Helft uns helfen

Darum finden Frauen nur schwer eine eigene Wohnung

Karin Heier und ihre Kolleginnen können nur bedingt nach dem Auszug helfen.
+
Karin Heier und ihre Kolleginnen können nur bedingt nach dem Auszug helfen.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
    schließen

Die angespannte Lage auf dem Immobilienmarkt trifft auch das Frauenhaus. Das Team wünscht sich das Nachbetreuungsprojekt zurück.

RGA: „Helft uns helfen“ Remscheid

Remscheid. Sie hat ein Baby, einen fünfjährigen Sohn und sich gerade im Frauenhaus nach ihrer Gewalterfahrung wieder gut stabilisiert, wurde aufgefangen, schöpfte neuen Mut. Per Zufall kam die 38-jährige Helena S. (Name geändert) dann an eine helle Dachgeschosswohnung gleich in der Nähe zu Schule und Kita – ein Traum für fast jede Frauenhausbewohnerin. Der Traum vom selbstständigen Leben ohne Schmerz und Leid, nur mit den Kindern. Doch die Freude darüber verging Helena S. zuletzt: Seit sechs Wochen bleibt die Heizung kalt. Ein Ersatzteil sei nicht lieferbar, heißt es vom Vermieter. „Das geht natürlich gar nicht, gerade auch wegen der Kinder“, sagt Frauenhaus-Leiterin Karin Heier. Sie lässt die Drei daher selbstverständlich weiterhin im Frauenhaus leben, obwohl eigentlich schon der Auszug angesagt war. Das Jobcenter zahlt nun erst mal doppelt – die Miete für die Dreizimmerwohnung und den Tagessatz im Frauenhaus. Kosten, die laut Karin Heier eventuell vermeidbar wären – wenn es das Anschlussprojekt „second stage“ noch gäbe. Ende 2020 ist es aus Kostengründen eingestellt worden. Wir klären auf.

Was ist „second stage“?

Ein Nachbetreuungsprojekt für Frauenhausbewohnerinnen, das bis zu neun Monate nach dem Auszug noch griff. „second stage“ wurde von März 2017 bis Ende 2020 in Remscheid umgesetzt. Zwei Kolleginnen des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) teilten sich 1,5 Stellen und berieten die Frauen in externen Räumen an der Theodorstraße. Die 1,5 Stellen – hier gab es eine Kooperation mit dem Frauenhaus aus Oberberg – wurden zu 100 Prozent vom Land NRW finanziert. Gesamtkosten: rund 97 000 Euro pro Jahr. Das Grundprinzip von „second stage“ ist das Case-Management in Form eines Übergangsmanagements: Die Frauen werden dabei in ihrer Selbstfindung hin zu mehr Selbstständigkeit unterstützt. Schon während des Frauenhaus-Aufenthaltes helfen die Beraterinnen bei der Wohnungssuche, zeigt ihnen auf, wo sie wichtige Einrichtungen, Anlaufstellen und Selbsthilfegruppen finden. Integration in die Stadtgesellschaft mit einer Lotsenfunktion also.

Was hat „second stage“ gebracht?

„Für uns war das Projekt sehr effektiv: Die Frauen konnten schneller ausziehen, weil sie Unterstützung hatten“, sagt Heier. Somit wurden wiederum schneller Plätze für andere Frauen frei. „Die Arbeit, die ,second stage‘ so umfänglich geleistet hat, können wir in der Nachbetreuung absolut nicht leisten“, sagt Heier. „Das merken wir daran, dass die Frauen, wenn sie ausgezogen sind, oft anrufen.“ Auch für ihr Team sei die Abgrenzung da schwierig – schließlich übe man genau diesen Job aus, um zu helfen. „Das ist genau unser Zwiespalt. Aber wir müssen dann nein sagen.“

Warum wurde es eingestellt?

Karin Heier erklärt: „Das Projekt wurde hier in NRW nach vier Jahren eingestellt, mit dem Argument, die Sozialarbeiterinnen könnten diese Arbeit mit übernehmen. Wohingegen andere Bundesländer nach ähnlichen Modellprojekten diese Nachbetreuung verstetigt haben.“

Wie wichtig ist ein Anschlussprojekt für die Frauen?

„Sehr wichtig“, sagt Karin Heier. Wichtig sei auch, dass das Selbsthilfepotenzial der Frauen durch „second stage“-Gruppenangebote angeregt wurde. Nach dem Motto: „Die Einigkeit und der Austausch über ähnliche Erfahrungen macht uns stark.“

Wie lange verweilen die Frauen?

Die Frauen bleiben unterschiedlich lange, in der Regel aber zwischen drei und sechs Monaten. Je mehr Unterstützung, auch bei der Wohnungssuche, desto eher könnten Frauen und Kinder ausziehen. Gerade für die Kinder sei es wichtig, nicht zu lange im Frauenhaus zu bleiben und eher wieder einen „normalen“ Alltag leben zu können. „Denn sie dürfen hier keinen Besuch empfangen, haben kein eigenes Kinderzimmer, keine Rückzugsmöglichkeiten. Für die Mütter gilt das genauso.“ Sei das Gröbste geklärt und die Betroffene wieder stabil, möchten die meisten Frauen auch schnell ausziehen. „Das Leben hier ist ja ein bisschen wie auf einem anderen Stern. Wie in einer großen WG. Das kann einem irgendwann schon an die Nerven gehen.“

Was können Sie tun, um den Frauen nach dem Auszug zu helfen?

Das Team könne den Bewohnerinnen, die ausgezogen sind, im Durchschnitt etwa drei Nachberatungstermine anbieten. „Das ist nicht viel, aber mehr ist nicht drin.“ Schon vor dem Auszug versuchen Karin Heier, Katrin Buchholz und Nadine Herweg eine Vernetzung hinzukriegen. „Der Erfolg ist aber abhängig von den Möglichkeiten vor Ort, die teilweise nicht so rosig sind. Viele soziale Träger arbeiten am Limit, und man bekommt nur längerfristig Termine.“

Wo liegen die Probleme?

Der erste Fallstrick sei der extrem angespannte Wohnungsmarkt. „Die Wohnungen im Niedrigmietpreissegment sind rar und teilweise nicht in Ordnung.“ Vor allem Frauen mit vielen Kindern hätten schlechte Karten: Wohnungen mit vielen Zimmern gibt es so gut wie nicht. Hier möchte das Frauenhaus-Team Kooperationen mit Wohnungsbaugesellschaften suchen, Gespräche führen. „Wir kommen nur leider zurzeit nicht dazu“, sagt Heier. Dabei wäre dies eigentlich sehr wichtig. Eine Person, die nur dafür zuständig sei, das wäre es. Wie bei „second stage“. Es sei zudem sehr schwierig und zeitintensiv, den Umzug mit Transport von neuen Möbeln, Aufbau der Küche, etc. zu organisieren, Handwerker zu finden, Gelder zu beantragen. Für den Großteil der Klientinnen muss das fast komplett stellvertretend übernommen werden und sprenge die zeitlichen Kapazitäten der Beraterinnen. Auch hier fehlten Kooperationen, die aufgebaut werden müssten.

Bayern hat das Remscheider Modell „second stage“ aufgegriffen. Wie sind dort die Erfahrungen?

In Bayern habe man die Wirkung so positiv zur Kenntnis genommen, dass das Projekt sogar verstetigt wurde. In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und in Niedersachsen laufen Modellprojekte. Sie alle hätten die Erkenntnis gewonnen, dass eine gute, nachhaltige Begleitung nach dem Frauenhaus-Aufenthalt den sogenannten Drehtüreffekt verhindert – also dass Frauen wieder in die Gewalt zurückgehen. Die fachliche Begleitung stärke die Frauen in ihrem Selbstvertrauen und ihrer Autonomie. „Das Ziel lautet nicht, mehr Frauenhäuser zu bauen, sondern mehr ambulante Hilfe zu leisten.“ Und das spare Geld. Heiers Vorschlag: Es müsse ja gar nicht jedes Frauenhaus eine „second stage“-Beratung haben, aber zumindest eine bergische wäre sinnvoll.

Was wünscht sich die Frauenhaus-Leiterin für 2023?

„Ich wünsche mir mehr Verständnis für die wirklichen Nöte der Frauen, die sich teilweise wenig mit unseren Strukturen auskennen, sei es, weil ihnen unsere Gesellschaftsstrukturen fremd sind oder sie mit so viel Bürokratismus überfordert sind.“ Die Frauen hätten keine „Sozialarbeiterinnen-Skills“. „Das wird oft vergessen“, sagt Heier, die sich für ein Anschlussprojekt ausspricht.

Sie haben bereits gespendet

Diese Leserinnen und Leser haben bereits gespendet, wofür wir uns recht herzlich bedanken: Johanna Loch, Manfred und Ursula Winterberg, Andreas Prill, Reiner Maassen, Karin Steinmetz, Hilmar und Ulrike Boser, Marion Waldenburg-Raser, Brigitte Herbertz, Barbara Schmidt-Herzberg, Klaus und Irene Dallheimer, Uwe Huckenbeck, Hans-Jürgen und Ursula Koch, Willi und Bärbel Bouss, Sabine Herbertz, Hermann und Ingrid Peppinghaus, Reiner und Brigitte Buse, Annemarie Tietz, Florian Dittrich, Karl Rainer und Gabriela Eichhorst, Renate Gaede, Axel und Hermine Hack, Frank Liebich, Andrea und Markus Hainbuch, Gerda-Marie Landau, Sigrid Schivelbusch, Eberhard und Eva Sprenger und alle Spenderinnen und Spender, die anonym bleiben möchten.

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Einbruch in Sparkassenfiliale: Schließfächer mit Sparbüchern aufgehebelt
Einbruch in Sparkassenfiliale: Schließfächer mit Sparbüchern aufgehebelt
Einbruch in Sparkassenfiliale: Schließfächer mit Sparbüchern aufgehebelt
Schwerer Unfall auf der A1 sorgt für Stau
Schwerer Unfall auf der A1 sorgt für Stau
Schwerer Unfall auf der A1 sorgt für Stau
Vorderrad abgerissen: Zwei Schwerverletzte bei Unfall
Vorderrad abgerissen: Zwei Schwerverletzte bei Unfall
Vorderrad abgerissen: Zwei Schwerverletzte bei Unfall
DSDS: Lüttringhauser Riccardo Colo zündet den Turbo
DSDS: Lüttringhauser Riccardo Colo zündet den Turbo
DSDS: Lüttringhauser Riccardo Colo zündet den Turbo

Kommentare