Interview der Woche

„Diese explosionsartige Entwicklung mussten wir erst mal verstehen“

In der Pflegeeinrichtung waren 63 Bewohner und 29 Mitarbeiter mit dem Corona-Virus infiziert.
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In der Pflegeeinrichtung waren 63 Bewohner und 29 Mitarbeiter mit dem Corona-Virus infiziert.
  • Axel Richter
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Jutta Berendes, Leiterin von Haus Lennep, über den Corona-Ausbruch in der Einrichtung.

Das Gespräch führte Axel Richter 

Frau Berendes, viele Ihrer Bewohner sind an beziehungsweise mit Covid-19 verstorben. Der Kampf gegen das Virus dauerte 42 Tage. Wie geht es Ihnen heute?

Jutta Berendes: Es wird noch lange dauern, dieses Geschehen zu verarbeiten. Wir sind erleichtert, dass wir jetzt nach vorne schauen können. Aufarbeitung und Trauerarbeit beginnen jetzt. Ich bin dankbar, wenn ich an meine Mitarbeiter denke und die tolle Hilfe von anderen. Die Menschen haben an uns geglaubt, an unser ganzes Team im Haus Lennep.

63 Bewohnerinnen und Bewohner und 29 Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten sich Anfang Dezember mit dem Coronavirus infiziert. Wie haben Sie diesen massiven Ausbruch erlebt?

Berendes: Ja, diese explosionsartige Entwicklung mussten wir erst mal verstehen. Wir haben in den Wochen und Monaten zuvor akribisch genau alle Maßnahmen zum Infektionsschutz eingehalten. Und dann gab es mit einem Mal diese Vielzahl positiver Testergebnisse.

Sie sind davon überrascht worden.

Für Jutta Berendes, Leiterin von Haus Lennep in Hackenberg, ihr Team und die Bewohner beginnt jetzt die Zeit der Trauerarbeit und der Aufarbeitung, um das Geschehen während des Corona-Ausbruchs zu bewältigen.

Berendes: Ja, und dann war direktes Handeln gefragt. Rückverfolgung und Neuorganisation bestimmten meinen Alltag. Bis dahin hatten wir keinen einzigen Bewohner, der zuvor Symptome gezeigt hatte. Es gab überhaupt keine Alarmzeichen. Und dann bekamen wir nach einem Routinetest ein solches Ergebnis. Wir waren wie vor den Kopf geschlagen.

Wie haben Ihre Bewohnerinnen und Bewohner reagiert?

Berendes: Ganz unterschiedlich. Viele hatten ja auch eigene Ängste und Unsicherheiten. Hinzu kommt, dass wir viele demenziell erkrankte Menschen haben, die besonders berücksichtigt werden müssen. Für viele Bewohner mussten wir Umzüge organisieren und durchführen. Zimmernachbarn mussten auseinandergelegt werden. Die vertraute Welt ging verloren. Die Menschen konnten sich nicht mehr frei im Haus bewegen. Pflegekräfte hatten nur noch Vollschutzanzüge an und waren für die Bewohner schlechter zu verstehen. Die Mimik ist nicht mehr sichtbar. Es war für alle eine sehr schwierige Zeit.

Die Menschen sind Ihnen anvertraut. Was ist in Ihnen vorgegangen?

Berendes: Ich wollte da sein für die Bewohner, Angehörigen und Mitarbeiter und gleichzeitig war so viel zu tun. Wenn dann schwere Krankheitsverläufe mit Todesfolge hinzukommen und der Aufwand im Haus immer höher wird, kommt man an die eigenen Grenzen.

Haben Sie herausgefunden, welchen Weg das Virus genommen hat?

Berendes: Nicht eindeutig. Wir haben den Verdacht, dass es an zwei Stellen ins Haus hineingetragen wurde. Letztendlich lässt sich das aber nicht mehr eindeutig nachvollziehen.

Nach Schließung der Pflegeeinrichtungen in der ersten Welle sollten die Einrichtungen im Sommer und Herbst unbedingt geöffnet bleiben. War das ein Fehler?

Berendes: Es ist für uns alle, in der gesamten Gesellschaft, eine sehr schwierige Situation, und im Nachhinein ist man natürlich immer schlauer. Ich persönlich verstehe allerdings bis heute nicht, dass das, was im privaten Bereich gilt, nicht auch längst in den Heimen gilt. Zumal auch Fachleute immer wieder gewarnt haben.

Was meinen Sie?

Berendes: Laut Corona-Schutzverordnung dürfen Sie sich in Ihrem privaten Haushalt noch mit maximal einer haushaltsfremden Person treffen. Die Bewohner der Alten- und Pflegeheime dürfen zwei Mal am Tag Besuch von bis zu zwei Personen erhalten. Das sind vier Personen, und die müssen nicht aus einem Haushalt kommen. Wir haben 118 Pflegeplätze. Wenn nur jeder zweite Bewohner Besuch von bis zu vier Personen erhält, kommt dabei ein riesiger Personenkreis heraus. Und das dort, wo Menschen leben, die besonders gefährdet sind.

Gefährdet sind sie aber doch auch infolge von Vereinsamung, wenn sie ihre Verwandten nicht mehr sehen dürfen.

Berendes: Ich habe ja nicht davon gesprochen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner keinen Kontakt haben sollen, mir geht es hier um notwendige Einschränkungen und Verhältnismäßigkeit. Auch in den Alten- und Pflegeeinrichtungen gehen die Bewohnerinnen und Bewohner Freundschaften ein und pflegen sie. Ich behaupte deshalb, in den Heimen leben weniger vereinsamte Menschen als dort, wo alte Menschen allein in ihren eigenen vier Wänden wohnen und die Kinder ganz woanders.

Auch unter Ihren Mitarbeitern gab es einzelne schwere Krankheitsverläufe. Der Betrieb musste weitergehen. Wie haben Sie die Lücken geschlossen?

Berendes: Ich habe großen Zusammenhalt erlebt und nur deshalb haben wir es auch geschafft, das Virus hinter uns zu lassen. Ich bin sehr stolz auf unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die weit über ihre regulären Dienstzeiten hinaus gearbeitet haben. Kollegen aus anderen Einrichtungen haben uns ebenfalls unterstützt. Genauso wie der Oberbürgermeister, die Stadt Remscheid, der Corona-Krisenstab, das Gesundheitsamt und die Heimaufsicht sowie besonders die Bundeswehr. Alle standen hinter uns, und es passte alles zusammen. Dafür sind wir sehr dankbar.

Und die Lenneper?

Berendes: Angehörige unserer Bewohnerinnen und Bewohner haben ebenfalls hinter uns gestanden. Viele Lenneper haben uns Briefe geschrieben, haben angerufen und Geschenke gebracht. Alle haben uns wissen lassen: Wir denken an Euch. Das hat uns wirklich durch die Zeit getragen.

Vor einer Woche sind Gegner der Corona-Schutzmaßnahmen in einem Autocorso vor dem Haus Lennep vorbeigefahren. Was sagen Sie solchen Demonstranten?

Berendes: Jeder hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern. Nach dem, was ich erlebt habe, und nach der allgemeinen Übersterblichkeit belegt von den bekannten Statistiken, zum Beispiel vom Robert-Koch-Institut, kann ich so etwas allerdings nur schwer nachvollziehen.

Das klingt aber noch gelassen.

Berendes: Ja, aber es fällt mir schon schwer. Wissen Sie, neulich hatte ich eine Auseinandersetzung mit einem Besucher, der das Haus betreten, aber partout keine Maske aufsetzen wollte. Und das nach allem, was hier passiert ist.

Sie haben sich impfen lassen. Auch alle Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Berendes: Nicht alle. Aber es sind nur wenige Ausnahmen.

Wie reagieren Sie auf diese Ausnahmen?

Berendes: Ich achte die persönliche Entscheidung des Einzelnen. Aber natürlich sähe ich es gerne, wenn sich alle impfen ließen. Wir beobachten aber im gesamten Altenhilfeverbund, dass sich Mitarbeitende auch später noch für eine Impfung entscheiden.

Sie sagten eingangs, die eigentliche Trauerarbeit begänne jetzt erst. Wie müssen wir uns das vorstellen?

Berendes: Wir haben als Alten- und Pflegeeinrichtung natürlich immer auch mit dem Tod zu tun, nicht aber in dieser Form. Wir haben im Eingangsbereich einen zentralen Trauerbereich geschaffen, wo Bewohner, Angehörige und Pflegekräfte gemeinsam der Verstorbenen gedenken können. Vieles wird erst im Alltag sichtbar. Zum Beispiel weil der Zimmernachbar, mit dem man zusammengewohnt hat, nicht wiedergekommen ist. Es ist schön zu sehen, wie die Menschen in ihre Räume, in ihr Zuhause zurückkehren. Aber es wird noch dauern, bis es wieder so etwas wie Normalität geben wird.

Zur Person

Jutta Berendes (54) leitet seit 2012 die beiden Remscheider Alten- und Pflegeeinrichtungen Haus Lennep und Stockder Stiftung. Die beiden Häuser werden von der Bergischen Diakonie Aprath und der Stadt Remscheid als gemeinnützige Gesellschaft betrieben. Jutta Berendes ist Diplom-Ökotrophologin und schloss 2012 ein berufsbegleitendes Studium zum Management Sozialer Einrichtungen ab. Seit 2001 ist sie in der Altenhilfe tätig. Zu Hause ist Jutta Berendes in Wuppertal.

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