Interview der Woche

Dr. Volker Peinke: Auch in Uganda ist Astrazeneca umstritten

Uganda ist für den pensionierten Mediziner Dr. Volker Peinke zu einer Herzensangelegenheit geworden: Über den Verein „Our children, our future“ engagiert sich der Lenneper für die Infrastruktur in Kamukongo unweit des Victoriasees. 120 Mitarbeiter sind für den Verein in Schule, Waisenhaus und landwirtschaftlichen Betrieben tätig, weitere elf (sieben davon medizinisch) sind im Haide Helmut Health Centre beschäftigt. Foto: Roland Keusch
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Uganda ist für den pensionierten Mediziner Dr. Volker Peinke zu einer Herzensangelegenheit geworden: Über den Verein „Our children, our future“ engagiert sich der Lenneper für die Infrastruktur in Kamukongo unweit des Victoriasees. 120 Mitarbeiter sind für den Verein in Schule, Waisenhaus und landwirtschaftlichen Betrieben tätig, weitere elf (sieben davon medizinisch) sind im Haide Helmut Health Centre beschäftigt.

Dr. Volker Peinke über seine Arbeit als Impfarzt in Remscheid und die Pandemie-Bekämpfung in Ostafrika.

Das Gespräch führte Andreas Weber

Sie könnten mit 69 Jahren ihren Ruhestand genießen, stattdessen stellen Sie sich konsequent in den Dienst der Pandemie-Bekämpfung. Wird man nach 13 Monaten Dauereinsatz im Gesundheitsamt und Impfzentrum nicht müde?

Dr. Volker Peinke: Natürlich freue ich mich auf die Zeit, in der es weniger werden wird. Aber Corona ist ein historisches Ereignis, zudem aus medizinischer Sicht spannend. Die Arbeit im Team macht Spaß. Anders als in meiner beruflichen Laufbahn, habe ich geregelte Zeiten, somit meine Freiräume. Dienstags gehe ich zum Beispiel Wandern im Bergischen mit einem Nachbarn.

Für die Abwickelung im Impfzentrum gab es viel Lob von den Remscheidern. „Freundlich, kompetent, zügig“ hieß es in Leserbriefen und Anrufen, die den RGA erreichten. Läuft für Sie aus medizinischer Sicht tatsächlich alles rund?

Peinke: Wichtig ist uns das menschliche Antlitz. Wir begreifen uns als Team, dessen Engagement und Freude an der Arbeit sich auf die Impflinge überträgt. Aber: Wir können nicht immer helfen, was daran liegt, dass der Impfstoff vor allem anfangs sehr knapp war. Auch waren die Gespräche über Astrazeneca oft aufwendig. Es gibt Vorbehalte und Ängste gegenüber dem Impfstoff. Letztenendes ist es eine Nutzen-Risiko-Abwägung. Man muss sehen, welches Leid Corona auslöst, demgegenüber die äußerst seltene Gefahr einer Thrombose stellen. Ich sage immer: Die liegt bei 1:100 000. Das ist die Bevölkerungszahl von ganz Remscheid.

Wie viel Dosen werden in der Sporthalle West momentan verimpft?

Peinke: Im Schnitt sind es täglich um die 500. In der letzten April-Woche waren es insgesamt 3200 an sieben Tagen.

Sind Sie damit maximal ausgelastet?

Peinke: Wir hatten mal einen Tag mit fast 1000 Geimpften, der allerdings sehr stressig und mit Warteschlangen verbunden war. Wir haben fünf Impfstraßen, drei bis vier sind meist geöffnet. 700 bis 800 Impfungen könnten wir gut täglich schaffen.

„Wir werden irgendwann nur noch die Zweitimpfungen im Impfzentrum machen.“

Dr. Volker Peinke über die Arbeit in der Halle West

Wie sicher und mit welchem Vorlauf kann das Impfteam planen?

Peinke: Eine Woche vorher wissen wir Bescheid, wie viel Impfstoff zur Verfügung steht.

Wie viele Menschen lassen ihren Termin ungenutzt verstreichen?

Peinke: Maximal fünf Prozent, das ist tageweise unterschiedlich. Die beiden häufigsten Gründe sind Doppelanmeldungen im Impfzentrum und beim Hausarzt sowie eine zwischenzeitliche Corona-Erkrankung. Auch wenn wir eine neue Flasche Biontech aufmachen mussten, die aufgrund der Kühlfristen binnen zwei Stunden aufgebraucht sein muss, haben wir immer Abnehmer gefunden. In solchen Fällen gibt es eine Warteliste. Wer auf der steht, weiß, dass er nach Anruf binnen 20 Minuten im Zentrum sein muss. Und das klappt. Bei Astrazeneca und Moderna haben wir diesen Druck nicht so, die Impfstoffe können ein, zwei Tage gelagert werden.

Wann rechnen Sie mit dem Wegfall der Priorisierungen und einer Öffnung für alle Altersgruppen?

Peinke: Noch sind wir bei den Über-70-Jährigen, die Über-60-Jährigen werden in Kürze dran sein. Wir sind bei über 30 Prozent Erstgeimpften in Remscheid und werden die Priorisierung auch bald auflösen. Ich könnte mir vorstellen, dass Ende Mai „Impfen ohne Grenzen“ möglich sein wird. Dann könnte Biontech ab 16 Jahren und Astrazeneca und Moderna ab 18 Jahren verimpft werden.

Es gibt immer wieder Stimmen aus der Ärzteschaft, die fordern: Legt die Impfungen in die Hände der niedergelassenen Mediziner, löst die Zentren auf. Gehen Sie da mit?

Peinke: Es spricht nichts dagegen, dass dies in absehbarer Zeit passiert. Angesichts der Menge und Komplexität sind die Impfzentren momentan jedoch noch sinnvoll. Letztenendes sind die Impfungen Sache der Hausärzte. Der Aufwand, den wir in Impfzentren treiben, ist einfach wesentlich größer. Ich rechne damit, dass wir irgendwann im Impfzentrum nur noch die Zweitimpfungen machen, aber das wird eine Entscheidung sein, die auf politischer Ebene fällt.

Wenn es in diesem Tempo weitergeht, wann könnten die Letzten in Remscheid zweitgeimpft sein?

Peinke: Vorausgesetzt, es werden ein, zwei weitere Impfstoffe auf dem Markt verfügbar sein wie zum Beispiel von dem Tübinger Unternehmen Curevac, könnte dies bei den Impfwilligen in Remscheid im September der Fall sein.

Sie haben das zermürbende Hin und Her in Deutschland miterlebt, aber auch, dass es nun endlich zügig vorwärtsgeht. In anderen Ländern sieht dies ganz anders aus, wie in Uganda, wo Sie mit dem Remscheider Verein „Our children, our future“ ein Gesundheitszentrum in dem Dorf Kamukongo aufgebaut und ausgebaut haben. Wie ist die Lage auf der Krankenstation?

Peinke: Das Personal, das geimpft werden konnte, ist erstgeimpft. Die Zweitimpfungen hängen jedoch in der Luft. Wie in Bhutan, dem kleinen Himalaya-Staat, wo 85 Prozent der Erwachsenen geimpft wurden aufgrund einer Astrazeneca-Schenkung des Nachbarn Indien von 600 000 Dosen. Die Frage in Bhutan wie Uganda ist: Wird für Zweitimpfungen noch einmal genug Vakzin aus dem Ausland eintreffen?

Die Covax-Initiative will einen weltweit gleichmäßigen und gerechten Zugang zu Covid-19-Impfstoffen gewährleisten. Klappt das in Uganda?

Peinke: Uganda hat 860 000 Impfdosen über Covax und weitere 100 000 als Spende vom indischen Staat bekommen. Die Impfstoffe gingen in erster Linie ins Gesundheitswesen, ans Militär und die Polizei, an Gefängnisse und in die Großstädte. 341 000 sollen erstgeimpft sein. Die Impfquote bei den 42 Millionen Bewohnern liegt bei 0,75 Prozent.

„An fünf Euro darf es nicht scheitern, niemand muss deshalb sterben.“

Dr. Volker Peinke über die Arbeit im Health Centre in Uganda

Ist die Infrastruktur da, um Vakzine zu verteilen?

Peinke: Die Infrastruktur in Uganda wäre vorhanden. Das größte Hindernis ist aber, dass der Impfwillen in der Bevölkerung stimuliert und Widerstände ausgeräumt werden müssen. Es gibt viele Vorbehalte gerade gegenüber Astrazeneca, die von der ugandischen Presse geschürt werden und völlig überzogen sind. In der Bevölkerung taucht auch immer wieder die Frage auf: Warum ist der Corona-Impfstoff so schnell auf dem Markt, während das bei HIV und Malaria Jahrzehnte nicht gelang? Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen, sagen die Leute.

Ist Covid-19 denn in Ihrem Health Centre derzeit das drängendste Thema?

Peinke: Nein, denn die Gegend ist geprägt durch Armut. Viele Menschen können sich eine Behandlung, gleich welcher Art, nicht leisten. Mit unserer Hilfe enthalten wir ihnen die lebensnotwendigen Medikamente nicht vor. Entweder sie werden kostenlos verteilt oder gegen einen symbolischen Beitrag. Dadurch unterscheiden wir uns von anderen Gesundheitszentren im Land. Eine der häufigen Malaria-Therapien kostet fünf Euro für die besonders gefährdeten Kinder unter fünf Jahren. Daran darf es nicht scheitern, niemand muss deshalb sterben.

Befindet sich Uganda im Lockdown? Und wo liegen die Inzidenzen, sofern diese erfasst werden?

Peinke: Extrem niedrige Inzidenzen sind zwar erfasst, aber man muss in Uganda von einer erheblichen Dunkelziffer ausgehen. Getestet wird überwiegend an den Staatsgrenzen, um zu verhindern, dass positive Fälle reinkommen, im Land eher weniger.

Was bedeutet es für eine globale Rückkehr zur Normalität, wenn sich reiche Länder schützen, die ärmeren Staaten aber weit hinterherhinken?

Peinke: Das wird Spannungen erzeugen, das Gefühl der Benachteiligung schüren, Gräben vertiefen. In Uganda muss man zudem bedenken, dass es nicht nur am Impfstoff, sondern an Spritzen und Nadeln mangelt. Insgesamt sehe ich für den afrikanischen Kontinent schwarz, Mittel- und Südamerika oder asiatische Staaten sind teilweise schon jetzt deutlich weiter bei der Covid-19-Bekämpfung. Kritische Stimmen wie Ärzte ohne Grenzen rechnen nicht vor 2023 damit, dass Afrika Massenimpfungen durchgeführt werden können, wie gerade im aktuellen Rheinischen Ärzteblatt berichtet wurde.

Zur Person

Dr. Volker Peinke feierte vergangenem Donnerstag seinen 69. Geburtstag. Er stammt gebürtig aus Karlsruhe, lebt dieses Jahr genau 40 Jahre in Lennep. Peinke ist verheiratet, hat zwei Söhne, zwei Töchter sowie fünf Enkelkinder.

Peinke kam nach Remscheid, als er am Lenneper Krankenhaus eine Ausbildung zum Internisten machte. Danach war er in Bochum am St. Josephs-Hospital, von 1988 bis zu seiner Pensionierung 2015 arbeitete Peinke erst in der klinischen Forschung bei Bayer, danach für den Konzern im Medical Writing (wissenschaftliche Texte, Gutachten).

40 Jahre ist er als Arzt im ambulanten Koronarsport im LSV aktiv, betreut als Mannschaftsarzt Rollhockey-Bundesligist IGR bei Damen und Herren und ist im Orga-Team des Röntgenlaufs dabei. Volker Peinke gehört außerdem zu den treibenden Kräften im 2003 ins Leben gerufenen Uganda-Hilfsprojekt „Our children, our future“. In diesem Rahmen wurde 2011 das Haide Helmut Health Centre (HHHC) in Kamukongo / Bbaala ins Leben gerufen.

Seit Beginn der Coronakrise im März 2020 hilft Volker Peinke im Gesundheitsamt und ist seit Dezember zudem als einer der leitenden Ärzte schichtweise im Impfzentrum Halle West tätig.

Die Liste der Anbieter für Gratis-Schnelltests wird immer länger. Hier finden Sie eine Liste der Schnelltest-Anbieter in Remscheid mit Öffnungszeiten und Buchungsmöglichkeiten. 

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