Fuhrpark

Darum fährt die Stadt meistens noch Verbrenner statt Elektro

Die Kosten für das Heizen, das Tanken und den Strom sind in den letzten Wochen merklich gestiegen. Was alle merken, belastet Einkommensschwache besonders stark. Und auch die Wirtschaft leidet darunter.
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Bei Stadtverwaltung, TBR und Feuerwehr wird derzeit eher noch getankt als geladen. Das soll sich zumindest bei den Pkw in den kommenden Jahren sukzessive ändern. Für Müllwagen, Einsatzfahrzeuge und andere Lkw gebe es derzeit aber kaum Alternativen, sagt die Stadt.

Anfrage zeigt: Klimafreundliche Antriebe sind für die TBR und die Feuerwehr oft keine Alternative.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Mehr als 350 motorisierte Fahrzeuge nutzt die Stadt Remscheid derzeit, inklusive TBR und Feuerwehr. Nur sechs davon fahren rein elektrisch. Zwei sind Plug-in-Hybride, zwei weitere werden mit Erdgas angetrieben. Das zeigt die Antwort der Verwaltung auf eine Anfrage der CDU. In der wird allerdings auch klar: Für die meisten Fahrzeuge der Stadt gibt es derzeit kaum eine wirkliche Alternative.

Einige Busse fahren in Remscheid schon elektrisch.

Remscheid: Noch gibt es keine marktreifen Lkw mit Elektro- oder Wasserstoffantrieb

Insbesondere bei den vielen Lkw, die für TBR und Feuerwehr unterwegs sind, seien derzeit keine marktfähigen Modelle mit Elektro- oder Wasserstoffantrieb verfügbar, machte TBR-Chef Michael Zirngiebl unlängst im Betriebsausschuss deutlich: „Weder Mercedes noch MAN bietet etwas an, Volvo arbeitet wohl an etwas.“ Bisher gebe es nur Prototypen. Und die würden sich teils als zu anfällig erweisen.

Da gibt es keine Berührungsängste.

Barbara Reil-Nocke über das Verhältnis der Verwaltung zu alternativen Antrieben

Vor allem aber stellt die Vorlage fest, dass diese Fahrzeuge derzeit noch ungleich teurer sind. Deutlich wird das am Beispiel eines Müllwagens, der als Brennstoffzellenfahrzeuge über 800.000 Euro kostet – und damit mehr als dreimal so viel wie ein konventioneller. „So lange es da keine serienreifen Produkte gibt, werden wir als Stadt Remscheid das Rad sicherlich nicht neu erfinden“, sagt Barbara Reul-Nocke, als Ordnungsdezernentin unter anderem für die Feuerwehr verantwortlich.

Dabei verpflichtet das Saubere-Fahrzeuge-Beschaffungs-Gesetz die Stadt seit August eigentlich dazu, einen bestimmten Anteil emissionsarmer oder -freier Fahrzeuge anzuschaffen. „Es ist immer schön, wenn die Politik etwas beschließt, was sich nicht umsetzen lässt“, sagt Michael Zirngiebl angesichts des nicht vorhandenen Angebot.

Alte Pkw werden ausgetauscht

Stattdessen wolle man nun bei Stadtverwaltung wie TBR die Pkw-Flotte sukzessive austauschen, immer, wenn ein Leasing-Vertrag ausläuft oder ein Auto ausgemustert wird. Und immer, wenn es sinnvoll erscheint. Wie das gehen kann, zeigt der Verwaltungsvorstand, der aus Oberbürgermeister, Stadtdirektor und den zwei Dezernenten besteht. Während der OB mit einem Hybrid-Fahrzeug unterwegs ist, fahren seine Vorstandskollegen zwei E-Autos und ein Diesel-Fahrzeug. Allerdings nicht mehr lange. Für den Diesel, dessen Leasing bald ausläuft, habe man bereits ein E-Fahrzeug als Ersatz bestellt, heiß es in der Vorlage.

Dass ausgerechnet die Stadtspitze vergleichsweise früh auf E- und Hybrid-Autos umgestiegen sei, habe man bewusst so entschieden, sagt Barbara Reul-Nocke: „Das war gewollt, damit ein Zeichen zu setzen.“ Außerdem sei das angesichts der Art, wie die Fahrzeuge genutzt würden, auch relativ problemlos möglich gewesen.

Bei den Remscheidern steigt die Nachfrage nach E-Autos stetig.

Diese Anforderungen müssen die alternativen Antriebe erfüllen

Denn Fahrzeuge mit alternativen Antrieben würden nur da eingesetzt, wo dies auch technisch sinnvoll sei, betont die Dezernentin. Und nicht nur das werde berücksichtigt: „Jede Anschaffung wird bei uns immer auch einer Wirtschaftlichkeitsprüfung unterzogen.“ Nur wenn alternative Antriebe zumindest langfristig nicht teurer sind als Verbrenner, kämen sie zum Einsatz. „Da hat sich ja gerade in letzter Zeit viel verändert.“

An den Mitarbeitern der Verwaltung werde die Einführung alternativer Antriebsmethoden nicht scheitern, ist Reul-Nocke überzeugt: „Da gibt es keine Berührungsängste.“ Und bisher hätten auch noch alle Hybrid-, E- und Erdgasfahrzeuge das gehalten, was man sich von ihnen versprochen habe, so die Dezernentin: „Mir ist kein Fall bekannt, in dem wir die Anschaffung bereut hätten.“

Hintergrund

Insgesamt 360 städtische Fahrzeuge listet die Mitteilungsvorlage auf. 104 davon gehören direkt zur Stadtverwaltung, 75 zur Feuerwehr und 181 zu den TBR. Bei den Technischen Betrieben sind allein 110 Lkw im Einsatz, darunter die Müllfahrzeuge. Bei der Feuerwehr 41 Sonderfahrzeuge, dazu gehören Löschfahrzeuge, Schlauchwagen und Drehleitern sowie 17 Rettungs- und Krankentransportwagen.

Standpunkt: Kein Versuchskaninchen

Ein Kommentar von Sven Schlickowey

sven.schlickowey@rga.de

Hätten Sie es gewusst? Es gibt wirklich ein Saubere-Fahrzeuge-Beschaffungs-Gesetz. Damit wird die öffentliche Hand, aber zum Beispiel auch Paketdienste, verpflichtet, mehr emissionsarme oder -freie Fahrzeuge anzuschaffen. Schade nur, wenn es diese Fahrzeuge gar nicht gibt. Wie zum Beispiel bei der Feuerwehr, wo die Drehleiter nach einem Einsatz unter Umständen gar keine acht Stunden Zeit hat, aufgeladen zu werden – falls es in dieser Zeit erneut brennt. Oder wenn das Angebot nur aus Prototypen besteht, die frühestens in drei, vier Jahren lieferbar wären. Und horrende teuer sind. Die Stadt, zumal eine wirtschaftlich klamme wie Remscheid, eignet sich nicht als Versuchskaninchen. Deswegen tun Verwaltung, TBR und Feuerwehr gut daran, nur dann auf neue Techniken zu setzen, wenn sie sich bewährt haben.

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