Interview

Ehemalige: „EMA darf nicht verschwinden“

Dr. Johannes Luckhaus hat Schülerinnen und Schüler befragt: „Kein Einziger konnte etwas zu Ernst Moritz Arndt sagen.“ Foto: Roland Keusch
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Dr. Johannes Luckhaus hat Schülerinnen und Schüler befragt: „Kein Einziger konnte etwas zu Ernst Moritz Arndt sagen.“
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Montag will das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium einen neuen Namen vorschlagen - Förderverein appelliert an den Rat.

Remscheid. Das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium möchte sich von seinem Namengeber trennen. Arndt (1769 - 1860) ist wegen franzosenfeindlicher und antisemitischer Äußerungen umstritten. Und es waren die Nationalsozialisten, die die Schule 1937 nach ihm benannten. Welcher neue Name das Kürzel EMA ersetzen soll, will die Schulversammlung am Montag sagen. Am Dienstag kommt der Verein der Freunde und ehemaligen Schüler zusammen. Sein Vorsitzender Dr. Johannes Luckhaus ist gegen die Umbenennung. Der RGA traf ihn zum Interview.

Herr Dr. Luckhaus, das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium möchte seinen Namengeber loswerden. Sie sind dagegen. Warum?
Dr. Johannes Luckhaus: Von Seiten der überwiegenden Mehrzahl der ehemaligen Schüler wird eine Umbenennung in der Tat nicht für sinnvoll oder gar notwendig gehalten. Die ganze Diskussion beruht auf einer Überbewertung einzelner unstrittig antisemitischer Äußerungen, die geeignet sind, den Blick auf die gesamte Persönlichkeit von Ernst Moritz Arndt zu verstellen.
Was war Arndt denn für eine Persönlichkeit?
Luckhaus: Er wollte nichts anderes als die Umsetzung der ersten Strophe unserer Nationalhymne: Einigkeit und Recht und Freiheit. Sein Vater hat sich noch aus der Leibeigenschaft herauskaufen müssen. Er wollte den freiheitlichen Rechtsstaat, aber in Form der Monarchie. Er war kein Republikaner.
Er war ein Deutschnationaler. Die Nazis feierten ihn später als „Freiheitshelden und Vorkämpfer für das Dritte Reich“ und benannten das ehemalige Realgymnasium 1937 nach ihm. Taugt er noch als Namengeber?
Luckhaus: Die Nazis fanden ihn gut, gegen seine Vereinnahmung konnte er sich nicht mehr wehren, denn als sie an die Macht kamen, war er seit mehr als 70 Jahren tot. Mir leuchtet die Logik zudem nicht ein. Ich meide heute ja auch nicht die Autobahnen, nur weil die ersten davon unter Adolf Hitler gebaut worden sind. Oder: Denken Sie daran, wie viele Gymnasien in Frankreich nach Georges Clemenceau benannt sind. Dabei hat der bis zu seinem Lebensende sinngemäß gesagt: Nur ein toter Deutscher ist ein guter Deutscher.
Der Wuppertaler Historiker Prof. Dr. Gerrit Walther forderte im RGA-Interview, die Schule möge sich mit ihrem Namengeber im Unterricht kritisch auseinandersetzen, anstatt den Namen zu tilgen. Stimmen Sie zu?
Luckhaus: Ja. Viel sinnvoller wäre es, sein Wirken und seine Ansichten im Schulunterricht „sine ira et studio“ eingehend zu erörtern. . .
. . . für Nichtlateiner: unvoreingenommen.
Luckhaus: Ja. In der unvoreingenommenen Auseinandersetzung mit ihm könnte ein wesentlicher Grundstein für das Verständnis der geistig-kulturellen Grundlagen des 19. Jahrhunderts gelegt werden. Arndts Antipathie gegen die Franzosen ist auch als Reaktion auf die Enttäuschung zu verstehen, die mit der Etablierung des Terror-Regimes sehr bald auf seine anfängliche Begeisterung für die Ideen der Französischen Revolution folgte und durch die französische Besatzung noch geschürt wurde. Statt einer Umbenennung könnte hier für das Verhältnis zu unseren französischen Freunden sicher erheblich mehr bewirkt werden, wenn wieder mehr Schüler Französisch lernen.
Wird denn nach Ihrer Wahrnehmung an der Schule nicht genug über Arndt diskutiert?
Luckhaus: Ich habe mir erlaubt, einigen derzeitigen Schülern sowie auch Abiturienten des aktuellen Jahrgangs die Frage zu stellen: „Was wissen Sie, was weißt Du über Ernst Moritz Arndt?“ Beispiele für die Antworten, die ich erhielt, waren: „Der ist doch schon tot, oder?“ und „Da hat man jetzt herausgefunden, dass er ein Nazi war.“ Kein Einziger konnte irgendetwas zur Person oder zu seinen Lebensumständen sagen.
Mitte der 2000er Jahre ging es schon einmal um den Namengeber. Damals kündigten zahlreiche Mitglieder Ihres Vereins an, sich aus dem Kreis der Förderer zu verabschieden, wenn es zu einer Umbenennung käme. Welche Signale gibt es heute?
Luckhaus: Ich habe mehrere entsprechende Ankündigungen bekommen. Die genaue Größenordnung kenne ich nicht.
Stand heute wird die Mehrheit des Stadtrates dem Willen der Schule entsprechen. Werden Sie versuchen, sie umzustimmen?
Luckhaus: Wir kommen am 28. September zu unserer Mitgliederversammlung zusammen. Am Tag zuvor möchte die Schulkonferenz des EMA einen neuen Namen vorschlagen. Am Ende muss der Schulträger entscheiden, also der Rat der Stadt. Wie ich von verschiedenen Ratsmitgliedern erfahren habe, beruht die derzeitige Einstellung in erster Linie darauf, dass die öffentliche Empörung über die Umbenennungsaktion - im Gegensatz zu früheren Diskussionen - eher dezent ausgefallen ist. Das deckt sich allerdings überhaupt nicht mit den Reaktionen, die ich erlebe. Ich weiß zudem von einigen Eltern, dass der Beschluss der Schulkonferenz im Vorfeld zumindest in den entsprechenden Pflegschaftssitzungen nie thematisiert wurde. Insofern glaube ich, dass man den Ratsmitgliedern erläutern muss, dass der Beschluss der Schulkonferenz keineswegs die wohlbegründete und einhellige Auffassung der gesamten Schulgemeinde darstellt. Vielleicht könnte ja der Beschluss noch einmal vertagt und eine öffentliche Diskussion angestoßen werden.
Warum ist Ihnen der Name eigentlich so wichtig?
Luckhaus: Mein Vater hat diese Schule besucht, dann ich und später meine Kinder. Ich habe dort eine gute Zeit verbracht. Ich fühle mich dem EMA verbunden. Die drei Buchstaben sind zudem ein Markenzeichen. Ich möchte nicht, dass das EMA aus Remscheid verschwindet.

Zur Person

Dr. Johannes Luckhaus, geboren 1960 in Hasten, legte 1978 das Abitur am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium ab. Er studierte Medizin am Universitätsklinikum Bonn, wo er später als Gynäkologe arbeitete. Nach beruflichen Stationen unter anderem in New York kehrte er 1999 nach Remscheid zurück. Seither betreibt er das Bergische Kinderwunschzentrum, eine Praxis für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin.

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