Wählergemeinschaft übt Kritik

Für die Mobilität der Zukunft: Autos sollen Radfahrern Platz machen

Die Freiheitstraße ist fußgängerunfreundlich. Das liegt auch an den halb auf dem Bürgersteig parkenden Autos. Foto: Roland Keusch
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Die Freiheitstraße ist fußgängerunfreundlich. Das liegt auch an den halb auf dem Bürgersteig parkenden Autos.

Die Stadt Remscheid hat eine Verkehrsuntersuchung in Auftrag gegeben.

Von Axel Richter

Remscheid. Parkplätze gibt es viele in der Remscheider Innenstadt. Dazu sind die Fahrbahnen breit. Wer sicher radfahren und sein Zweirad diebstahlsicher abschließen möchte, muss nach Radwegen und Abstellplätzen dagegen lange suchen. Und Fußgänger sind ihres Lebens auf dem Remscheider Stadtkegel ebenfalls nicht überall sicher.

Das sind die ersten Ergebnisse einer Verkehrsuntersuchung, die gerade das Dortmunder Büro Planersocietät in Remscheid erstellt. Wirklich überraschen können sie nicht. In Remscheid ist der öffentliche Verkehrsraum in den zurückliegenden Jahren vor allem für Autos verplant worden. Das soll sich nach den Vorstellungen der Verwaltung ändern. Doch nicht jeder Politiker ist damit zufrieden.

„Als Fußgänger an der Freiheitstraße, das ist schon abenteuerlich.“

Christian Bexen, Verkehrsplaner

Die Remscheider Innenstadt fit machen für die Mobilität der Zukunft. Das ist das Ziel, das Christian Bexen, Geschäftsführer sowie Stadt- und Verkehrsplaner des Dortmunder Unternehmens, ausgibt. Gestern rückten seine Mitarbeiter deshalb erstmals in die Innenstadt aus. 500 Fragebögen wollen sie in mehreren Befragungsrunden verteilen. Zur Passantenbefragung sollen via Internet Meinungen und Anregungen eingeholt, dazu ein Akteursgespräch geführt werden.

Am Ende des Prozesses will die Planersocietät der Stadt im Laufe des Jahres einen Vorschlag unterbreiten, wie das Mobilitätskonzept für den Bereich des Innenstadtkerns aussehen und der Verkehrsraum umgestaltet werden sollte. Insbesondere geht es um die Elberfelder Straße, die Hoch-, die Freiheit- und die Wansbeckstraße.

„Die Erreichbarkeit per Kfz ist nahezu perfekt“, hielt Christian Bexen in der Bezirksvertretung Alt-Remscheid fest und verwies unter anderem auf mehr als 3000 Parkplätze, die in der Innenstadt zur Verfügung stehen. Großzügig gewähre die Stadt den Autos nicht nur viel Fläche; sie erlaube ihnen vielerorts auch hohe Geschwindigkeiten. „Als Fußgänger an der Freiheitstraße, das ist schon abenteuerlich“, erklärte der Wittener: „Da habe ich mich unwohl gefühlt.“

Passend zum Thema: Tannenhof-Parkplatz ermöglicht Radweg

Auch der Öffentliche Personennahverkehr sei sehr gut angebunden in Remscheid, befand der Verkehrsplaner. Für Fußgänger und Radfahrer gelte das weit weniger. Zwar sei Remscheid aufgrund seiner Topographie nicht die Fahrradstadt par exellence. Doch Elektrofahrräder machen auch Steigungen überwindbar.

Bei allem Enthusiasmus für weniger Autoverkehr: „Remscheid ist eine Industriestadt“, erinnerte Waltraud Bodenstedt von der Wählergemeinschaft WiR gleichsam den Planer sowie die Verwaltung, die ihn mit der Untersuchung beauftragt hat. Sie vermisste zudem den Bezug zur geplanten Sanierung mit Umbau der Innenstadt. Immerhin wird die von der Stadt beauftragte Verkehrsuntersuchung aus dem Paket zur Revitalisierung Innenstadt bezahlt.

Der Mann aus Dortmund nannte dazu ein paar Daten: Menschen über 65 Jahren sind auf dem Stadtkegel überrepräsentiert. Auch daran müsste sich die Mobilität der Zukunft mithin ausrichten. Und: Die Einzelhandelszentralität in Remscheid liege bei 97,2 Prozent, in Solingen dagegen nur bei etwas über 80 Prozent. Mit anderen Worten: Viele Remscheider kaufen auch in Remscheid ein. Und nicht anderswo.

Blitzer am Rathaus bleibt Attrappe

Seit mehr als 20 Jahren ist der Starenkasten auf der Hochstraße leer. Und das wird so bleiben. Zwar hatten die Politiker in der Bezirksvertretung Alt-Remscheid angeregt, wieder eine Kamera zu installieren. Doch Geschwindigkeitsmessungen sprechen dagegen. Insgesamt 177.245 Messungen nahm die Stadt zwischen dem 10. Februar und dem 21. März vor. Ergebnis: Bei 85 Prozent der erfassten Fahrten lag die Durchschnittsgeschwindigkeit bei 34 Stundenkilometern. Zieht man den Toleranzwert von 3 km/h ab, kommt Tempo 30 heraus. Genau das ist dort erlaubt.

Standpunkt: Nicht mit Lastenfahrrad

axel.richter@rga.de

Kommentar von Axel Richter

Remscheid ist eine Autostadt. Jahrzehnte haben wir Pkw und Lkw Vorrang eingeräumt. Um das zu erkennen, bedarf es eigentlich keines teuren Planungsbüros: Wir haben breite Straßen. Und wir haben viele Parkplätze. Klimaschützer wollen den Rad- und den Fußgängerverkehr stärken. Das Fahren eines Autos mit Verbrennungsmotor soll teuer und unattraktiv werden, die Elektromobilität und Ladeinfrastruktur dagegen gefördert und ausgebaut werden. Das klingt gut, ist es aber nicht. Jedenfalls nicht ausschließlich.

Solange wir Strom nicht ausschließlich regenerativ erzeugen, helfen E-Mobile dem Weltklima wenig bis gar nicht. Ihre Ökobilanz fällt auch mit Blick auf die verbauten Teile derart verheerend aus, dass jeder Euro-6-Diesel auf den ersten 100 000 Kilometern locker mithalten kann. Remscheid ist darüber hinaus nicht nur Autostadt, sondern auch Industriestadt. Waltraud Bodenstedt erinnert zu recht daran.

Ja, wir müssen mehr für den Rad- und Fußgängerverkehr tun. Richtig ist aber auch, dass Produkte made in Remscheid auch in der Mobilität der Zukunft nicht mit dem Lastenfahrrad transportiert werden.

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