Gymnasium will sich einen neuen Namen geben

EMA: Wunsch der Schule wird erstmal nur zur Kenntnis genommen

Sein Name soll von der Fassade an der Elberfelder Straße verschwinden: Hinter dem Kürzel EMA steht Ernst Moritz Arndt. Foto: Roland Keusch
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Sein Name soll von der Fassade an der Elberfelder Straße verschwinden: Hinter dem Kürzel EMA steht Ernst Moritz Arndt. Die politische Diskussion um die Umbenennung des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums hat begonnen.
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Politische Diskussion um die Umbenennung des EMA.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Lob und Unterstützung: ja. Ein konkretes Votum: nein. So lief die erste politische Diskussion zum neuerlichen Wunsch des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums (EMA) nach Umbenennung der Schule. Am Mittwoch beschäftigte sich die Kommission Beschwerden und Anregungen des Hauptausschusses mit dem Thema, konnte sich am Ende aber nicht zu viel mehr durchringen, als es zur Kenntnisnahme in den Schulausschuss zu verweisen.

Bereits im Herbst hatte die Schulkonferenz des EMA mit deutlicher Mehrheit entschieden, dass der Namensgeber „nicht mehr tragbar“ sei. Die Schriften des Dichters (1769 bis 1860) gelten als nationalistisch und frankophob, werden teils sogar als antisemitisch eingeschätzt. „Das passt nicht mehr zu Remscheid und auch nicht zu unserer Schule“, betonte Schulleiter Rainer Schulz vor der Kommission.

Beatrice Schlieper (Grüne) sah in dem erneuten Vorstoß der Schule einen „wichtigen Schritt für das Ansehen dieser Stadt“ und lobt auch das Vorgehen ausdrücklich. Sie forderte ein „klares Zeichen“ der Kommission, um das EMA auf dem weiteren Weg zu unterstützen. Und zudem, dass sich die Politik aus der Suche nach einem neuen Namen heraushält: „Das ist allein Sache der Schule.“ Ähnlich äußerte sich Philipp Wallutat (FDP), der ebenfalls eine klare Unterstützung für die Schule forderte.

Andere Kommissionsmitglieder zeigte sich da deutlich zurückhaltender. Waltraud Bodenstedt (WiR) kündigte nicht nur weiteren Beratungsbedarf an, sie habe noch keine Gelegenheit gehabt, das Thema in ihrer Wählergemeinschaft zu besprechen, sondern sprach sich auch klar gegen einen „Freibrief“ für die Schule aus. Das sah Kai Kaltwasser (CDU) als Vorsitzender der Kommission offenbar ganz ähnlich. Das vom EMA gewählte Verfahren sei zwar „angemessen“, sagte er, für eine Entscheidung müsse er aber wissen, „wohin es gehen soll“.

So einigte sich die Kommission schließlich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Sie nahm das Anliegen der Schule zur Kenntnis und wartet nun das weitere Vorgehen des EMA ab. Zudem reichten sie den Vorgang in den Schulausschuss weiter, dessen Vorsitzende ebenfalls Kai Kaltwasser ist – und der deswegen gleich eine Einladung an die EMA-Vertreter aussprechen konnte.

Unser Artikel vom 17. August: Schulkonferenz hält den historisch umstrittenen Ernst Moritz Arndt für nicht mehr tragbar – Rat entscheidet

Remscheid. Das EMA-Gymnasium möchte den Namen des historisch umstrittenen Ernst Moritz Arndt ablegen. Ein entsprechender Beschluss der Schulkonferenz geht am Mittwoch in die politische Diskussion. In der Kommission Beschwerden und Anregungen (17 Uhr, Großer Sitzungssaal im Rathaus) wird das Anliegen diskutiert. Arndt, der von 1769 bis 1860 lebte, war Intellektueller, Schriftsteller, Freiheitskämpfer gegen Napoleons Herrschaft in Deutschland und Abgeordneter der Frankfurter Paulskirche. Fremdenfeindliche und antisemitische Äußerungen werden ihm zugeordnet. Geschichtsforscher beurteilen Arndts Rolle aber durchaus unterschiedlich. So wird er auch als Vordenker der Demokratie gesehen.

Seine später von den Nationalsozialisten gefeierte Haltung hat die Vertretung von Lehrern, Schülern und Eltern bewogen, Ernst Moritz Arndt 84 Jahre nach der Namensgebung 1937 (damals von Staatlichen Realgymnasium in Ernst-Moritz-Arndt-Schule) aus dem Titel zu verbannen. Mit 16:2-Stimmen fällte die Schulkonferenz am 28. September 2020 eine eindeutige Entscheidung.

Zuletzt tilgte die Uni Greifswald Arndts Namen aus ihrem Zusatz

Zum wiederholten Male unternimmt das EMA einen Anlauf, den glühenden Nationalisten loszuwerden. Schon Ende der 80er-Jahre war am EMA nach einem Artikel in der Schülerzeitung „Quo vadis“ eine Debatte entbrannt, ob Arndt Wegbereiter von Fremdenfeindlichkeit war und ob sein Name über der Schule stehen darf.

2006 votierte die Schulkonferenz mit 23:1 für eine Namensänderung und regte den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker als würdigen Ersatz an. Der Stadtrat der Stadt lehnte das Ansinnen damals knapp mit zwei Stimmen Mehrheit (29:27) ab.

Wie der pensionierte Schulleiter Hans Heinz Schumacher, so ist sein Nachfolger Rainer Schulz der Meinung, dass Arndts geistige Haltung keinen Vorbildcharakter besitzt. Viele nach Arndt benannte Bildungseinrichtungen haben nach dem 2. Weltkrieg seinen Namen getilgt. Zuletzt die Universität Greifswald, an der Arndt studiert und doziert hatte. Nach einer Senatsentscheidung im Januar 2018 hatten die Greifswalder nach langer, heftiger Diskussion, die nach der Wende entbrannt war, auf den „Nazi-Namen“, wie es die Wochenzeitung Die Zeit formulierte, in ihrem Zusatz verzichtet. Ernst Moritz Arndt gilt als Vordenker für das Dritte Reich.

Im EMA ist man rückblickend nicht glücklich, dass die Kommunalpolitik 2006 der Schulgemeinschaft nicht folgte. Angesichts des seit Jahren in der Gesellschaft zunehmenden Rechtspopulismus und Rechtsextremismus schade der Name Ernst Moritz Arndt dem Gymnasium mehr, als er ihm helfe, sind sich die Kritiker sicher und starten jetzt einen erneuten Anlauf, der aus der Lehrerschaft kam und einstimmig von deren Konferenz angestoßen wurde. Die Schulkonferenz, die mit je sechs Vertretern durch Pädagogen, Eltern und Schüler besetzt ist, sieht Arndts Erbe nicht zuletzt im Widerspruch zu dem Schulprogramm, das für friedliches und tolerantes Miteinander wirbt.

EMA-Gymnasium in Remscheid: Namensvorschläge werden noch bis in den September angenommen

Ungeachtet der noch bevorstehenden politischen Diskussion arbeitet das EMA an einem neuen Namen. Rainer Schulz bestätigt, dass die Schule einen Wettbewerb ausgeschrieben hat, in dem sich die Schulgemeinde Gedanken über eine Persönlichkeit macht, die für Werte steht, denen Jugendliche nacheifern können. Danach wird von drei Lehrern, drei Elternvertretern und drei Schülern eine Vorauswahl getroffen. „Wichtig ist, dass nicht nur ein Name präsentiert wird, sondern eine schlüssige Begründung“, hält Schulz fest.

Weitere Vorschläge werden schulintern bis in den September entgegengenommen. Auf der nächsten Schulkonferenz im Frühherbst wird schließlich über die vorsortierten Eingänge abgestimmt, danach wird der Schulträger, die Stadt Remscheid informiert. Diese ist berechtigt, den Namen jederzeit zu ändern. Dazu muss, wie in diesem Fall geschehen, die Schulkonferenz beteiligt und hernach ein Ratsbeschluss herbeigeführt werden. Die Vorberatung dazu findet am Mittwoch in der Kommission für Beschwerden und Anregungen statt.

Hintergrund

Im Oktober 2013 feierte das EMA-Gymnasium sein 100-jähriges Bestehen am Standort Elberfelder Straße 48, wo einst Remscheids Rathaus stand. Hervorgegangen ist es aus der 1827 angestoßenen „privaten höheren Bürgerschule“. 1886 erwuchs daraus das königliche Realgymnasium, das nach dem 1. Weltkrieg in preußisches Realgymnasium umgewandelt wurde. 1937 setzten die Nationalsozialisten Ernst-Moritz-Arndt-Schule durch, die 1949 in Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium umbenannt wurde und heute eigentlich nur als EMA bekannt ist.

Standpunkt: Träger muss entscheiden

Kommentar von Andreas Weber

andreas.weber @rga.de

Die Namensdiskussion um Ernst Moritz Arndt wird in Deutschland seit Jahrzehnten kontrovers geführt. Es gibt gute Gründe, diese historische Figur kritisch zu betrachten, aber ob sie auch zwingend genug sind, den Namen zu verbannen, das müssen am Ende die entscheiden, die ihn tragen. Die Schulgemeinschaft am EMA-Gymnasium hat sich in dieser Hinsicht mehrmals eindeutig positioniert. Lehrer, aber auch Vertreter der Elternschaft und Schüler finden mit überwältigender Mehrheit, dass der in der Nazi-Zeit gefeierte Arndt nicht für das steht, was das Gymnasium heute an Toleranz verkörpert. Es sind Impulse junger Menschen am EMA gewesen, die 2017 zur Gründung des Vereins Pferdestall und der Gedenk- und Bildungsstätte geführt haben. Eine Initiative, die die Erinnerungskultur an die Opfer von Verfolgung, speziell des Nationalsozialismus aufrechterhält. Weil die Anstöße zum Pferdestall aus den eigenen Reihen kamen, erwächst dem Gymnasium zurecht eine besondere Verpflichtung. Der will es gerecht werden. Nicht zuletzt soll beim Namen ein Signal gesetzt werden. Und das sollte die Politik respektieren.

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