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Er entlarvte einen Deepfake-Produzenten

  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Der Remscheider Journalist Maximilian Humpert gibt zu dem neuen Phänomen einen Kurs in der Akademie.

Remscheid. Ein anzüglicher Pornofilm flimmert über den Computerbildschirm - und plötzlich hat die Darstellerin ein bekanntes Gesicht. Ein sehr bekanntes Gesicht. Nämlich das eigene.

Deepfake heißt das neue Phänomen, bei dem realistisch wirkende Medieninhalte durch Software verfälscht werden. Es gibt Apps, mit denen man sein Gesicht auf den Körper von Tom Cruise setzen kann - und plötzlich ist man selbst Maverick aus „Top Gun“. Viele kennen wohl auch das Video, in dem Barack Obama Donald Trump beleidigt – obwohl das nie so geschehen ist. Es sieht aber täuschend echt aus. Kriminelle machen sich diese Technik nun zunutze, um anderen Menschen bewusst zu schaden oder Kasse zu machen. Zum Beispiel auf einschlägigen Internetseiten, auf denen es Deepfakes von Promis – zumeist Frauen – zu kaufen gibt.

Maximilian Humpert, der seine ersten Schritte beim RGA machte, ist Journalist und Regisseur.

Julia Beautx ist das passiert. Mit 2,4 Millionen Followern ist die 23-Jährige eine der erfolgreichsten deutschen Youtuberinnen. Es geschah wohl das erste Mal, als sie 17 war, ist sich aber selbst nicht ganz sicher, und danach immer wieder: ihr Gesicht, montiert auf den Körper einer Porno-Darstellerin. „Ich war total angewidert und habe versucht, die Videos entfernen zu lassen. Aber es war leider oft nicht möglich. Es ist schlimm, dass ich mich damit abfinden muss und es komplett unfreiwillig passiert“, erzählt sie im Video von Maximilian Humpert.

Der 32-jährige Remscheider ist freier Journalist und Filmemacher. Der Host des Reportage-Kanals „reporter“, der für funk produziert wird, recherchierte gemeinsam mit einer Kollegin zum Thema Deepfakes, sprach mit Betroffenen – und entlarvte schließlich einen Deepfake-Produzenten, der sich tatsächlich auf ein Interview mit ihm einließ.

„Von Deepfakes geht eine gewisse Faszination aus. Sie sind aber genauso problematisch“, sagt Humpert. Denn es geht um die entscheidende Frage: Inwiefern kann ich bestimmtem Videomaterial überhaupt trauen? Denn schließlich werde hier eine neue Realität erschaffen – die allzu oft moralisch verwerflich sei. Wie Deepfakes technisch funktionieren, aber vor allem, wie man sie erkennt und welche Gefahren von ihnen für die Gesellschaft ausgehen, erklärt Maximilian Humpert als Gastdozent in einem zweitägigen Workshop Ende Oktober in der Akademie der Kulturellen Bildung in Küppelstein.

Der 32-Jährige, der heute in Köln lebt, wuchs in Reinshagen auf. Nach dem Abi auf dem GBG und der Mitarbeit in der X-ray-Redaktion des RGA studierte er an der Universität zu Köln Medieninformatik und an der Universität Bonn Medienwissenschaften (Master). Neben seiner Tätigkeit für „reporter“ ist er Fernsehregisseur und arbeitet oft mit dem Goethe-Institut zusammen. Das Format „reporter“ ist für den Grimme-Preis 2022 nominiert.

Drei Monate vergingen von der Idee bis zum Film. Die Recherche gestaltete sich schwierig. „Es hat lange gedauert, Leute zu finden.“ Verwunderlich sei das nicht. Schließlich sei das Thema Deepfakes im Pornografiebereich schambehaftet. Wer redet schon gern darüber? Julia Beautx hat es getan. So auch eine weitere Betroffene, Youtuberin Vanessa alias Malwanne. Für sie ist es ein Gefühl der Machtlosigkeit, mitansehen zu müssen, wie ihr Gesicht in obszönen Filmen auftaucht. „Bei Stars ist das Deepfaken einfacher: Von ihnen gibt es wahnsinnig viele Fotos aus verschiedenen Perspektiven. Das macht es für Deepfake-Produzenten leichter“, erklärt Humpert.

Über eine solche Website, auf der gefakte Bilder von Frauen eingestellt werden, kamen der Reporter und seine Kollegin an einen Produzenten ran – und landeten damit einen Glückstreffer. Wie gelang ihnen das? Wer mehr sehen wollte, war aufgefordert, 25 Euro via Paypal zu zahlen. „Da dachten wir: Moment mal, bei Paypal muss man doch seinen Klarnamen angeben.“ Also tätigte ein Bekannter eine Überweisung – so gelangten die Reporter an den Namen des Mannes. „Da er auf Social Media recht aktiv war, wussten wir plötzlich alles über ihn.“ Dort schrieben sie ihm auch eine private Nachricht mit der Bitte um ein Interview.

Verletzt werden gleich zwei Rechte

Nach einiger Zeit willigte der Deepfake-Produzent ein - und stellte sich den Fragen der Journalisten. „Solch ein Interview gab es meines Wissens nach in Deutschland noch nicht“, meint Humpert. Auf die Frage, warum er Deepfakes von Frauen mache, habe er sinngemäß gesagt: „Wenn ich es nicht mache, macht es jemand anderes.“ Er habe gemerkt, er sei gut darin und habe sich ein neues Geschäftsmodell erhofft. Bislang habe er aber keine 300 Euro damit verdient. Dass er den Frauen damit schaden würde, sei ihm eigentlich gar nicht in den Sinn gekommen. „Er bewegt sich damit am Rande der Illegalität“, sagt Humpert. Denn hier werde nicht nur das Recht am eigenen Bild verletzt, sondern auch ein Persönlichkeitsrecht, vergleichbar mit einer Beleidigung. „Da es in dem Bereich noch nicht viele Urteile gibt, ist es schwer zu sagen, welche Entschädigung Betroffene erhalten könnten.“

Er wolle die Videos sofort löschen, bekannte der Produzent schließlich. Zu seiner Verteidigung sagte er jedoch sinngemäß: Die Frauen sind doch selbst schuld, wenn sie Fotos von sich im Internet einstellen. „Er vertauscht hier die Opfer- und die Täterrolle, und das ist einfach nicht haltbar“, sagt Humpert.

Der Kurs und das Video

Kurs: Maximilian Humpert gibt als Gastdozent den Kurs „Deepfake – Misstrauen angebracht“ für alle Interessierten am Freitag und Samstag, 28. und 29. Oktober, jeweils von 10 bis 17 Uhr, in der Akademie der Kulturellen Bildung in Küppelstein. Der Workshop gibt Einblicke: Wie funktionieren Deepfakes? Wo liegen die Gefahren und Grenzen dieser Technologie beim Vortäuschen von Fakten? Teilnehmer lernen, wie sie selbst auf einfache und fortgeschrittene Art einen Deepfake erstellen können. Kosten: 130 Euro. Anmeldung über die Website:

kulturellebildung.de

Rubriklistenbild: © Sarah Schultes

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