Aufstände im Iran

Er sehnt einen Machtwechsel im Iran herbei

In seinem Naturfeinkostladen: Rauf Reissi.
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In seinem Naturfeinkostladen: Rauf Reissi.
  • Andreas Weber
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Bioladen-Betreiber Rauf Reissi lebt seit 1985 in Remscheid. Er denkt täglich an seine Heimat. Das islamische Terrorregime im Iran macht ihn wütend.

Remscheid. Rauf Reissi hegt einen Traum: „Seit Jahren liegt mein Mutterland am Boden, aber ich würde mir wünschen, dass es eines Tages mit deutscher Hilfe wieder aufgebaut wird.“ Deutschland ist seit fast fünf Jahrzehnten eine liebgewonnene Heimat für den Perser, an den Iran denkt er aber jeden Tag. Das islamische Terrorregime macht den 74-Jährigen immer wieder wieder aufs Neue wütend.

„Wer diese barbarische Regierung nicht akzeptiert, auf den warten nur Gefängnis, Folter und Tod.“ Reissi findet es wichtig, aus dem fernen Europa die Stimme zu erheben. „Angst mich zu äußern, habe ich nicht.“ Heute weniger denn je, sagt er. Auf jeder Demo für die Freiheit der 85 Millionen Iraner, ob in Köln oder Berlin, marschiert er momentan mit. Die Aufstände im Land seien eine große Chance, dass die Machthaber endlich stürzen.

Rauf Reissi lebt seit November 1985 in Remscheid. In seinem Kiez, der Hindenburgstraße, ist der kleine Iraner mit der Schiebermütze bekannt wie ein bunter Hund. Seit 29 Jahren betreibt er im Herzen Remscheids ein Fachgeschäft. 1993 eröffnete seine 2011 verstorbene Ehefrau Ashraf einen Naturfeinkost-Laden in der Alleestraße. In der Hindenburgstraße vergrößerte er sich, mittlerweile am zweiten Standort. Seit sechs Jahren verkauft Rauf Reissi im Haus-Nr. 33 mit seiner zweiten Ehefrau Maryam in seinem prall gefüllten Ladenlokal Naturprodukte und Biokost – auch aus dem Iran.

Rauf Reissi ist geprägt durch deutsche Tugenden

Bei Reissi gibt es Tipps für gesunde Ernährung und die Zubereitung von Speisen, aber auch eine klare Meinung zur Situation in seiner Heimat. „Im Iran zählen Frauen nicht als Menschen“, schimpft er und freut sich, dass sie es waren, die Mitte September begannen, nach dem Tod einer 22-Jährigen im Polizeigewahrsam auf die Straßen zu gehen. Ein Protest, der bis heute nicht abreißt. „Unsere Bevölkerung hat keine Angst mehr. Denn längst gilt: Leben oder Sterben.“ Die Zeit der Veränderung sei da. Sie beinhalte, dass im Ausland zu den Verbrechen der Machthaber nicht geschwiegen werde. „Wir dürfen jetzt nicht still sein“, fordert Reissi.

1948 in Ardabil, im Nordwesten des Landes an der Grenze zu Aserbaidschan geboren, verschlug es ihn zum Maschinenbau-Studium nach Köln. 1978 schloss er als Diplom-Ingenieur ab. Rauf Reissi ging zurück, wollte nach der Revolution als junger Akademiker etwas aufbauen. Er war nie ein Feund des Schahs, aber von Khomeni noch weniger.

Seine Ideale, geprägt durch deutsche Tugenden wie Disziplin und Strebsamkeit, konnte er als technischer Leiter einer Maschinenfabrik in Täbris, dem kulturellen Zentrum des iranischen Aserbaidschan nicht verwirklichen. Menschenrechte wurden mit Füßen getreten. Reissi ging mit seiner Frau, einer Landwirtschaftsingenieurin, und seinem heute 40 Jahre alten Sohn ins Bergische. Als Ingenieur fand er kein Auskommen, arbeitete als Maschinenarbeiter. Aus dem Techniker wurde ein Einzelhändler.

Trotz aller Bedenken zu scheitern, setzte sich das Ehepaar mit ihrer Bio-Idee durch. Er habe in dieser schweren Zeit im Bergischen viel Hilfe erfahren. Deutschland ist Rauf Reissi dankbar. Er sagt, er habe keinen Glauben. „Meine Religion ist die Menschlichkeit.“ In Deutschland hat er sie erfahren, für den Iran würde er sie sich wünschen. 2021 kontaktierte ihn das iranische Industrieministerium. Ob er sich vorstellen könne, sein Know-how in seiner alten Firma Ata Machine, einem Werkzeughersteller, einzubringen? Rauf überlegte nicht lange. Den Iran hat er seit 37 Jahren nicht mehr betreten. „Wer garantiert mir dort mein Leben?“ Er kennt zu viele, die zurückkehrten, um getötet zu werden.

Lesen Sie auch: „Justiz noch radikaler“ - Parlament im Iran ebnet den Weg für tausende Todesstrafen

Ziel vor Augen

Wer ohne ein Ziel nach Deutschland komme, hat keine Chance, sagt Rauf Reissi. Das Akademiker-Paar integrierte sich 1985 schnell, lernte sofort Deutsch. 2003 wurde es eingebürgert. Arbeit von morgens bis abends macht ihm bis heute im Seniorenalter Spaß. Und wenn nicht im Bioladen, gibt es daheim in Hasten in seinem kleinen Haus immer was zu tun.

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