In seinem Element

Er gehört seit bald 50 Jahren zum Wochenmarkt vor dem Rathaus

Hans-Wilhelm Wiese in seinem Element, dem Wochenmarkt auf dem Theodor-Heuss-Platz.
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Hans-Wilhelm Wiese in seinem Element, dem Wochenmarkt auf dem Theodor-Heuss-Platz.

Es regnet und starke Windböen fegen über den Theodor-Heuss-Platz, wirklich gemütlich ist das nicht. Den Stammkunden des Wochenmarktes vor dem Remscheider Rathaus macht das nichts aus; sie kommen bei jedem Wetter.

Von Peter Klohs

Remscheid. Wie auch die Beschicker des Marktes. Unter ihnen ist Hans-Wilhelm Wiese, und das seit bald 50 Jahren. Jetzt will er kürzer treten und hat dazu sein Geschäft in die Hände von Tochter Andrea und Schwiegersohn Stefan gegeben. Vom Markt lassen kann er dennoch nicht.

Der 1957 in Düsseldorf geborene Wiese ist am Abend zuvor um 19 Uhr ins Bett gegangen, am Morgen um halb eins aufgestanden, nach kurzer Zeit bereits auf dem Weg zum Großmarkt unterwegs und ab vier Uhr auf dem Marktplatz zu finden. „Normalerweise“ fügt er etwas säuerlich lächelnd hinzu. „Heute Morgen ist unserem Lkw ein Reifen geplatzt und wir kamen etwas später hier an.“ Seine von Öl befleckten Hände zeigen, dass er beim Reifenwechsel Hand angelegt hat.

Wiese ist einer der Beschicker, die am längsten auf dem Wochenmarkt präsent sind. Bereits seine Eltern und Großeltern standen hier. Für den jungen Hans-Wilhelm war es nie eine Frage, dass er in den elterlichen Betrieb einsteigen würde. „Das war mir von Anfang an klar“, sagt er heute. „Ich wurde zwar zur Handelsschule geschickt, aber das war eigentlich überflüssig. Was ich wissen musste, das lernte ich im Geschäft.“ Mit 16 Jahren stieg er dort ein.

Im Laufe der Jahre hat sich das Angebot des Obst- und Gemüsestandes sehr verändert. „Früher hatten wir drei Sorten Salat“, sagt der 65-jährige Wiese. „Heute gibt es 20.“ Ähnlich sei das auch bei anderen Obst- und Gemüsesorten. „Und es gibt Sachen, die wir uns früher nie getraut hätten anzubieten: Papayas, Mangos.“

„Die Zusammenarbeit unter den Händlern ist beispielhaft.“

Hans-Wilhelm Wiese über den Remscheider Wochenmarkt

Was sich allerdings nicht verändert habe, sei die Remscheider Kundschaft, befindet der Düsseldorfer. „Die sind zum Teil noch von meinen Eltern übrig geblieben“, scherzt er. „Wir haben sehr viele Stammkunden hier. Und alle sind freundlich.“ Was kein Wunder ist, wenn man von Hans-Wilhelm Wiese persönlich begrüßt wird. „Morgen Karl!“, heißt es da. Oder „Watt brauchste, Willi?“

Schräg gegenüber dem Obst- und Gemüsestand steht ein weiterer, der quasi das gleiche Angebot hat. „Der große junge Mann, den Sie im Stand sehen, ist Stefan, mein Schwiegersohn, daneben steht Andrea, meine Tochter. Die beiden haben sich verliebt und haben geheiratet. Das war sozusagen eine feindliche Übernahme.“

Hans-Wilhelm Wiese lacht. Das Verhältnis zum Schwiegersohn ist sehr herzlich „und besser als das zu meiner Tochter.“ Wieder ein Lachen. Wiese ist ein Händler, der viel und gerne lacht. Seine „Große Klappe“, die er sich selbst bescheinigt, unterstreicht seine positive Ausstrahlung. „Die Arbeit macht nach wie vor Spaß“, sagt er dazu, „und wenn es nicht so wäre, dann würde ich es nicht mehr machen. Das kommt von Herzen.“

Früher war er mittwochs und samstags auf dem Markt anzutreffen, mittlerweile nur noch am Wochenende. „Aber die Kinder muss man doch unterstützen“, befindet er. Das gehöre sich so. „Und außerdem: Was soll ich denn zu Hause in Düsseldorf? Am Rhein sitzen und Schiffe zählen?“

Wehmut hat er nicht, wenn er an frühere Zeiten denkt. „Damals war der Rathausplatz zwar voller Stände, aber der Konkurrenzkampf war auch deutlich größer als heutzutage. Jetzt haben wir hier samstags 14 oder 15 Stände, aber die Zusammenarbeit unter den Händlern ist beispielhaft.“

Hans-Wilhelm Wiese möchte dazugehören, so lange es Kraft und Lust zulassen. „Und wenn das Geschäft mal weniger wird, dann komme ich halt nicht um vier Uhr, sondern um sieben. Das ist dann wie Ausschlafen.“

Wochenmärkte

Sechs Wochenmärkte gibt es in Remscheid pro Woche, die Hälfte davon in der Innenstadt. Dienstags von 7 bis 13 Uhr auf der unteren Allee, mittwochs und samstags von 7 bis 13 Uhr auf der Platz vor dem Rathaus. Der RGA stellt die langjährigen Beschicker ab sofort in einer wöchentlichen Serie vor.

Standpunkt von Axel Richter: Klimafreundlich

axel.richter@rga.de

Früher war alles besser? Wer Hans-Wilhelm Wiese zuhört, weiß, dass es nicht so ist. Jedenfalls nicht auf dem Wochenmarkt in Remscheid. Gewiss: Alte Fotos zeigen, wie sich einst Zeltplane an Zeltplane reihte vor dem Remscheider Rathaus. Und nicht nur dort boten viel mehr Händler ihre Waren an als heute. Auch in Lennep sollen es einst bis zu 80 gewesen sein. Das ist heute kaum mehr vorstellbar. Etwas mehr als ein Dutzend schlagen heute in jeder Woche ihre Verkaufsstände vor dem Rathaus auf. Die aber verstehen sich untereinander nicht mehr als Konkurrenten, sondern bilden eine eingeschworene Gemeinschaft. Man hilft und unterstützt sich.

Nur so funktioniert es freilich. Und doch: Die Händler haben zu kämpfen. Krieg und Inflation haben dem Trend zum nachhaltigen Einkauf regionaler Lebensmittel einen empfindlichen Dämpfer verpasst. Wer Produkte will, deren Umwelt- und Klimabilanz günstig ist, muss freilich dort kaufen, wo sie angeboten werden. Auf dem Wochenmarkt.

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