Rückblick

Festival im Stadion setzte vor 50 Jahren Maßstäbe

Erstmals war in Remscheid rockmusikalisch richtig was los: das Open Air am 21. August 1971 im Stadion Reinshagen. Foto: RGA-Archiv
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Erstmals war in Remscheid rockmusikalisch richtig was los: das Open Air am 21. August 1971 im Stadion Reinshagen.
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Beim Open Air in Reinshagen spielten Alexis Korner, Nektar, Frumpy, Franz K, Amon Düül II – Leo Schönhals blickt auf das Abenteuer zurück

Remscheid. Wenn nicht die blöde Uni gewesen wäre, hätte Wolfgang Wirwahn am 21. August 1971 ein aufregender Tag im Stadion Reinshagen erwartet. Es war der Samstag des ersten großen Rockfestivals in Remscheid. Acht Bands hatte Leo Schönhals verpflichtet, klangvolle deutsche und internationale Namen. Von Amon Düül II, Franz K bis Nektar. „Als Student der Elektrotechnik musste ich jedoch lernen“, blickt Wirwahn mit Wehmut zurück. Diesen Samstag jährt sich das Open Air zum 50. Mal.

Wolfgang Wirwahn wird daheim in Vieringhausen daran erinnert. In seinem Partykeller hängt ein Originalplakat von der Veranstaltung, die mit über 5000 Besuchern in Remscheid Maßstäbe setzte. Wirwahn besitzt einen weiteren Schatz, zwei Tonaufnahmen der Auftritte von Frumpy und Alexis Korner an jenem Tag, die ihm ein Freund vermacht hat.

Der 72-jährige ehemalige Chefplaner des Deutschlandradios digitalisierte die Bänder und polierte sie auf. „Zwar in Mono, aber mit guter Klangqualität angesichts der damaligen Möglichkeiten“, meint Wirwahn, der in den 60ern an der Gitarre mit einer lokalen Band, den Fools unterwegs war.

Holte vor 50 Jahren Rock-Größen nach Remscheid: Leo Schönhals vor dem Originalplakat.

Heute hängt in Leo Schönhals Büro an der Alleestraße ein Kunstwerk, das den Slogan ziert: „Wir machen das alles aus Spaß, nicht aus Gier.“ So war es auch damals, als sich der 23-Jährige in ein Abenteuer stürzte, dessen Ausgang er nicht absah. Denn als Festivalveranstalter hatte der Student überhaupt keine Erfahrung und zudem keinen Pfennig in der Tasche. Schönhals ritt auf dem Tiger und wurde belohnt.

Er machte 15 000 Mark Plus, obwohl sich viele Besucher umsonst Zutritt zum unteren Aschenplatz im Stadion verschafft hatten. „Viertausend zahlten, mindestens tausend kamen ‘illegal’“, titelte der RGA am Montag danach auf der Lokalseite 1. „Ich konnte doch das weitläufige Gelände am Wald nicht komplett absperren. Das wäre zu teuer geworden“, erklärt Schönhals.

„Die Nerven musst du erst mal haben.“

Leo Schönhals

Erinnerungswürdig blieb das Festival nicht nur, weil es Schönhals gelungen war, fortschrittlichen Rock erster Güte ins beschauliche Remscheid zu holen, mit einer Verpflichtung verkalkulierte er sich total. Middle Of The Road, die gerade mit „Chirpy Chirpy Cheep, Cheep“ ihren ersten Hit hatten, waren mit ihrem seichten Pop an der völlig falschen Stelle. „Ich hatte sie für einen Tausender gekriegt, weil sie an dem Tag zwei Gigs annehmen konnten, bei uns traten sie schon um 16 Uhr auf.“ Jedoch nur kurz. Den vier Schotten schlug ein Obsthagel und Pfiffe entgegen. Nach zehn Minuten brachen Middle Of The Road ab. „Das tue ich mir nicht an, hat Sängerin Sally Carr gesagt. Ihre Gage haben sie trotzdem bekommen.“ Wenn Leo Schönhals an sein Remscheider Mini-Woodstock zurückdenkt, schüttelt er den Kopf, wie unbedarft, aber letztlich cool er die Sache durchzog: „Die Nerven musst du erst mal haben.“

Erst Veranstalter, dann Kneipen/Spielautomaten, heute im Immobiliengeschäft: Leo Schönhals.

Ins Live-Geschäft war der uninspiriert studierende Leo durch Oskar geraten. So hieß unweit seines Elternhauses in Vieringhausen die heiße Rockdisco von Oskar Maar. Oskar betrieb Ende der 60er-Jahre auch die Solinger Kneipe „Zocker“ an der Katernberger Straße. Leo Schönhals machte für ihn dort Live-Gigs klar. Amon Düül II, Guru Guru, Embryo traten in dem als Rauschgifthöhle bekannten Laden auf, auch Kraftwerk, die anfangs Organisation hießen. So lernte Leo Florian Schneider-Esleben kennen und managte für drei Monate Kraftwerk-Auftritte. Kraftwerk spielten im Übrigen 1970 im evangelischen Gemeindezentrum am Handweiser, nachdem Pastor Spengler die Tür dafür geöffnet hatte.

Nach Reinshagen ging Schönhals festivalmäßig in die Offensive, lud am 10. Februar 1972 in die Wuppertaler Stadthalle. „2000 durften rein, 3000 waren drin.“ Sein persönliches Highlight war der 10. Juni 1972, an dem Schönhals die „Rock Session“ in der Düsseldorfer Philipshalle mit Nazareth, Marsha Hunt, Alexis Korner und Rory Gallagher ausrichtete. „Das war der Tourneestart der Gallagher-Tour in Deutschland, die sogar in der ‘Tagesschau’ erwähnt wurde.“

„Die Zeit verging wie im Rausch.“

Leo Schönhals

Zweimal legte der bunte Vogel Leo auch in Reinshagen nach. Am 26. August 1972, dem Tag der Eröffnung der Olympischen Spiele in München, ging sein Open Air in die Fortsetzung, unter anderem mit Atomic Rooster und Klaus Doldinger. Nur 2500 kamen – jedoch niemand illegal, weil Schönhals einen Schäferhundeverein zur Bewachung engagiert hatte. Noch mehr Miese fuhr Schönhals am 13. September 1980 ein, als er den „Bergischen Rock-Zirkus“ anbot mit Nektar, Accept, Hölderlin, Zeltinger, Ramblers, Herman Brood.

Danach war Schluss mit dem großen Rad im Rockbusiness, nachdem er sich eigentlich 1973 aus der Veranstalterszene verabschiedet hatte und als Wirt von Kneipen wie Audiminimum, Zunftstuben, Audimax, Café Fritz, L´Eclipse und Saxo reüssierte. „Die Zeit verging wie im Rausch“, hält Leo Schönhals über seine ungeplante wie exzessive Veranstalterlaufbahn fest.

Das Open Air

Die Tickets für das Open Air Remscheid am 21. August 1971 im Stadion Reinshagen kosten 7,50 Mark im Vorverkauf, Tageskasse 9,50 Mark. Von 11 bis 22 Uhr spielten in dieser Reihenfolge Franz K, Eiliff, Bobbey´s Children, Amon Düül II, Middle Of The Road, Frumpy, Alexis Korner & Peter Thorup, Nektar.

Leo Schönhals kündigt Neueröffnung an: Das Kinderland eröffnet noch in diesem Jahr.

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