Reha-Sportgruppe

Diese Gruppe macht Rollifahrer fit fürs Leben

Eine Lokomotive auf vielen Rollen: Die Rehasportgruppe um Heike (2. v. r.) und Markus Kanter (r.) hat ordentlich Spaß beim Training in der Rögy-Sporthalle. Man trifft sich jeden Mittwochabend. Fotos: Roland Keusch
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Eine Lokomotive auf vielen Rollen: Die Rehasportgruppe um Heike (2. v. r.) und Markus Kanter (r.) hat ordentlich Spaß beim Training in der Rögy-Sporthalle. Man trifft sich jeden Mittwochabend.

Die Reha-Sportgruppe „Fit und mobil mit dem Rolli“ des HTV sucht noch Teilnehmer. RGA-Redakteurin hat es selbst ausprobiert.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Hingebungsvoll drehen sie ihre Pirouetten, während hinter der Hallentrennwand Dubstep aus der Boom Box dröhnt. Die Jungs der HG Remscheid spielen Handball. Und sind spendabel: Sie stellen der Reha-Sportgruppe „Fit und mobil mit dem Rolli“ des HTV 1871 einen Teil „ihrer“ Rögy-Halle zur Verfügung. Darüber ist die Gruppe um Übungsleiterin Heike Kanter dankbar. Die Halle ist perfekt – wären da nur nicht der schief abgesenkte Bordstein am Eingang und die nicht-automatischen Türen. Aber das kennen die Rollifahrer bereits – und genau auf diese Alltagsprobleme bereiten sie sich hier vor.

Nur mit einem Arm rückwärts drehen? Gar nicht so einfach, erfährt RGA-Redakteurin Melissa Wienzek.

Wie kleine Kreisel drehen sich die Rollifahrer auf der Stelle – Aufwärmtraining. „Geht mal jede Drehung durch“, weist Übungsleiterin Heike Kanter an. Sie sitzt selbst im Rollstuhl. Genauso wie die meisten anderen hat sie Multiple Sklerose. Ihr Sohn Markus Kanter ist ihre „dritte Hand“, wie sie sagt: Als Sicherungsperson und Übungsleiter Neurologie überprüft er nicht nur, ob der jeweilige Rollstuhl überhaupt zum Menschen passt, sondern hat vor allem die Sicherheit im Blick. Ganz nebenbei ist er übrigens der Schnellste im Rolli. Und das, obwohl er laufen kann.

Markus weist mich heute in die Welt auf vier Rädern ein. Während die Gruppe im Rollikreis Dehnübungen der Arme und des Rückens macht, soll ich in einer anderen Ecke den Dreh rausbekommen – und das ist gar nicht so einfach. Mit meinem angeborenen Ehrgeiz will ich sofort mit den Armen drauf los drehen – und mache direkt den ersten Fehler. „Pass auf, dass du nicht mit den Fingern in die Speichen kommst!“, sagt Markus und zeigt mir den Kniff: Daumen aufs Metall, Zeigefinger darunter und durchgleiten lassen. „Beim Anfahren nach vorne lehnen, beim Bremsen nach hinten.“ Klappt. Ich rolle. Und kann halten. Aber irgendwie komme ich nicht in die Richtung, in die ich will. Markus zeigt mir daher drei Drehungen. Zwei gelingen schon nach kurzer Zeit, mit der dritten – rückwärts einhändig – habe ich so meine Probleme.

Simone Platte aus Wermelskirchen, deren lauffähiger Mann übrigens mitmacht, muss jetzt herhalten: Markus Kanter zeigt das Ankippen. „Das ist wichtig, damit man einen Gehweg runter und rauf kommt“, erklärt Heike Kanter. Dabei trainiert man den Standardreflex, Arme und Beine auszustrecken, ab. Stattdessen soll die „Notbremse“ gezogen werden. So heißt die Standardübung. Das Kippen ist so eine Sache, weiß Heike Kanter aus Erfahrung. „In Remscheid gibt es viele Stellen, an denen der Bürgersteig schräg bergauf geht. Das geht gar nicht.“

So müssen sich Rollifahrer immer ihren Weg suchen. Sie müssen auf Dinge achten, die ich nicht sehe: Wo ist der Bordstein erhöht? Wo kann ich runter? Auf der Straße führe das schon mal zu brenzligen Situationen, weiß Lana Petrus. „Daher trage ich immer eine Warnweste und habe Licht am Rolli.“ Manchmal sei auch die Hilfsbereitschaft ein Problem, weiß Simone Platte: „Andere meinen es nur gut, aber man sollte nicht einfach in die Griffe packen und uns ziehen.“ Besser erst fragen. Sonst lande man schnell auf der Nase.

Jetzt wird das „Wäscheklammer-Spiel“ gespielt: Fangen auf vier Rädern und dabei den anderen die Klammern vom Saum klauen. „Leute, ich bin gleich wieder so alle wie letztes Mal“, ruft Simone Platte und fegt davon. Alle lachen. Ich gebe alles.

Wir haben Spaß mit dem Hilfsmittel für unser Leben.

Lana Petrus

Mache aber wieder was falsch. „Nicht so viel drehen, sondern einmal und rollen lassen“, erklärt mir Klaus Völkel-Kohlstadt. Er kommt sogar aus Wuppertal zum Training. Für ihn eine absolut lohnenswerte Sache, zumal man hier viele Tipps bekomme. Am Ende verliere ich das Spiel – natürlich. Aber vor den Rollifahrern habe ich jetzt großen Respekt. „Wir sind nicht arm dran, sondern haben Spaß mit dem Hilfsmittel für unser Leben“, erklärt Lana Petrus. Ihr Motto: Man muss es wollen. Das beweist auch Heike Kanter. Im Mai fliegt sie nach Ägypten zum Tauchen – und der Rolli kommt mit.

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