Drogen

Psychiater warnt vor Cannabis-Freigabe

-
+
-
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
    schließen

Polizei glaubt nicht an eine Austrocknung des Drogensumpfs. Kinder und Jugendliche bereiten Therapeuten Sorgen.

Remscheid. Georg Wurth konsumierte Cannabis wie einige Millionen Menschen in Deutschland. 1996 zeigte sich der Remscheider deshalb selbst bei der Polizei an und sorgte damit bundesweit für Schlagzeilen. Georg Wurth, Mitglied der Grünen, wollte die Legalisierung der Droge, denn, erklärte er Jahre später im RGA-Interview: „Kiffen gehört zum Menschsein dazu.“

Georg Wurth zeigte sich schon 2018 im RGA-Interview sicher: „Die Legalisierung wird kommen.“

Erfüllt sich Wurths Vision vom Recht auf Rausch nun mit den Koalitionsverhandlungen um eine Ampel-Koalition? FDP und Grüne sind dafür. Auch in Remscheid.

„Die repressive Cannabis-Politik ist gescheitert“, sagt Sven Chudzinski, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Rat der Stadt: „Die Freigabe von Konsum und Besitz für volljährige Personen würde Polizei und Justiz erheblich entlasten, wenn viele Straftaten im Zusammenhang mit Anbau, Handel und Konsum nicht verfolgt würden.“

Kinder fangen schon mit elf, zwölf Jahren an zu kiffen.

Alfred Lindenbaum, Suchtberater und -therapeut in Remscheid
Auch Sven Chudzinski ist für die Legalisierung.

Ein Blick in die Statistik gibt Chudzinski Recht. 2020 ermittelte die Polizei im bergischen Städtedreieck in annähernd 1400 Fällen wegen illegalen Drogenbesitzes. 1256 Fälle entfielen auf den Besitz von Cannabisprodukten. „Natürlich würden die Zahlen nach einer Legalisierung sinken“, sagt deshalb Alexander Kresta, Polizeihauptkommissar und Sprecher des Wuppertaler Präsidiums. Dass sich damit zugleich die Rauschgiftkriminalität von selbst erledigt, glauben die Drogenermittler jedoch nicht.

Drei Monate Haft auf Bewährung für unerlaubten Besitz von Betäubungsmitteln, so lautete die Entscheidung des Richters im Amtsgericht Remscheid.

Schließlich haben die Politiker ausschließlich die Erwachsenen im Blick. Dabei sind es vor allem die Jugendlichen und Kinder, die als Konsumentengruppe den Suchttherapeuten auf den Remscheider Straßen die größten Sorgen bereiten.

Alfred Lindenbaum ist einer der erfahrensten von ihnen. Seit 35 Jahren arbeitet er für die Suchtberatung im Diakonischen Werk des Kirchenkreises Lennep. Sein Fazit kurz vor der Rente klingt ernüchternd: „Wir haben mit Kindern zu tun, die fangen schon mit elf, zwölf Jahren an zu kiffen.“ Die Hemmschwelle, auch andere Mittel zu sich zu nehmen, sei zudem deutlich gesunken. „Früher gab es noch die ‘reinen Kiffer‘“, sagt Lindenbaum. „Heute ist der Mischkonsum fast normal.“

Das Schmerzmittel Tilidin ist dabei so etwas wie der letzte Schrei. Die Arznei aus der Gruppe der Opioide sorgt für Halluzinationen. Dabei haben schon die hoch dosierten Cannabisprodukte von heute eine ganz andere Wirkung als das Haschisch der Hippie-Generation. „Cannabis ist keine weiche Droge“, sagen die Drogenberater: „Das Image ist falsch.“

Prof. Dr. Eugen Davids warnt vor einer Zunahme von psychischen Erkrankungen.

So sehr sie es grundsätzlich begrüßen, wenn erwachsene Menschen aufgrund ihres Konsums künftig nicht mehr strafrechtlich verfolgt würden, so wenig sehen die Remscheider Drogenberater die Jugendlichen geschützt. Und so wenig sehen sie auch den Schwarzmarkt ausgetrocknet. Denn sollte es Cannabis zukünftig tatsächlich in lizenzierten Läden zu kaufen geben, dann nur für Erwachsene.

Alle unter 18 werden dagegen auch weiterhin zu ihrem Dealer gehen. Beziehungsweise die Drogen werden zwischen den Altersklassen weitergereicht, schätzt Prof. Dr. Eugen Davids.

Der Ärztliche Direktor der Stiftung Tannenhof hält wenig bis nichts von den Überlegungen der mutmaßlichen Ampel-Koalitionäre. „Weil wir in der Psychiatrie täglich die Konsequenzen zu sehen bekommen“, sagt er und beschreibt einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Cannabis und der Ausbildung von Depressionen, Angstzuständen und Psychosen – Krankheitsbilder, die selbst dann nicht verschwinden, wenn der Konsum beendet wird.

Der Psychiater spricht von sozialen Entwicklungsrückständen und dem, was die Mediziner das amotivationale Syndrom nennen. Mit anderen Worten: Die Jugendlichen bekommen den Hintern nicht mehr hoch. In Staaten der USA, die Cannabis freigegeben haben, Colorado zum Beispiel, sei zudem noch etwas anderes zu beobachten: mehr Verkehrsunfälle, bei denen Cannabis-Konsum eine Rolle spielte, und deutlich mehr Klinikaufenthalte nach psychiatrischen Erkrankungen.

Der Remscheider Georg Wurth hat seinen Kampf für das straffreie Kiffen unterdessen in Berlin fortgeführt. Er ist heute Geschäftsführer des Deutschen Hanfverbandes – der größten Lobbyorganisation von Cannabiskonsumenten in Deutschland.

Cannabis

Nach Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat jeder Zweite 18- bis 25-Jährige mindestens einmal Cannabis ausprobiert. Unter den 12- bis 17-Jährigen ist es jeder Zehnte. Sechs Prozent der 18- bis 25-Jährigen zählen zu den regelmäßigen Konsumenten. In Deutschland werden pro Jahr 200 bis 400 Tonnen Cannabis umgesetzt. Das entspricht einem Wert von bis zu 1,2 Milliarden Euro.

Polizei stellt bei Verkehrskontrolle Drogen sicher.

Standpunkt

Ein Kommentar von Axel Richter

axel.richter@rga.de

Es spricht einiges dafür, den Konsum von Cannabis frei zu geben. Das Verbot ist gescheitert. Nach all den Jahren wird heute so viel gekifft wie nie zuvor. Der Polizei könnten die Politiker mithin jede Menge Arbeit und Kosten ersparen. Zudem: Würde die Droge kontrolliert verkauft, wären die Konsumenten weniger dem Risiko von Verunreinigungen ausgesetzt. Und: Würde der Staat die Droge besteuern, könnten die Einnahmen zum Beispiel in der Drogenprävention zum Einsatz kommen. Das alles klingt freilich zu schön, um wahr zu sein. Menschen, die beruflich mit den Folgen von Drogenkonsum zu tun haben, stehen dem Legalisierungskurs deshalb skeptisch bis ablehnend gegenüber. Tagtäglich erleben sie, wie die völlig zu Unrecht als „weich“ deklarierte Droge die Menschen verändert. Therapeuten und Richter haben es in ihrer großen Mehrheit eben nicht mit sich selbst reflektierenden Menschen zu tun. Sondern mit Jugendlichen und zunehmend auch Kindern, die zu allen möglichen Suchtmitteln greifen. Ausgerechnet sie spielen in der aktuellen Debatte aber gar keine Rolle. Die Legalisierung ist deshalb zu kurz gegriffen.

Kinder psychisch kranker Eltern finden im „Netzwerk Kleine Helden“ Hilfe.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

E-Busse: Stadtwerke ziehen positive Halbzeitbilanz
E-Busse: Stadtwerke ziehen positive Halbzeitbilanz
E-Busse: Stadtwerke ziehen positive Halbzeitbilanz
Vier Impfstellen sollen in Remscheid das Tempo erhöhen
Vier Impfstellen sollen in Remscheid das Tempo erhöhen
Vier Impfstellen sollen in Remscheid das Tempo erhöhen
Corona: Impfstelle erhöht Terminkontingent - Inzidenz bei 325,5
Corona: Impfstelle erhöht Terminkontingent - Inzidenz bei 325,5
Corona: Impfstelle erhöht Terminkontingent - Inzidenz bei 325,5
Alpaka-Spaziergang ist die beste Bescherung
Alpaka-Spaziergang ist die beste Bescherung
Alpaka-Spaziergang ist die beste Bescherung

Kommentare