Gymnasium

EMA: Harry Luck erinnert sich an Anfänge der Namensdiskussion

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Journalist und Buchautor Harry Luck hat vor über 30 Jahren den Kampf gegen Ernst Moritz Arndt als Namensgeber seiner (ehemaligen) Schule aufgenommen – und verfolgt diesen bis heute.

Ex-EMA-Schüler Harry Luck hat sich bereits vor über 30 Jahren für einen anderen Namen für das Remscheider Gymnasium eingesetzt.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Am 18. August lief Harry Lucks Postfach voll. Am Morgen hatte der RGA über den neuerlichen Plan des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums (EMA) berichtet, einen neuen Namen anzunehmen – und 400 Kilometer südöstlich in Bamberg erhielt Luck eine Mail nach der anderen. „Eine ganze Reihe von Freunden und ehemaligen Mitschülern haben mir den Link zu dem Artikel geschickt“, berichtet er 49-Jährige. Dabei wusste er da schon längst Bescheid.

Harry Luck, 1972 in Remscheid geboren, ist ehemaliger EMA-Schüler und gehörte zu der Gruppe, die Ende der 1980er-Jahre den ersten Versuch startete, den unliebsamen Namensgeber loszuwerden. Über Stationen in München und Berlin verschlug es ihn vor Jahren ins fränkische Bamberg. Doch das Thema hat ihn nie losgelassen. „Ich stehe nach wie vor mit ehemaligen Lehrern im Kontakt“, sagt er. „Und ich verfolge die Facebook-Seite des RGA.“

„Ernst Moritz Arndt ist als Namensgeber einer Schule ungeeignet.“

Aus der Broschüre der Arbeitsgruppe

Dass Arndt nicht als Namensgeber einer Schule taugt, davon ist Harry Luck nach über 30 Jahren noch überzeugt. Allein die Motivation der Namensgebung reiche als Argument aus, meint er. Schließlich sei die bis dahin schlicht Königliches Realgymnasium benannte Schule 1937 von den Nazis so getauft worden.

„Arndt hat es den Nazis leicht gemacht, ihn zu vereinnahmen“, sagt Luck heute. Das sei auch „aus seiner Zeit heraus“ nicht zu entschuldigen: „Er ging mit seinen Äußerungen weit über das hinaus, was damals üblich war.“ Der Hass auf Juden und Franzosen, der Ruf nach einem „reinen“ Deutschtum, all das seien keine einmaligen Ausrutscher in seinen Schriften, sondern wiederkehrende Motive.

EMA-Umbenennung: Schüler hielten Zitate von Arndt für Goebbels-Zitate

Ausgelöst hatte das Engagement der Schüler ihr Deutschlehrer, der im Unterricht Zitate von Arndt vortrug, „die wir spontan für Zitate von Goebbels hielten“, wie sich Luck erinnert. Bis dahin habe sich niemand Gedanken gemacht, wer hinter dem Kürzel EMA steckte: „Es war überhaupt kein Thema an der Schule.“

Also verfasste die Gruppe um Luck einen Artikel für die Schülerzeitung und initiierte zusammen mit der Schülervertretung eine Umfrage, die der damalige Schulleiter allerdings unterband. „Dr. Spitzer bestellte mich postwendend in sein Büro und hat mir den Kopf gewaschen“, sagt Luck. Die Umfrage sei eine „politische Aktion“, Arndt als „problematische Person“ bekannt, und er wolle kein „Sturm im Wasserglas“. Eine Umfrage erfordere zudem eine „historisch ausgewogenen Auseinandersetzung“ mit dem Namensgeber.

Ernst Moritz Arndt

So gründete sich eine Arbeitsgruppe aus Schülern und Lehrern, die in den kommenden zwei Jahren zum Thema forschte. Und 1991 schließlich die Broschüre „Ernst Moritz Arndt – Anmerkungen zu einem Tabu“ veröffentlichte. Deren Fazit: „Ernst Moritz Arndt ist als Namensgeber einer Schule ungeeignet.“

Eine Podiumsdiskussion wenige Woche später eskalierte, doch danach sprachen sich innerhalb von nur zwei Monaten erst die Fachkonferenz Religion und sogar – nach geheimer Abstimmung – die Schulkonferenz für einen neuen Namen aus. Die schließlich doch noch abgehaltene Umfrage unter den Schülern zeigte allerdings ein ganz anderes Bild: Nur 204 von über 950 abgegebenen Stimmen war für eine Umbenennung.

So scheiterte der erste Versuch wie auch schließlich 2006 der zweite, als der Remscheider Stadtrat mir 29 zu 27 Stimmen gegen einen neuen Namen stimmte. Es gebe da wohl „gewisse Verharrungstendenzen“ bei aktuellen wie ehemaligen EMA-Schülern, vermutet Harry Luck. Trotzdem gebe es „tatsächlich Hoffnung“, dass der dritte Umbenennungsversuch Erfolg haben könnte: „Ich wünsche den Verantwortlichen Mut, Entscheidungen zu treffen, die eine Signal gegen Antisemitismus und Rassismus sind“, sagt Luck – und erinnert daran, dass bei der erfolgreichen Umbenennung de Greifswalder Uni, 1933 ebenfalls von den Nazis nach Arndt benannt, vor allem die AfD dagegen war.

Mögliche Namen für seine ehemalige Schule gebe es einige, sagt Luck. Für Richard von Weizsäcker, den zuletzt abgelehnten Vorschlag, hege er eine gewisse Sympathie. Auch Johannes Rau sei ein Kandidat, schon aus regionalen Gründen. „Oder man nimmt einen NS-Widerstandskämpfer. Das wäre nach Ernst Moritz Arndt ein starkes Zeichen.“

Hintergrund

Harry Luck machte 1992 sein Abi am EMA, nach dem Zivildienst absolvierte er ein Volontariat, eine zweijährige Ausbildung zum Redakteur beim RGA, anschließend studiert er Politikwissenschaften in München und arbeitete unter anderem für Focus Online und die Nachrichten-Agentur ddp. Heute ist er Pressesprecher des Erzbistums Bamberg und Roman-Autor.

Die Ergebnisse der EMA-Forschungsgruppe wurden auf einer eigenen Internetseite veröffentlicht, die zwar, ob ihrer über 15 Jahre alten Programmierungen, optisch nicht aktuell ist, inhaltlich aber umfangreich. Zu finden sind dort auch zahlreiche Zeitungsartikel und Leserbriefe zum Thema, ebenso eine bis 2006 aktualisierte Chronik.

www.ernst-moritz-arndt.de

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