Kinderarztpraxis Lüttringhausen

Drei Ärztinnen versorgen kleine Patienten

Marta Wiczling, Sandra Kunz und Agata Sadowy zählen zum Team der neuen Kinderarztpraxis in der Gertenbachstraße. Foto: Michael Schütz
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Marta Wiczling, Sandra Kunz und Agata Sadowy zählen zum Team der neuen Kinderarztpraxis in der Gertenbachstraße.
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Kommune trägt das Risiko: In Lüttringhausen eröffnet die Stadt eine weitere Kinderarztpraxis in eigener Trägerschaft.

Remscheid. Die Praxismöbel und -geräte sind in die Jahre gekommen. Vorsichtig formuliert. Die Gesichter, auf die Eltern und Kinder am kommenden Montag in der neuen Kinderarztpraxis in Lüttringhausen treffen, sind dafür umso frischer. Neben Agata Jolanta Sadowy, die bereits in der Richthofenstraße praktizierte, werden zwei neue Ärztinnen, vier medizinische Fachangestellte und eine Auszubildende ab sofort die kinderärztliche Versorgung in Lüttringhausen sicherstellen.

In der dritten Etage des Hauses Gertenbachstraße 35 eröffnen sie die zweite Kinderarztpraxis, die künftig von der Stadt als Medizinisches Versorgungszentrum betrieben wird. Damit übernimmt der Steuerzahler das unternehmerische Risiko, das insbesondere viele junge, gut ausgebildete Medizinerinnen heute nicht mehr tragen wollen. Doch, sagt Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) auch mit Blick auf die angekündigten Entlassungen im Sana-Klinikum: „Wir dürfen die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung nicht allein dem freien Markt überlassen. Wenn sie von anderen nicht mehr sichergestellt wird, müssen wir als Kommune einspringen.“

Wenn wir im ersten Jahr nicht plus minus null rausgehen, ist das noch okay.

Burkhard Mast-Weisz

Bei dem gewagten Sprung weiß das Stadtoberhaupt vorläufig die Diakonie Bethanien an seiner Seite. Sie war Träger der früheren Kinderarztpraxis in der Richthofenstraße. Ende 2020 stand das Praxis-Unternehmen mit tiefroten Zahlen vor der Schließung. Schließlich gelang es, die Solinger für ein Übergangsmodell zu gewinnen. Noch bis Ende September bezahlt Bethanien die drei Ärztinnen, die sich zwei Arztsitze teilen. Zum 1. Oktober übernimmt Remscheid das Praxisteam in Lüttringhausen dann komplett.

Mit dem Medizinischen Versorgungszentrum, zu dem auch die frühere Praxis Albrecht/Arnold in Alt-Remscheid zählen wird, folgt Remscheid dem Beispiel der Stadt Neuenrade im Sauerland. Anfang 2020 übernahm sie als erste Kommune in Nordrhein-Westfalen die Trägerschaft einer Kinderarztpraxis, weil sich kein Nachfolger dafür fand. Eine erste Bilanz stimmt allerdings nicht gerade ermutigend: Bis zum Jahresende 2020 erwirtschaftete die Kommune im Märkischen Kreis mit ihrer Arztpraxis ein Minus von 80 000 Euro.

Oberbürgermeister: Auf Dauer soll die Kinderarztpraxis wirtschaftlich arbeiten

Burkhard Mast-Weisz glaubt dennoch, dass das Geld der Remscheider gut angelegt ist. „Wenn wir im ersten Jahr nicht plus minus null rausgehen, ist das in Ordnung. Noch. Auf Dauer muss die Praxis natürlich wirtschaftlich arbeiten. Das ist die große Herausforderung.“

Wiewohl sich sein Unternehmen aus dem gemeinsamen Projekt verabschieden wird, sieht Kai Goetze, stellvertretender Geschäftsführer des Solinger Krankenhauses Bethanien, die Stadt auf einem guten Weg, um sich auf dem Markt nicht nur zu behaupten. „Es wurde neues Personal gewonnen, das wir als unbekannte Diakonie im Bergischen Land nie bekommen hätten“, sagt er. Dazu habe die Stadt attraktive Räumlichkeiten gefunden – mitten im Herzen von Lüttringhausen.

Neue Möbel, moderne Ultraschallgeräte und Co. ziehen in die Praxis ein

Johannes Günther und Phillipp Weber, Mitarbeiter des Gesundheitsamtes beziehungsweise des Sozialdezernats, bereitete das in den zurückliegenden Monaten viel unbekannte Arbeit. Am Ende richteten sie mit dem Gebäudemanagement die neue Praxis in der Gertenbachstraße ein. Bis zum Sommer wollen sie für das Praxisteam neue Möbel sowie moderne Ultraschallgeräte und Geräte für den Hör- und Sehtest beschaffen.

Doch nicht erst dann komme es auf die Lüttringhauser an, sagt Sozialdezernent Thomas Neuhaus. Soll die neue Praxis Bestand haben, „müssen die Menschen hingehen. Nur so kann es funktionieren.“

Nachfolger fehlen

Die Kinderarztpraxis ist mit der ehemaligen Praxis Albrecht/Arnold in Alt-Remscheid wird von der Stadt zusammen mit dem Sana-Klinikum betrieben, später soll auch sie ganz übernommen werden.

Die Stadt reagiert damit auf den Umstand, dass immer weniger junge Ärzte und Ärztinnen bereit sind, eigene Praxen zu übernehmen, sondern lieber angestellt arbeiten.

Auch für viele Hausärzte gibt es aktuell keinen Nachfolger.

Standpunkt: Eine kluge Entscheidung

Kommentar von Sven Schlickowey

sven.schlickowey @rga.de

Rund 320 000 Euro, so sagt die Statistik, nimmt eine Kinderarztpraxis mit einem Mediziner pro Jahr ein, bei mehreren Ärztesitzen entsprechend mehr. Da sollte es doch möglich sein, dass die Stadt die beiden nun übernommenen Kinderarztpraxen betreibt, ohne dass der Steuerzahler draufzahlen muss. Vielleicht nicht direkt im ersten Jahr, aber zumindest langfristig. Wobei sich die Frage eigentlich gar nicht stellt. Die gesundheitliche Versorgung von etwa 3000 Kindern und Jugendlichen war gefährdet und eine andere Lösung nicht in Sicht – da ist die Stadt eingesprungen. Übrigens mit breiter Unterstützung der Remscheider Politik. Das ist neben aller solidarischen Selbstverständlichkeit übrigens auch wirtschaftlich eine kluge Entscheidung. Denn Remscheid muss als Wohnort attraktiv bleiben, auch und gerade für junge Familien, sonst verstärkt sich der Fachkräftemangel in der Industrie weiter. Und dann hat Remscheid ganz andere Probleme als ein paar Euro Minus in der Bilanz eines Medizinischen Versorgungszentrums.

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