Pandemie

Ein Jahr Corona - Krisenstab zieht Bilanz

Burkhard Mast-Weisz (r.), Dr. Bettina Stiel-Reifenrath und Sascha Ploch sind Teil des Krisenstabs. Der traf sich gestern zum 145. Mal. Foto: Roland Keusch
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Burkhard Mast-Weisz (r.), Dr. Bettina Stiel-Reifenrath und Sascha Ploch sind Teil des Krisenstabs. Der traf sich gestern zum 145. Mal.

Heute vor einem Jahr tauchten die ersten Verdachtsfälle in Remscheid auf – Bis heute zählt die Stadt 132 Tote.

Von Axel Richter

Remscheid. Wenn es für den Oberbürgermeister so etwas wie eine schöne Geschichte in der Pandemie gibt, dann ist es eine wie diese: Sie habe, verriet ihm die Frau an der Discounterkasse im Vertrauen, an jedem Morgen eine Palette Klopapier versteckt. Damit die alten Leute auch noch etwas abbekommen. „Super, die Frau“, findet Burkhard Mast-Weisz noch heute.

In der Corona-Krise, die heute vor einem Jahr mit den ersten vier Verdachtsfällen in Remscheid ihren Auftakt nahm, hat er nach eigenen Worten viel über die Menschen gelernt. Gutes, wie Schlechtes, sagt Mast-Weisz, denn da behält Helmut Schmidt recht, der einst sagte, dass sich in der Krise der Charakter erweise. Mast-Weisz formuliert es so: „Ich habe großes Verständnis dafür, wenn Menschen Fragen stellen, Kritik üben und nach besseren Lösungen suchen.“ Für Leute, die sich „Querdenker“, „Montagsspaziergänger“ und „Freiheitsfahrer“ nennen, die hupend am Haus Lennep vorbeifahren, in dem viele Menschen an Covid-19 gestorben sind, gilt das nicht. „Diese Leute wollen ein anderes Land und sie haben Zulauf. Das macht mir Sorge.“

So schnell kann uns Sicherheit entgleiten.

Viola Juric, Krisenstab

Der Corona-Krisenstab, der gestern in der Hauptwache der Feuerwehr in Überfeld zum 145. Mal zusammentrat, arbeitet bis heute daran, dass die Stadtgesellschaft nicht auseinanderfliegt. Thomas Neuhaus, der dem Krisenstab vorsitzt, findet, dass das bislang ganz gut gelungen ist. Eines kann er, ohne sich schuldig zu fühlen, dennoch nicht abschütteln: „Es sind zu viele Menschen gestorben“, sagt er. 132 Remscheider ließen bis heute in Zusammenhang mit Covid-19 ihr Leben.

Mit einer solchen verheerenden Bilanz rechnete im März 2020 niemand. Neuhaus erinnert sich an beinahe schon niedliche Diskussionen: „Wir hatten zu Anfang eine eher verhaltene Einstellung zu den Masken und waren beinahe sicher, die könnten sogar schädlich sein. Für die Haut, wenn die Masken nicht richtig gewaschen würden.“ Dass die Katastrophe, die vor einem Jahr auch über Remscheid hereinbrach, den Menschen noch viel mehr abverlangen würde, hatte damals noch niemand vor Augen. Der RGA hat eine Chronik der vergangenen zwölf Corona-Monate in Remscheid zusammengestellt.

„Und das ist vielleicht auch ganz gut so“, sagt Viola Juric, deren Aufgabe es in der Krise wurde, die Infektions- und Todeszahlen nach außen zu kommunizieren und die jeweilige Beschlusslage im Krisenstab zu erläutern. Was haben die zurückliegenden zwölf Monate mit ihr gemacht? „Mir ist bewusst geworden, dass wir uns in einer vermeintlichen Sicherheit wiegen, die einem nur zu schnell entgleiten kann.“

Die große Politik auf Bundes- und Landesebene tat nach Einschätzung des Krisenstabes wenig, um den Menschen das Gefühl von Sicherheit zurückzugeben. Im Gegenteil, sagt Dr. Bettina Stiel-Reifenrath, die als Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung in der Krise den Einsatz der Hausärzte koordiniert. „Wir bauen ein Impfzentrum auf, das pünktlich einsatzbereit ist, dann aber über Wochen leer steht, weil es keinen Impfstoff gibt. Das ist echt schlecht gemacht“, sagt die Medizinerin. Insgesamt reagiere der Staat in der Gesundheits- und Wirtschaftskrise zu langsam, zu unflexibel. Mit verheerenden Folgen: „Ich sehe immer mehr Menschen mit massiven finanziellen und emotionalen Problemen.“

Wann sie ihr altes Leben zurückbekommen, wissen die Remscheider auch nach den gestrigen Beschlüssen von Bund und Ländern nicht. Dabei wünschen sich die Mitglieder des Krisenstabes nichts anderes als die Bürger, die sie schützen: wieder rausgehen, ins Theater, ins Restaurant und, ganz wichtig, endlich wieder Freunde treffen.

Hintergrund

Hier finden Sie die neuesten Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Remscheid: Unser Live-Blog wird laufend aktualisiert.

Standpunkt: Schaden für Demokratie

Von Axel Richter

axel.richter@ rga-online.de

Die Demokratie hat Schaden genommen in der Pandemie. Auch in Remscheid. Land, Bund und Europäische Union haben dazu beigetragen. Auch wer in Düsseldorf, Berlin oder Brüssel schwierige Entscheidungen zu treffen hat, kann Fehler begehen. Nur müssen diese Fehler dann eingeräumt werden. Insbesondere bei der Impfkampagne ist das Gegenteil geschehen. Zu zögerlich und zu langsam waren die Europäer beim Bestellen des Impfstoffs, die Bundeskanzlerin aber erklärte noch Wochen später, es sei nichts falsch gelaufen. Dann folgten die vermurkste Terminvergabe an die Gruppe 80 plus und ein neuerlicher Lockdown, der zwar Existenzen zunichtemacht, das Virus aber nicht so wie erhofft ausbremsen konnte. Die Regierenden erweisen sich also außerstande, die Regierten vor Schaden zu bewahren. Der Deal aber geht anders, nämlich so: Ihr habt die Macht, dafür müsst ihr uns schützen. Eine Regierung und weitergehend auch eine Regierungsform, die das nicht kann, wird in Frage gestellt. Deshalb haben Querdenker und andere Demokratiefeinde wieder Zulauf. Leider auch bei uns in Remscheid.

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