit seinem Ford Focus Kombi samt Anhänger von Remscheid zur polnischen Grenzstadt Przemysl, wo derzeit viele ukrainische Flüchtlinge ankommen. Geladen hatte er gespendete Hilfsgüter aus Remscheid: Medikamente, Verbandsmaterial, Gehhilfen. Diese lieferte er dort ab – und brachte auf dem Rückweg Hanna und ihre Familie mit.

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Was jedoch gar nicht so einfach war. Denn Hanna war nicht am vereinbarten Treffpunkt. Zum Glück hatte er ihre Handynummer. Denn vorab war über eine in Witten lebende Ukrainerin, die selbst große Hilfstransporte managt, ein Kontakt hergestellt worden. „Ich reichte mein Handy einem Mann von der polnischen Kirchengemeinde, Hanna gab ihr Handy einem Polizisten – denn keiner von uns sprach Polnisch“, erzählt Peter Schnitzler. So fanden der Retter und die ukrainische Familie 20 Minuten später noch zusammen. „Das war ein Wunder“, sagt Hanna, die bereits 2014 schon einmal vor Putin geflohen war. Denn Hanna stammt aus Donbas, sie ist eine russischsprachige Ukrainerin. „Niemand hat mich je beleidigt. Aber jetzt ist Putin gekommen, um die Ukraine vom Faschismus zu befreien. Aber die Menschen haben sich zusammengeschlossen, um ihn aufzuhalten“, sagt sie.

Peter Schnitzler und seine neuen Schützlinge fuhren bis Krakau, 250 Kilometer weit. Eine der beiden Katzen, Ela, hatte es sich dabei auf Peter Schnitzlers Schoß gemütlich gemach. Nach einer Nacht im Hotel ging es weiter bis Remscheid. Seit Sonntag sind Hannah, Alina, Yegor, Ela und Sima nun hier. Aber Peter Schnitzler setzte sie nicht einfach am Ebert-Platz ab. Seit dem Moment, als er die Fünf in seinen Ford Focus lud, ist er ihr Kümmerer. „Ich fühle mich verantwortlich für sie, ich kann sie jetzt nicht allein lassen“, sagt der Rentner, der nebenher den Online-Handel Import and Sales of E-Bikes führt.

Ich muss jetzt fröhlich sein für meine Kinder.

Hanna

So besorgte er der ukrainischen Familie eine 2,5-Zimmer-Wohnung in einem privaten Dreifamilienhaus auf dem Hasten – mietfrei. „Die Familie kannte mich von den Hilfstransportaktionen ins Ahrtal“, erzählt er. Er meldete sie bei der Stadt an, begleitete sie zu Behörden, besorgte bei Thalia Vokabelkarten, damit die Familie Deutsch lernt. Zudem hat er dafür gesorgt, dass Yegor bereits in der GHS Hackenberg in einer Willkommensklasse eingeschult werden konnte, eröffnete mit Hanna ein Konto, schenkte ihr ein E-Bike, fuhr mit ihnen nach Wuppertal in den russischen Supermarkt einkaufen und mit den Kindern Schwebebahn. Als Alina ihre Mama anschließend fragte: „Ist Peter jetzt der neue Freund der Familie?“ sei das für ihn ein Moment gewesen, für den sich all die Mühe bereits ausgezahlt habe.

„Ich bin ihm so dankbar“, sagt Hanna, die neben dem Kriegsende nur einen Wunsch hat: dass ihre Kinder Freunde finden und ein gutes Leben in Remscheid haben. Gerne geht sie mit den Kids auf den Spielplatz, um sie ein wenig abzulenken. „Ich muss jetzt fröhlich sein für meine Kinder. Sie orientieren sich immer an der Mutter.“

Nun will Peter Schnitzler Ende nächster Woche wieder mit Hilfsgütern nach Przemysl fahren. Für seinen erneuten Hilfstransport sammelt er Spenden, unter anderem durch einen E-Bike-Verkauf (| Kasten). Auf dem Rückweg will er Hannas Freundin mitbringen. Wenn sie es bis dorthin schafft. „Sie hat einen Tag vor der Bombardierung ihr Baby im Krankenhaus in Mariupol geboren“, erzählt Schnitzler. Er hätte bereits ein Appartement für sie. „Dann könnten sich die Frauen gegenseitig Halt geben.“

Helfen

So können Sie jetzt helfen

E-Bike: Das E-Bike ist bei Highspeed Media, Alleestraße 52, ausgestellt. Wer sich dafür interessiert, kann Geschäftsinhaber Kai Mosner ansprechen.

Sachgüter: Peter Schnitzler sucht Medikamente, Verbandsmaterial, Bandagen, Gehhilfen, Drainagen, Halskrausen und mehr für seinen nächsten Hilfstransport. Kontakt über Facebook oder in der Gruppe „Remscheider unter Remscheidern“. Dort gibt es auch einen Spendenhinweis via Paypal.

Kommentar: Einfach lobenswert

Von Melissa Wienzek

melissa.wienzek@rga.de

Peter Schnitzler ist gleich ein doppelter Gewinn in der Ukraine-Krise. Der Remscheider bringt nicht nur ehrenamtlich Hilfsgüter zur polnisch-ukrainischen Grenze und auf dem Rückweg gleich Menschen in Not mit, sondern er hilft ihnen vor allem, sich in Remscheid einzuleben. Denn wer Tausende Kilometer fliehen und alles zurücklassen musste, dürfte wohl so traumatisiert sein, dass er keine Kraft mehr für Behördengänge hat. Es beruhigt auch das eigene Gewissen, dass es Menschen wie Peter Schnitzler gibt, die sich um Flüchtlinge kümmern. Vielen Dank dafür und den vielen anderen auch, die sich genauso engagieren!

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