Psychologische Beratungsstelle

Familien müssen wochenlang auf Rat warten

Alexander Schmidt sieht Kinder in seelischer Not. Foto: Roland Keusch
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Alexander Schmidt sieht Kinder in seelischer Not.
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Corona-Folgen: Psychologische Beratungsstelle der Stadt verzeichnet Flut an Anfragen

Remscheid. Mit der seelischen Not, die Remscheider Kinder in Zeiten der Pandemie erleiden, befassten sich die Ortspolitiker im zuständigen Schulausschuss. Dr. Jana Schrage, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle, schilderte bei der Sitzung in dieser Woche, dass es derzeit eine Flut an Nachfragen von Familien gebe, die um Hilfe nachsuchen. „Wir haben momentan Wartezeiten von sechs bis acht Wochen auf einen Termin für ein Erstgespräch.“ In akuten Situationen – zum Beispiel, wenn es um Kinderschutz oder Suizid-Gefahren gehe – werde ihr Team jedoch sofort aktiv.

Die städtische Einrichtung vereint im Haus Hastener Straße 15 Erziehungs-, Familien- sowie Schulberatung unter dem Dach der Stadtverwaltung. Ein zehnköpfiges Team aus Vollzeit- und Teilzeitkräften kümmert sich um die Anliegen der Familien. Hinzu gesellen sich Schulpsychologen. Im Schnitt zählt die Anlaufstelle 450 bis 500 Beratungsfälle pro Jahr, heißt es dort.

Leiterin Dr. Schrage nahm mit ihren Aussagen Bezug zu einem Prüfauftrag der CDU. Die Ratsfraktion hatte die Frage in den politischen Raum aufgeworfen, ob angesichts der seelischen Folgen durch die Pandemie die psychologische Beratung für Kinder und Jugendliche in Remscheid ausreiche. „Das aber ist nicht als Kritik an der Arbeit zu verstehen, die hier geleistet wird,“ unterstrich Alexander Schmidt, schulpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, der im Hauptberuf als Lehrer am Röntgen-Gymnasium unterrichtet.

Kontaktbeschränkungen und Distanzunterricht haben Folgen

Er schilderte aus eigenem Erleben, wie sich Kontaktbeschränkungen und Distanzunterricht mittlerweile auf manche Jugendlichen auswirken. „Bei unseren Videokonferenzen kullert immer wieder die eine oder andere Träne“, beschrieb er die Notlagen der Kinder, die teilweise Symptome einer beginnenden Depression aufwiesen. Begleiterscheinung sei oft ein Motivationsproblem. Mädchen und Jungen sei „der Drive“ verloren gegangen: „Wenn ihre Eltern zur Arbeit gehen, gehen sie wieder ins Bett. Die Eltern kommen an sie nicht mehr heran.“ Für die betroffenen Familien sei dies eine schwere Belastung, erläuterte Alexander Schmidt die Problemlage.

Dr. Jana Schrage bestätigte, dass ihre Beratungsstelle in den vergangenen zwei bis drei Monaten einen deutlichen Anstieg an Anfragen verzeichnet habe. Im ersten Lockdown 2020 habe es hingegen einen starken Rückgang gegeben. „Damals sind viele Familien mit der Situation klargekommen“, blickte sie auf die erste Welle der Pandemie zurück.

Sozialdezernent will Fallzahlen nach den Ferien beleuchten

Sozialdezernent Thomas Neuhaus (Bündnis 90/Die Grünen) empfahl, eine längerfristige Betrachtung zu diesem Thema vorzunehmen. Er erinnerte daran, dass die Einrichtung monatelang eine der „letzten, offenen Orte“ gewesen ist, „wo man sich Beratung holen kann“. All jene, die mit Kinder- und Jugendarbeit in Remscheid betraut sind, seien demnächst gefordert, „die Dienstleistung für Kinder und Familien wieder hochzufahren“. Neuhaus regte an, die Fallzahlen der Psychologischen Beratungsstelle nach den Sommerferien einer weiteren Bilanz zu unterziehen. „Es ist sinnvoll, die Entwicklung im Auge zu behalten.“ CDU-Sprecher Alexander Schmidt signalisierte zwar Zustimmung. Er habe aber nicht das Gefühl, dass die Zahl der Beratungsanfragen sinken werde. „Und dann müssen wir gucken, was wir machen“, spielte er auf zusätzliches Personal in der städtischen Einrichtung an.

Kontakt zur Beratungsstelle: Tel. (0 21 91) 16 38 88, montags bis donnerstags von 8 bis 16 Uhr, freitags 8 bis 12 Uhr. | Standpunkt

Standpunkt: Eine Aufgabe für alle

Kommentar von Frank Michalczak

frank.michalczak @rga.de

Es ist noch viel zu früh, um absehen zu können, welche Folgen die Kontakteinschränkungen langfristig für die Seele von Kindern und Jugendlichen haben werden. Fakt aber ist, dass viele von ihnen 15 Monate nach Beginn der Pandemie unter schweren Belastungen leiden. Distanzunterricht und Zoom-Konferenzen im Internet können eben nicht den persönlichen Kontakt zur besten Freundin oder zum besten Freund ersetzen und nicht den Zusammenhalt im Klassenverband vermitteln, der an den Schulen gefördert werden sollte. Daher ist es kein Wunder, dass die Psychologische Beratungsstelle der Stadt Remscheid derzeit eine Flut an Beratungsanfragen registriert. Das Team allein wird es aber nicht schaffen, sämtliche Problemlagen zu lösen. Da sind nach der Pandemie alle gefragt – vom Jugendtrainer im Fußballverein bis zur Betreuerin in der Nachwuchsgruppe der Gemeinde, vom Lehrer an der Musikschule bis hin zur Mitarbeiterin im Jugendtreff. Kurzum: Es wird eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein, dem Nachwuchs Halt, Orientierung und Zuversicht nach einer Zeit zu vermitteln, in der die Unbeschwertheit verloren gegangen ist.

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