Helft uns helfen

„Wir müssen die Kinder aus der Gewalt holen“

Karin Heier (65) leitet seit 2011 das Frauenhaus.
+
Karin Heier (65) leitet seit 2011 das Frauenhaus.

Frauenhaus-Leiterin Karin Heier über eine nicht auskömmliche Finanzierung, die Platzvergabe und die Tücken des Systems.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek

Frau Heier, ist das Frauenhaus voll?
Karin Heier: Ja. Und das ist eigentlich immer der Fall. Der Bedarf ist hoch. Wir haben acht Plätze für Frauen und einen Notplatz, den wir aber in Corona-Zeiten nicht belegten. Und wir haben circa zwölf Plätze für Kinder. Wir können das Frauenhaus also mit etwa 20 Personen belegen.
Wie läuft die Platzvergabe ab?
Heier: Wenn wir Plätze frei haben, schalten wir unser Ampelsystem www.frauen-info-netz.de, das es in NRW gibt, auf Grün oder auf Gelb - je nachdem, ob wir einen Platz nur für eine Frau oder für eine Mutter mit Kind haben. Dann rufen Frauen entweder selbst an oder sie kommen über Vermittlung von Beratungsstellen, Ämtern, Arztpraxen, Polizei.
Manchmal rufen auch Familienangehörige hier an. Aber in den letzten zwei Jahren kommen wir eher selten dazu, auf Grün zu schalten. Wir haben zeitweise Voranmeldungen von Frauen, die um einen Platz fragen, obwohl wir „rot“ sind. Das zeigt die Absurdität der Situation: Es ist fast wie im Hotel mit Voranmeldung.
Wer sind die Frauen, die hier einziehen?
Heier: Wir haben viele junge Frauen, die gesellschaftlich wenig integriert sind, aus bildungsfernen Schichten kommen und kleine Kinder haben. Und Migrantinnen, die sich durch die Gewalt nicht integrieren konnten, zum Beispiel keinen Sprachkurs besuchen durften.
Es handelt sich meist um komplizierte Sachverhalte – Sozial- und Ausländerrecht geben sich die Hand, auch familienrechtliche Probleme wie Sorgerecht und Umgangsrecht, Trennung und Scheidung spielen in die Gesamtproblematik mit rein. Die Frauen brauchen sehr viel Unterstützung.
Wie können Sie die Frauen im Frauenhaus auffangen?
Heier: Allein die Aufnahme führt schon zu einer gewissen Beruhigung bei den Frauen und Kindern. Sie sehen: Hier ist man freundlich und zugewandt. Wir informieren sie darüber, dass sich alles irgendwie klären lässt. Wir unterstützen bei der Existenzsicherung oder wenn es um Umgang oder Sorgerecht geht. Hier arbeiten wir mit Rechtsanwältinnen und Behörden zusammen.
Wir begleiten auch zu Gerichtsterminen. Ganz wesentlicher Aspekt ist natürlich der Gewaltschutz. Hier arbeiten wir mit dem Opferschutz der Kripo zusammen: Es wird eine Gefährdungsanalyse erstellt. Danach können wir die Frauen dementsprechend schützen. Die Gefährdungssituationen sind ganz unterschiedlich.
Zum Beispiel?
Heier: Es gibt Täter, die fahren ums Haus. Wir informieren dann die Schutzpolizei. Es gibt auch Täter, die über die sozialen Medien drohen. Wenn Kinder im Spiel sind, müssen wir sie so schnell wie möglich aus der Gewalt holen.
Wie erleben Sie die Kinder?
Heier: Sie sind verwirrt, überfordert. Das äußert sich oft darin, dass sie ganz unruhig sind, keinen Moment sitzen bleiben können oder sich komplett zurückziehen, sich hinter der Mama verstecken und nicht im Spielebereich bleiben wollen. Bei kleineren Kindern merken wir, was sie erlebt haben, dass sie sich zum Beispiel nicht bei den Erzieherinnen beruhigen lassen. Und wir haben ja mehr Kinder als Frauen, aber nur eine Erzieherinnenstelle, die nur zu circa 60 Prozent vom Land grundfinanziert wird. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie schlecht Frauenhäuser finanziell ausgestattet sind.
Wie wird das Frauenhaus insgesamt finanziert?
Heier: Wir haben dankenswerterweise eine recht gute Kooperationsvereinbarung mit der Stadt Remscheid, mit der wir eine auskömmliche Finanzierung anstreben. Es bleibt aber immer noch eine Lücke. Unser Träger, der SkF Bergisch Land e.V., muss einen Eigenanteil in Höhe von rund 15 Prozent selbst aufbringen.
Deshalb setzen Sie sich für eine Regelfinanzierung ein.
Heier: Genau. Es gibt viele Vorschläge, auch bundesweit, aber ob sich das umsetzen lässt, ist noch die große Frage. Denn jedes Bundesland hat eine andere Finanzierung. Es müsste ein bundeseinheitliches Gesetz geschaffen werden. Beispielsweise könnte der Rechtsanspruch auf einen Frauenhausplatz in einem der Sozialgesetzbücher verankert werden oder man schafft eine einheitliche Rechtsgrundlage durch ein eigenes „Frauenhaus-Gesetz“. Dann könnte man auch die Frauen, die jetzt rausfallen, finanzieren: Selbstzahlerinnen, Studentinnen, Auszubildende.

Dieses Jahr unterstützt Helft uns helfen das Frauenhaus und die Tafel.

Zur Person

„Helft uns helfen“ Remscheid

Karin Heier (65) stammt aus Leichlingen, ist examinierte Krankenschwester, studierte Sozialpädagogin, feministische Sozialtherapeutin und Fachberaterin für Psychotraumatologie. Sie baute die Beratungsstelle „Frauenzimmer“ in Burscheid mit auf und arbeitete in der Frauenberatungsstelle Solingen. Seit 2011 leitet sie das Frauenhaus Remscheid.

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

DSDS: Lüttringhauser Riccardo Colo zündet den Turbo
DSDS: Lüttringhauser Riccardo Colo zündet den Turbo
DSDS: Lüttringhauser Riccardo Colo zündet den Turbo
Einbruch in Sparkassenfiliale: Schließfächer mit Sparbüchern aufgehebelt
Einbruch in Sparkassenfiliale: Schließfächer mit Sparbüchern aufgehebelt
Einbruch in Sparkassenfiliale: Schließfächer mit Sparbüchern aufgehebelt
Schwerer Unfall auf der A1 sorgt für Stau
Schwerer Unfall auf der A1 sorgt für Stau
Schwerer Unfall auf der A1 sorgt für Stau
Vorderrad abgerissen: Zwei Schwerverletzte bei Unfall
Vorderrad abgerissen: Zwei Schwerverletzte bei Unfall
Vorderrad abgerissen: Zwei Schwerverletzte bei Unfall

Kommentare