Kinderarztpraxen und Kinderklinik in Remscheid sind voll

Die Erkältungswelle überrollt die Kinderärzte

Die Erkältungswelle wird in diesem Jahr stärker ausfallen.
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Die Erkältungswelle wird in diesem Jahr stärker ausfallen.

Das Immunsystem vieler Kinder ist wegen der Corona-Maßnahmen geschwächt.

Von Alexandra Dulinski

Dr. Ansgar Thimm (Foto, Kinderklinik im Sana-Klinikum) und Henning Denkler (Apotheken) merken beide, dass die Infektionen bei Kindern zunehmen.

Remscheid. Die Kinderarztpraxen und die Kinderklinik sind voll. Das merkt man schnell am Telefon: Die Leitungen sind besetzt, Zeit für ein Gespräch mit dem RGA bleibt kaum. Kinder überrollen die Ärzte mit Erkältungssymptomen.

Der Andrang in der Kinderklinik am Sana-Klinikum ist sehr hoch, berichtet Chefarzt Dr. Ansgar Thimm. Gerade Atemwegserkrankungen machen den Kindern zu schaffen. Hoch im Kurs stehe derzeit das RS-Virus, ein Virus, das die Kinderärzte schon lange kennen – und mit dem jeder Mensch in den ersten Lebensjahren in Kontakt kommt. Es kann beispielsweise zu Luftnot und Fieber führen.

Problematisch ist das Virus hauptsächlich für die Ein- bis Anderthalbjährigen. „Je jünger das Kind, desto stärker ist es betroffen“, weiß Thimm. Das Ungewöhnliche für die Mediziner ist in diesem Jahr allerdings das frühe Auftreten des Erregers. Statt erst im Oktober traten die ersten RS-Viren bereits Ende August auf – im vergangenen Jahr wegen der Corona-Maßnahmen dafür fast gar nicht.

Weil die Saison im letzten Jahr ausgefallen ist, kommen die Kinder erst in diesem Herbst in Kontakt mit dem Virus. Die Folge: „Wir haben jetzt auch Zwei- und Fünfjährige auf der Station“, erklärt Thimm. Lediglich für stark gefährdete Kinder gibt es eine sogenannte passive Impfung gegen die RS-Viren, bei der den Kindern Antikörper verabreicht werden.

„Das Immunsystem ist wie ein Muskel.“

Henning Denkler, Apotheker
Dr. Ansgar Thimm (Kinderklinik im Sana-Klinikum) und Henning Denkler (Foto, Apotheken) merken beide, dass die Infektionen bei Kindern zunehmen.

Dass die Infektionen im Herbst anziehen, ist normal, sagt Amtsärztin Dr. Gabriela Marek aus dem Gesundheitsamt. „Der Körper muss sich ständig mit Infektionen auseinandersetzen. Das braucht das Immunsystem auch, um Antikörper zu bilden“, sagt sie. Fällt eine Saison aus, werden Krankheiten in der nächsten stärker auftreten – also jetzt. „Dass eine ganze Saison ausgefallen ist, hatten wir noch nie“, weiß sie.

Apothekensprecher Henning Denkler erklärt, dass dem Immunsystem durch die Maskenpflicht das Training fehlt. „Das Immunsystem ist wie ein Muskel“, sagt er. Zeitgleich zum durch die Corona-Maßnahmen geschwächten Immunsystem sei die Maskenpflicht im Rückgang. Es kommt schneller zu Ansteckungen. „Wenn die Maskenpflicht fällt, erkaufen wir uns das mit einer höheren Ansteckungsquote“, fasst Denkler zusammen.

Nach Stiko-Empfehlung: Spezielle Impfaktionen für Kinder

Kinder vorsorglich gegen die Grippe zu impfen, ist allerdings nicht möglich – beziehungsweise nur für stark gefährdete oder vorerkrankte Kinder. „Die Stiko gibt keine allgemeine Impfempfehlung, weil nicht genügend Daten zum Nutzen der Impfung vorliegen“, erklärt Marek. Durch ständige Infekte haben Kinder eine gewisse Grundimmunität gegenüber Erregern. Das bestätigt auch Henning Denkler: „Kinder stecken es gut weg, wenn sie an der Grippe erkranken.“ Der Nutzen überwiegt also nicht das Risiko für Kinder. Das gleiche galt auch lange Zeit für die Corona-Impfung, bis die Stiko die Impfung freigab. Henning Denkler vermutet aber, dass es irgendwann einen Kombi-Impfstoff gegen Corona und Grippe geben wird.

Wie sich die Situation in der Kinderklinik und in den Arztpraxen im Winter weiterentwickeln wird, weiß Ansgar Thimm nicht. Denn ob sich die Infektionswelle mit den RS-Viren nur nach vorne verschiebt oder gar verlängert, wird sich erst zeigen müssen. Ein positives Signal gibt Thimm aber: Kinder müssen in der Kinderklinik noch nicht abgewiesen werden. „Wir müssen aktuell schauen, wie wir uns organisieren. Kinder mit derselben Erkrankung müssen wir zusammenlegen“, erklärt er. Corona spielt in der Klinik nur eine untergeordnete Rolle. „Wir hatten wenige Kinder, die mit Covid-19-Symptomen aufgenommen wurden. Oft kamen Kinder mit anderen Symptomen, bei denen wir eine Corona-Infektion zusätzlich festgestellt haben“, sagt Thimm.

Ist im Vorjahr auch die Magen-Darm- und Noroviren-Welle ausgefallen, stellt das Gesundheitsamt fest, dass die Noroviren nun wieder zunehmen, sagt Marek. „Wir werden zum normalen Infektionsgeschehen zurückkehren.“

Hintergrund

RS-Virus steht für Respiratorisches Synzytial-Virus und führt zu Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege. Bei Erkältungssymptomen sollten Eltern als Erstes den Kinderarzt kontaktieren. Bis abgeklärt ist, dass keine Corona-Infektion vorliegt, sollte das Kind zu Hause bleiben, sagt Dr. Gabriela Marek. In den Wochen vom 29. September bis zum 12. Oktober seien dem Gesundheitsamt 35 mit Corona infizierte Kinder gemeldet worden – zwei Kinder in der Gruppe der Ein- bis Fünfjährigen, 32 Kinder bei den 6- bis 18-Jährigen.

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