Jagd

Drückjagd: „Menschliches Wolfsrudel“ fällt an der Neye ein

Auf seinem Hochsitz wartet Jäger Hermann-Josef Schmidt aus Eitorf auf seine Chance. Er war einer von 60 Schützen bei der Drückjagd am Samstag an der Neyetalsperre in Wipperfürth. Fotos: Manuel Böhnke
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Auf seinem Hochsitz wartet Jäger Hermann-Josef Schmidt aus Eitorf auf seine Chance. Er war einer von 60 Schützen bei der Drückjagd am Samstag an der Neyetalsperre in Wipperfürth.

60 Schützen, 50 Treiber und 38 Hunde nahmen an der Drückjagd der Technischen Betriebe Remscheid an der Neyetalsperre in Wipperfürth teil.

Von Manuel Böhnke

Remscheid. Jule winselt unaufhörlich. Die neunjährige Slowakische Schwarzwildbracke lässt ihr Herrchen kaum aus den Augen. „Seit ich die Ausrüstung gepackt habe, weiß sie genau, was heute passiert“, erzählt Peter Braches. Um Punkt 10 Uhr am Samstag hat das Warten ein Ende. Der frühere Forstmann lässt die Hundedame von der Leine. Schnallen nennen Jäger das. In den kommenden drei Stunden tut sie, wofür ihre Rasse seit Jahrhunderten bekannt ist: Wild aufspüren.

Jule ist eine der Teilnehmerinnen der Drückjagd der Technischen Betriebe Remscheid (TBR) an der Neyetalsperre in Wipperfürth. Bei der Bewegungsjagd durchstreifen Treiber und Hundeführer ein Waldgebiet langsam und systematisch. Die Unruhe soll das Wild dazu bringen, aus seiner Deckung kommen. Zur Waffe greifen die Treiber nur, wenn sie auf ein verletztes Tier treffen. Normalerweise obliegt das Erlegen den Schützen, die im Wald verteilt ausharren.

Remscheid: Es braucht „Abschüsse“ bei der Jagd für einen gesunden Wald

Markus Wolff, Forstamts- und Jagdleiter für die TBR, vergleicht dieses Vorgehen mit einem einfallenden Wolfsrudel. Kurze Zeit werden die Tiere in Stress versetzt, dafür haben sie in den kommenden Wochen und Monaten Ruhe. Ein weiteres Argument für die Drückjagd ist der Effizienzgedanke. Bei der Einzeljagd kommt es häufig vor, dass der Jäger kein Wild zu Gesicht bekommt.

Doch es braucht Abschüsse, sind die TBR-Verantwortlichen überzeugt. Insbesondere von Rehwild. Denn Hitze, Stürme und Borkenkäfer haben den Wäldern zugesetzt. Um sie zu verjüngen, ist eine angepasste Wildtierpopulation nötig. Übermäßige Verbissschäden behindern die Waldentwicklung. Diese Argumentation stößt offenbar nicht überall auf Verständnis. „Mörder“ steht nach der Jagd im Dreck auf dem Auto eines Teilnehmers geschrieben.

60 Schützen, 50 Treiber und 38 Hunde sind am Samstagmorgen an der Neye unterwegs. Alle tragen Signalfarbe. Einem Hygiene- und Sicherheitskonzept folgend, werden die Schützen in Gruppen aufgeteilt und machen sich zu ihrem Hochsitz auf. Die Treiber starten vom Forsthaus Neyetal in Kleingruppen in ihre Gebiete. Als Menschenkette mit mehreren Metern Abstand zwischen jedem Glied geht es durchs Unterholz.

Begegnungen mit Wildschweinen sind nicht ungefährlich

Die Situation für die Treiber im Dickicht ist schweißtreibend und unübersichtlich. Nur die andauernden „Hopp“-Rufe lassen erahnen, auf welcher Höhe sich der Nebenmann befindet. Immer wieder kreuzen witternde Hunde den Weg. Die Glöckchen an ihren Westen kündigen sie an. Einer der Treiber hält inne. Ein unverkennbarer Geruch liegt in der Luft. „Maggi“, sagt er. „So riechen Wildschweine.“ Behutsam geht es weiter, als plötzlich ein Hund anfängt, aufgeregt zu bellen. Er hat die Verfolgung aufgenommen, das Unterholz ist in Bewegung. Wenige Meter vor der Treibergruppe flüchtet aber kein Schwarzkittel. Ein Reh springt davon. Kurz darauf ist ein Schuss zu hören.

„Seit ich gepackt habe, weiß sie genau, was heute passiert.“ 

Jagdteilnehmer Peter Braches über seine Hündin Jule

Anders als bei Rehen sind die Begegnungen mit Wildschweinen nicht ungefährlich. Deshalb tragen die meisten Treiber Schutzhosen. Sie sollen im Ernstfall vor dem Gewaff, den Eckzähnen, schützen. Aus demselben Grund werden vielen Hunden spezielle Westen angezogen. Keine übertriebene Vorsichtsmaßnahme: Für einen Vierbeiner endet der Samstag nach einer Begegnung mit einem Wildschwein auf dem Operationstisch.

„Natürlich hat man als Hundebesitzer Bedenken“, gibt Johann Heute zu. Der 19-Jährige ist aus Sprockhövel an die Neyetalsperre gekommen. Ihn begleiten die Deutschen Langhaare Alma (6) und Abby (1), Mutter und Tochter. Sie sind immer in seiner näheren Umgebung. Andere Rassen entfernen sich teilweise mehrere hundert Meter von ihren Herrchen, finden über die eigene Fährte zurück. Vorsichtshalber tragen einige GPS-Sender an ihren Westen. Auf dem Handy kann der Besitzer nachverfolgen, wo sich der Vierbeiner aufhält. „Manche laufen mehr als 20 Kilometer pro Jagd“, sagt Förster Stephan Nöh.

Um ein Reh zu sehen, brauchen die Jäger etwas Glück

Der 19-jährige Johann Heute aus Sprockhövel nahm mit den Deutschen Langhaaren Alma (l.) und Abby an der Drückjagd teil.

Für Johann Heute ist es nicht die erste Drückjagd an der Neyetalsperre. Er ist in einer Jägerfamilie aufgewachsen, schätzt vor allem die Gesellschaft. Er ist einer von vielen angehenden und jungen Jägern, die als Treiber dabei sind. So wie der 21-jährige Leon Dames aus Thier. Im Januar beginnt er seinen Jagdschein. „Mir geht es nicht darum, Tiere totzuschießen. Ich möchte den Wald schützen“, sagt der Mitarbeiter eines Baumpflegebetriebes. Bei seiner ersten Drückjagd will er vor allem Wild sehen. Dieser Wunsch erfüllt sich nur wenig später, als ein Reh seinen Weg kreuzt.

So viel Glück hat man nicht immer. Seit einer Stunde sitzt Hermann-Josef Schmidt aus Eitorf bereits auf seinem Hochsitz. „Bisher kam hier nichts vorbei. Das kann sich aber jederzeit ändern“, sagt er. Und selbst wenn nicht: „Sieht man kein Wild, waren es immerhin schöne Stunden in der Natur“, findet Johann Heute.

Stück für Stück arbeiten sich die Treiber durch den Wald. Zu Beginn sind nur vereinzelte Schüsse zu hören. Nach einer Stunde werden es immer mehr. Der Plan geht auf: Das Wild ist in Bewegung. 42 Mal haben die Schützen am Ende des Tages auf den Abzug gedrückt. Mit 18 erlegten Rehen, acht Wildschweinen und einem Waschbären ist die Jagdstrecke größer als in den Vorjahren. Die Trefferquote liegt bei 1,62. Markus Wolff ist zufrieden. „Dafür hat sich der Aufwand gelohnt.“

Corona-Bedingungen auch bei der Drückjagd

Am Forsthaus Neyetal wurden die erlegten 18 Rehe und acht Wildschweine aufgebrochen. Das Schwarzwild wird unter anderem auf Afrikanische Schweinepest getestet.

Nach und nach kommen Geländewagen am Forsthaus an. Sie liefern die toten Tiere ab. Metzger beginnen sie aufzubrechen. Nur wenige Minuten dauert es, die Eingeweide herauszunehmen. Parallel dazu werden Proben genommen und anschließend auf Trichinen (Fadenwürmer) und Afrikanische Schweinepest untersucht. Ist alles in Ordnung, können die TBR als Revierbesitzer das Fleisch verkaufen.

Nur wenige Teilnehmer sind nach der dreistündigen Drückjagd zum Forsthaus gekommen. Der Großteil hat sich unmittelbar auf den Heimweg begeben. Das war eine Vorgabe, damit die Veranstaltung unter Corona-Bedingungen stattfinden kann. Es ist ruhig geworden an der Neyetalsperre. Kein Gebell, keine Schüsse, keine „Hopp“-Rufe sind aus dem Wald zu hören. Das Wolfsrudel hat sich zurückgezogen.

Neyetalsperre

Seit 16 Jahren finden an der Neyetalsperre zwei- bis dreimal pro Jahr Drückjagden wie am Samstag statt. Das Gewässer gehört den Stadtwerken Remscheid. Auch die umliegenden Wälder befinden sich in städtischer Hand. Die Technischen Betriebe tragen Verantwortung für das Forstrevier und sind der Jagdherr.

Remscheid hat wieder einen Jagd-Beirat. Nach zwei Jahren ohne das gesetzlich vorgeschriebene Gremium wurde der Beirat Mitte August im großen Sitzungssaal des Rathauses wiedergegründet. Zahlreiche Themen warten auf die Jäger.

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