Er floh aus Somalia vor der Al-Shabaab-Miliz

Nach Kirchenasyl und sieben Jahre Bangen: Der erste Jahreswechsel in Sicherheit

Kein Illegaler mehr, sondern rechtmäßig in Deutschland: Abdirahman Mohamed Ahmed kann nach langem Bangen wieder lächeln. Foto: Doro Siewert
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Kein Illegaler mehr, sondern rechtmäßig in Deutschland: Abdirahman Mohamed Ahmed kann nach langem Bangen wieder lächeln.

Die Geschichte von Abdi Ahmed ist ein Musterbeispiel für ein erschütterndes Flüchtlingsdrama. Hilfe fand er vor allem in Hasten.

Von Andreas Weber

Remscheid. Das scheckkartengroße Dokument, das Abdirahman Mohamed Ahmed in seiner Brieftasche trägt und wie ein deutscher Personalausweis aussieht, heißt Aufenthaltstitel. Gültig bis zum 18. Juni 2024, ist er für den 26-jährigen Somali eine Lebensversicherung. Abdi, wie ihn seine Freunde rufen, hat eine Leidenszeit hinter sich, die ein Musterbeispiel für ein erschütterndes Flüchtlingsdrama ist. Nach sieben Jahren in Deutschland, zumeist in Remscheid und im Hastener Kirchenasyl, hat er seit Ende Mai 2021 die Gewissheit: Abschiebung unmöglich.

Das Verwaltungsgericht Düsseldorf sprach ihm die völkerrechtliche Anerkennung als Flüchtling zu. „Die Richterin eröffnete die Verhandlung mit den Worten, dass sie nie einen Fall gesehen habe, in dem auf Seiten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge so viel unrechtmäßig und schiefgelaufen war“, erinnert sich Pfarrer Siegfried Landau an das Urteil, bei dem die Justiz zum ersten Mal akribisch hinschaute, was hinter dem unfassbaren Überlebenskampf steckt.

„Große Verständnislosigkeit über das chaotische Handeln einer Bundesbehörde.“

Siegfried Landau, Pfarrer

Das tragische Schicksal mit dem späten Happyend begann in Mogadischu, der Hauptstadt von Somalia, am Horn von Afrika im Osten des Kontinents. Somalia ist ein zerfallener Staat, weitgehend ohne Strukturen, Recht und Gesetz, in dem bewaffnete Clans und kriminelle Banden um die Macht ringen.

Abdis Vater wurde von den Al-Shabaab-Milizen ermordet

Abdis Vater war ein angesehener Arzt im großen Madina-Krankenhaus. Er wurde 2008 von Al-Shabaab-Milizionären ermordet, weil er sich weigerte, Terroristen zu behandeln. Mit 14 Jahren wurde Abdi erpresst, sollte gezwungen werden für die Al-Shabaab zu kämpfen. Der schmächtige Junge wurde mit drei Klassenkameraden entführt, einer wurde vor den Augen der anderen enthauptet.

Seine Familie beschloss, ihn außer Landes zu bringen. Zunächst verbrachte er sechs Monate im Nachbarland Kenia in der Hoffnung, zurückkehren zu können. Doch die Signale waren eindeutig: Es sei zu gefährlich.

Auf einem Flüchtlingsboot kam er nach Lampedusa

Abdis Odyssee begann. Er durchquerte mehrere afrikanische Länder und die Sahara, wurde in Libyen als Illegaler in den Knast geworfen, konnte zur Zeit des Ghaddafi-Umsturzes fliehen, etwas Geld verdienen und einen Platz auf einem Flüchtlingsboot nach Lampedusa erkaufen.

Als 16-Jähriger kam er in Italien an, blieb bis zur Volljährigkeit in einem Flüchtlingslager. „Eigentlich hätte er von den italienischen Behörden als unbegleiteter Minderjähriger zu seiner in Remscheid lebenden volljährigen Schwester Fatma überstellt werden müssen“, nennt Siegfried Landau ein Detail der „Paradoxie“ von Abdis Geschichte, die in der Hastener Gemeinde Aktenordner füllt und in Landau immer wieder „große Verständnislosigkeit über das chaotische Handeln einer Bundesbehörde“ auslöst.

Stattdessen wurde Abdi in Italien mit 18 auf der Straße sich selbst überlassen. Nach Wochen der Obdachlosigkeit beschloss er, zu seiner älteren Schwester zu ziehen. Fatma war direkt nach dem Tod ihres Vaters mit ihren beiden kleinen Kindern im Flieger nach Deutschland geschickt worden und hatte Asyl gewährt bekommen, weil es das Land ihrer Ersteinreise war. Sie lebt heute in Lennep. Für Abdis Direktflug fehlten seiner Familie 2011 aber die finanziellen Mittel. In Remscheid meldete sich Abdi bei den Behörden.

Aus Remscheid sollte er 2013 abgeschoben werden - Hasten gewährt ihm Kirchenasyl

Das BAMF entschied auf der Basis des Dublin-Abkommens, dass er dahin zurück müsse, wo er in Europa angekommen sei. In Italien genieße er subsidiären Schutz, der es verbiete, in Deutschland einen Asylantrag zu stellen. Das Bundesamt drohte ihm den Rückflug nach Rom für den 23. Dezember 2013 an. „Das war widerrechtlich. Abgeschoben werden darf nur, wenn das aufnehmende Land seine Bereitschaft signalisiert. Italien hatte aber überhaupt nicht reagiert“, weiß Landau, der sich über Abdi eingehend mit Flüchtlingsrecht beschäftigte.

Verzweifelt tauchte Abdi unter, lebte im Winter draußen. Durch den BAF erhielt die evangelische Kirchengemeinde die Anfrage, ob sie Abdi helfen würde. Das Presbyterium überlegte lange. „Uns war bewusst, Kirchenasyl ist ein Rechtsbruch“, sagt Landau. Die Gemeinde holte sich juristischen Rat, sprach mit der Landeskirche, Organisationen, die sich mit Flüchtlingsfragen auskannten.

„Wir taten uns schwer, weil wir uns auf dünnem Eis bewegten. Je mehr wir uns mit seiner Geschichte beschäftigten, desto mehr wuchs unsere Gewissheit, ihm helfen zu müssen.“ Im Mai 2014 erhielt Abdirahman Mohamed Ahmed Asyl im Johannes-Schmiesing-Haus in Hasten. Ein Zimmer unter dem Dach mit Toilette und Dusche nebenan wurde für zweieinhalb Jahre zu seinem Domizil, nachdem er davor vorübergehend in Gießen gewesen war, festgenommen wurde und drei Wochen in Frankfurt im Gefängnis gesessen hatte. Unrechtmäßig, wie sich mit Unterstützung der Flüchtlingshilfe Frankfurt herausstellte. Das Land Hessen entschädigte Abdi für den Fehler mit 86 Euro.

WM-Fußball zaubert das erste Lächeln in sein Gesicht

Weil er untergetaucht war, sich der Abschiebung entzogen hatte, wurde er per Haftbefehl gesucht, blieb deshalb die ersten Wochen in seinem Hastener Zimmer. Es dauerte, bis der ängstliche, verstörte junge Mann auftaute. „WM-Rudelgucken mit unseren Jugendlichen im Gemeindehaus zauberte ein erstes Lächeln in sein Gesicht“, denkt Landau zurück. Abdi war schon in Afrika BVB-Fan und jubelte wie kein Zweiter über den Gewinn der Weltmeisterschaft.

Presbyterin Ulrike Kottmann nahm sich seiner als „Ersatzmutter“ an, versorgte ihn und gab ihm täglich Deutsch-Unterricht. Die Gemeinde habe viel Unterstützung erfahren. Landau: „Ausländeramt und Polizei waren freundlich und kooperativ, der OB bot uns Hilfe an.“

Abdi stellte Schule hintenan, suchte Arbeit, um nicht zur Last zu fallen

An der Seite einer Anwältin marschierte Abdi einen steinigen Weg, gegen ein Bundesamt, das kategorisch auf Abschiebung beharrte. Auch die Gemeinde ließ nicht locker, erstritt für Abdi zunächst vor dem Verwaltungsgericht Kassel ein Abschiebeverbot, das aber durch das BAMF kassiert wurde. Mittlerweile war Abdi seit drei Jahren bei der Lebensmittelfirma Steinhaus am Tenter Weg in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis.

Abdi stellte Schule hintenan, um niemand zur Last zu fallen und sorgt bis heute als Lagerarbeiter und Verpacker im Schichtbetrieb für seinen Unterhalt. Mittlerweile hat er eine eigene Wohnung in der Innenstadt und die Gewissheit, sich hier eine Existenz aufbauen zu können.

Sein ursprünglicher Traum war ein Medizinstudium in den Fußstapfen seines Vaters und des Onkels Mohammed Yusuf, ehemals Chefarzt im Madina-Krankenhaus. Heute könnte sich Abdi vorstellen, Krankenpfleger zu werden. Dafür braucht er Schulabschlüsse und ein besseres Deutsch. Das Wichtigste sei, betont Siegfried Landau, die Dämonen der Vergangenheit im Kopf zu bekämpfen. „Eine Therapie gegen die Posttraumata muss er zeitnah machen.“

Rechtssystem korrigiert Murks im Amt

Im April 2018 wies das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Abdis Asylgesuch zurück. In einem 13-seitigen Schreiben argumentierte es u.a. damit, dass er in Somalia auf die Unterstützung seiner Familie hoffen könne, nicht um sein Leben fürchten müsse, sich durch Gelegenheitsjobs über Wasser halten könne, die Sicherheitslage halbwegs passabel sei und ,,ein bescheidener Wirtschaftsboom entstanden“ sei, auch Coca Cola habe sich angesiedelt.

Pfarrer Siegfried Landau kritisiert, dass das BAMF sich nur sehr oberflächlich mit Abdis Schicksal auseinandergesetzt hätte. „Murks und Nachlässigkeit wurden am Ende zum Glück durch unser funktionierendes Rechtssystem korrigiert. Die Justiz bügelte glatt, was Bundesbehörden in den Sand gesetzt haben.“

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