Branche kämpft ums Überleben

Feuerwerk: Nico bleibt auf Lager sitzen

Abgebrannt, bevor überhaupt ein Böller in die Luft gejagt wurde: Die Feuerwerksbranche geht am Stock. Archivfoto: Christian Beier
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Abgebrannt, bevor überhaupt ein Böller in die Luft gejagt wurde: Die Feuerwerksbranche geht am Stock.

Die Fachfirma kann den Verkauf auf dem Werksgelände nicht durchführen.

Von Andreas Weber

Remscheid. Nico lässt es wieder krachen. Wer sich die Silvester-Schlagzeilen im RGA der Vorjahre durchliest, stößt immer wieder auf diese griffige Schlagzeile. Dieses Jahr ist alles anders. Nico Europe steht im Lockdown ausnahmsweise für Stille. Der dreitägige Feuerwerksverkauf, den das Sprengstoffgesetz vom 29. bis 31. Dezember eines Jahres erlaubt, ist abgesagt. Ballern, der Spaß für Millionen zum Jahreswechsel, findet höchstens im kleinen Rahmen statt.

Die Feuerwerksindustrie darf den Nachschub für die mitternächtliche Freiluftparty jedenfalls nicht liefern. Sonst pilgern nach Weihnachten Hunderte von Remscheidern zum Firmengelände von Nico, um sich mit dem Sortiment einzudecken. Die Traditionsfirma, die auf die Gründung des Pyrotechnischen Laboratoriums Carl Lippold 1865 in Elberfeld zurückreicht und später aus der Firma von Hans Moog hervorging, hat seinen Stammsitz in Flügel – einer Hofschaft im Norden Remscheids an der Stadtgrenze zu Wuppertal. Nico ist nach Weco und Comet der drittgrößte Fachlieferant auf dem deutschen Markt.

„Wir fordern einen vollumfänglichen Ausgleich der Umsatzverluste.“
Klaus Gotzen, VPI-Geschäftsführer

Dort hatte sich das Unternehmen auf einen coronagerechten Verkauf vorbereitet. Eine über 300 Quadratmeter große Lagerhalle, in der sonst Kartonagen und Materialien stehen, wäre freigeräumt worden und hätte Platz genug geboten. „In der alten Kantine wäre der Eingang unter Hygiene-Gesichtspunkten zu eng gewesen“, erläutert Vertriebsleiter Martin Schmitz. Um Wartenden bei Hochbetrieb etwas zu bieten, hätten Schausteller auf dem Werksgelände Süßes und Getränke anbieten sollen. All dies fällt aus. Die Branche ist geschockt. Klaus Gotzen, Geschäftsführer des Interessenverbandes der Pyroindustrie (VPI), befürchtet: „Im Zweifel droht nun die Insolvenz des gesamten Wirtschaftszweiges.“ Das ganze Jahr 2020 war schon mies, aber eigentlich hätte erst im Dezember die Kasse geklingelt. Das Hauptgeschäft fällt nun komplett flach.

Der VPI (Sitz: Ratingen), der 21 Firmen vertritt, auch Nico, fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. „Jeder Gesprächsversuch unsererseits blieb unbeantwortet.“ Klaus Gotzen legt sich ins Zeug: „Unsere Juristen sind der Auffassung, dass unsere Branche aufgrund der Tatsache, dass wir 95 Prozent unseres Jahresumsatzes im Dezember erwirtschaften, keine Unterstützung durch die Überbrückungshilfen erhalten werden. Wir brauchen gesonderte Hilfsgelder, um die 3000 Einzelexistenzen in der Branche zu sichern.“ Der VPI fordert den „vollumfänglichen Ausgleich der entstehenden Umsatzverluste“.

Nachdem es Anfang Dezember noch so aussah, als würden Feuerwerke von Bund und Ländern nicht unterbunden, begannen die Firmen mit der Hauptauslieferung. „Nun steht der Einzelhandel vor dem Problem, was mit den Waren geschehen soll. Feuerwerk ist ein Kommissionsgeschäft, am Ende wird der wirtschaftliche Schaden von der pyrotechnischen Industrie getragen werden müssen“, warnt Rechtsanwalt Klaus Gotzen. Auch bei Nico Europe in Flügel sind die Lager voll. „Grundsätzlich ist das kein Problem. Denn solange die Ware trocken und kühl gelagert ist, hält sie sich über Jahre“, erklärt Martin Schmitz.

95 Prozent der Pyrotechnik kommen aus Fernost, hauptsächlich aus China. Vieles deutet nach einem Jahr ohne Verkauf daraufhin, dass die Highlights 2020 auch die von 2021 sein werden. Nico beschränkt sich dieses Jahr auf das Online-Geschäft (www.nico-europe.com), auf „Kat. F1“, Ganzjahresartikel, die für Kinder ab 12 Jahren geeignet sind. Wer auf der Homepage bestellt, ist aber nach den Feiertagen zu spät dran. „Spätere Bestellungen kommen möglicherweise erst im neuen Jahr an“, heißt es auf der Internetseite.

Das Kinderfeuerwerk sei blendend gelaufen, sagt Schmitz, bliebe aber gemessen am sonstigen Umsatz „Kinderkram“. Wer zu Hause böllern will, kann dies tun, allerdings im kleinen Kreis, unter Wahrung der Abstandsregeln und der Einhaltung von Verbotszonen. Raketen und Böller dafür müssten aber noch aus dem Vorjahr im Keller lagern. „Denn wir geben definitiv keine aktuelle Ware raus“, betont Martin Schmitz: „Wir werden uns nicht in die Nesseln setzen und gegen Gesetze verstoßen.“

Remscheid: Öffentlich ist Feuerwerk verboten

Bund und Länder haben sich am 13. Dezember auf ein Verkaufsverbot für Feuerwerk und Böller an Silvester geeinigt. Zudem gibt es Silvester und Neujahr ein Versammlungsverbot. An öffentlichen Stellen wird das Anzünden von Feuerwerk verboten sein. Privat gibt es hingegen kein Feuerwerksverbot. Einzig wird vom Böllern aufgrund der Verletzungsgefahr abgeraten. Wer Feuerwerk eingelagert hat, darf es prinzipiell abschießen.

Standpunkt: Nicht für alle zumutbar

Von Leon Hohmann

Wir müssen uns alle ein wenig zurücknehmen. Das hat die Corona-Pandemie in den vergangenen Monaten uns deutlich gezeigt. Doch leider ist das bislang nicht in allen Köpfen angekommen. Daher ist es richtig, dass der Staat weiter eingreift, Zusammenkünfte beschränkt und auch den Verkauf von Feuerwerk verbietet.

leon.hohmann@rga.de

So soll Rücksicht auf das überlastete Personal in den Klinken genommen werden, die sich in der Silvesternacht nicht auch noch um verletzte Feierwütige kümmern können. Ein Verlust, der für Privatpersonen nach diesem Jahr der Feier-Askese auch noch zumutbar ist. 

Anders sieht es hingegen bei denen aus, die mit dem Feiern und Böllern ihr Geld verdienen – zum Beispiel die Firma Nico, die immer an den drei Tagen vor dem Jahreswechsel Hochkonjunktur bei Werkverkauf ihrer Raketen und Böller hat. Doch all das fällt in diesem Jahr aus, auch ein Geschäft mit Großfeuerwerken war nicht möglich. Zurück bleibt eine Branche, die 2020 keinen einzigen Cent verdienen konnte. Dass dann Rufe nach dem Ausgleich von Umsatzverlusten kommen, ist da mehr als verständlich.

Welche Beschränkungen wegen des Coronavirus gelten aktuell in Remscheid? Das haben wir für Sie in einem Artikel zusammengefasst, den Sie hier finden: Ein Überblick über die Corona-Regeln in Remscheid.

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