Interview der Woche

„Doc“ Esser: „Post Covid macht uns viel Kummer“

Dr. Heinz-Wilhelm Esser leitet die pneumologische Abteilung und die Post-Covid-Ambulanz am Sana-Klinikum.
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Dr. Heinz-Wilhelm Esser leitet die pneumologische Abteilung und die Post-Covid-Ambulanz am Sana-Klinikum.

Die Langzeitfolgen der Corona-Erkrankung heilen in 90 Prozent der Fälle, aber es kann dauern, sagt „Doc“ Esser.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek

Herr Esser, hatten Sie schon Covid-19?

Heinz-Wilhelm „Doc“ Esser: Ja, schon zweimal. Und ich hatte auch Long Covid.

Was ist Long Covid genau?

Esser: Long Covid bedeutet, dass die Erkrankung vier Wochen nach dem letzten negativen Testergebnis noch andauert, dass die Genesung so lange dauert. Bei dem Post-Covid-Syndrom treten die Symptome sogar drei Monate später wieder auf oder es treten neue Symptome auf, die im Zusammenhang mit Covid-19 stehen. Post Covid macht uns Medizinern aktuell sehr viel Kummer, weil es auch nach völliger Ausheilung und sogar milden Verläufen auftreten kann und den Betroffenen erheblich in seinem Alltagsleben einschränkt.

Woran merke ich, dass ich vielleicht Post Covid habe?

Esser: Die klassischen Post-Covid-Symptome sind der sogenannte Lufthunger, eine intermittierende Dyspnoe, die nicht nur unter Belastung, sondern auch von hier auf gleich passieren kann. Betroffene haben das Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können, spüren Brustschmerzen oder eine Art Verspannung, die nach vorne zieht. Viele können sogar nur auf einer Seite schlafen. Auch der umgangssprachliche Gehirnnebel mit Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit, Erschöpfung, Verstimmungen bis hin zu Panikattacken und Angststörungen können auftreten. Zudem treten Riech- und Geschmacksstörungen auf.

Was macht das Virus dabei genau in unserem Körper?

Esser: Das wissen wir nicht genau. Das ist auch die Krux, weshalb es noch keine richtige Behandlung gibt. Es gibt Experten, die vermuten, dass Virusreste ihr Unwesen in unserem Körper treiben. Andere sagen, dass Viren, die in unserem Körper schlummern - wie das Epstein-Barr-Virus -, getriggert werden. Wiederum andere gehen von Veränderungen in den Blutbestandteilen oder von Mikroembolien aus. Man hat bereits viele Veränderungen gefunden. Nachgewiesen wurde zudem, dass Autoimmunerkrankungen ausgelöst werden können.

Wie kann ich testen lassen, ob ich Post Covid habe?

Esser: Bislang nur über eine reine Ausschlussdiagnostik. Daher mache ich in meiner Post-Covid-Ambulanz immer einen Organ-Erkrankungsausschluss. Das heißt, ich schaue mir Herz und Lunge an, um Erkrankungen, die von diesen Organen ausgehen könnten, auszuschließen. Auch eine Blutuntersuchung ist sinnvoll. Es gibt Entzündungsstoffe, die bei Post Covid deutlich vermehrt ausgeschüttet werden. Auch wenn uns oft nicht viele Therapiemöglichkeiten bleiben, hilft allein schon die Aufklärung. Vielen Betroffenen geht es schon besser, wenn wir in der Post-Covid-Ambulanz am Sana-Klinikum schlimmere Erkrankungen ausschließen können.

Ist Post Covid heilbar?

Esser: Bei einem Großteil der Menschen, in über 90 Prozent der Fälle, heilt es komplett wieder aus. Es ist aber sehr langwierig. Es dauert Monate. In Einzelfällen kann es sogar über ein Jahr dauern. Aber bei der Masse, die gerade an Post Covid erkrankt ist, ist das ein nicht unerheblicher Anteil, der chronifiziert ist. Die Hälfte der Betroffenen, die aktuell in meine Ambulanz kommen, leiden an Post Covid.

Schützt eine Impfung gegen Post Covid?

Esser: Die Auffrischungsimpfungen und auch die Zweitimpfungen schützen. Studien zeigen, dass damit auch das Risiko für einen Post-Covid- Verlauf verringert wird. Allerdings sehe ich derzeit eine gewisse Impfmüdigkeit.

„In über 90 Prozent der Fälle heilt Post Covid aus.“

Heinz-Wilhelm Esser

Was kann man gegen die Impfmüdigkeit tun?

Esser: Immer wieder die freundliche Aufklärung. Covid, aber auch Influenza, sind keine Erkrankungen, die man einfach mal so mitnimmt. Auch bei milden Verläufen können gerade Post-Covid-Erkrankungen Schwierigkeiten machen, daran muss man immer wieder erinnern.

Wer sollte sich den zweiten Booster abholen?

Esser: Vorerkrankte, alle über 60, Menschen, die viel in Kontakt mit anderen Menschen stehen, zum Beispiel in Gesundheitsberufen. Bei allen anderen ist es Ermessenssache des Arztes. Gerade bei alten und vorerkrankten Menschen ist die zweite Auffrischungsimpfung nicht nur sinnvoll, sondern in meinen Augen notwendig. Wer drei Mal immunisiert ist und coviderkrankt war, hat den besten Schutz überhaupt.

Alle Interviews der Woche im Überblick

Wie schwer sind die Verläufe des Coronavirus aktuell?

Esser: Momentan haben wir Glück. Die neuen Varianten B.4 und B.5 erweisen sich zwar als sehr ansteckend, aber die Verläufe sind relativ harmlos. Aktuell müssen nicht viele Betroffene die stationär behandelt werden. Allerdings hat die Welle aus meiner Sicht aber auch noch nicht richtig begonnen, denn das Wetter ist noch gut, viele gehen raus. Was letztendlich im Winter passiert, wenn sich vieles wieder in geschlossenen Räumen abspielt, wird sich zeigen.

Besteht aktuell die Gefahr einer Kreuzung mit der Influenza, der Virusgrippe?

Esser: Die Gefahr sehe ich nicht. Aber dennoch sollte man sich auch gegen die Influenza impfen lassen.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach spricht sich bereits wieder für die Maskenpflicht in Innenräumen aus. Wie sehen Sie das?

Esser: Die Maske schützt. Gerade in Innenräumen, in denen wenig gelüftet wird, macht die Maske Sinn, und gerade bei Älteren, die ein Risiko von einem schweren Verlauf haben. Dennoch: Wir tun unserem Immunsystem damit nicht nur etwas Gutes, wir machen uns anfällig für andere Krankheiten, können keine Abwehr aufbauen. Das haben wir gerade in Neuseeland und Italien gesehen. Hier trat das RS-Virus bei Kindern, das sonst nie so stark ausgeprägt war, plötzlich gehäuft auf. Man sollte es abhängig machen von den Zahlen. Draußen kann man die Maske weglassen. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass Corona nicht mehr weggeht. Wir müssen lernen, damit zu leben.

Zur Person

Der Facharzt (48) für Innere Medizin, Pneumologie, Kardiologie und Notfallmedizin ist leitender Oberarzt der pneumologischen Abteilung im Sana-Klinikum Remscheid – und vielen aus dem Fernsehen bekannt. Esser leitet am Sana zudem die Post-Covid-Ambulanz. Sie ist mittwochs und freitags geöffnet, Termine gibt es auf Anfrage unter Tel.
(0 21 91) 13-0. „Doc Esser“ hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem „Das große Gesundheitsbuch Innere Medizin – Alles zu Herz, Kreislauf, Atemwegen und Darm“.

Alle weiteren Nachrichten zur Corona-Lage in Remscheid finden Sie in unserem Live-Blog.

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